Uvod u lebdenje Quotes
Uvod u lebdenje
by
Dževad Karahasan93 ratings, 3.92 average rating, 11 reviews
Uvod u lebdenje Quotes
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“Schon über ein Jahr lang hörten sie nur vom Krieg, weil alle Leute, alle Zeitungen, alle Fernseh- und Radiosender nur über den Krieg sprachen, in dem sich Kroatien befand. Und dabei war ihr wirkliches Leben, heute wie vor drei Jahren, der ihnen bekannte, bis zum Gehtnichtmehr normale graue Alltag, der sich in der bis zum Gehtnichtmehr normalen und ihnen bekannten wirklichen Welt abspielte. In den Geschäften, in denen sie immer eingekauft hatten, kauften sie die Dinge, die sie immer gekauft hatten, und in den Lokalen, in denen sie immer Kaffee getrunkten hatten, tranken sie auch jetzt den Kaffee, den sie immer getrunken hatten. Alles war bis zum Gehtnichtmehr bekannt und ewig gleich in einer Welt, die bis zum Gehtnichtmehr bekannt und ewig gleich war, nur, und das war das einzig Neue, galten alle ihre Gedanken und Worte dem Krieg, von dem es in ihrer Erfahrung nicht die Spur gab. In den Zeitungen und im Fernsehen, im Radio und in allen Gesprächen gab es nichts außer dem Krieg, während es in den Geschäften und im Lokal, im Schlafzimmer, am Arbeitspatz und auf der Straße nichts gab, was auf Krieg hingewiesen hätte. So entfernten sich das Denken und die Erfahrung immer mehr voneinander, und dadurch zerfielen die menschliche Welt und sein Wesen in zwei Teile, zwischen denen es weder Ähnlichkeiten noch Berührungen gab. Ein derart zerrütteter, derart aus sich selbst emigrierter Mensch musste krank werden, so oder so.”
― Uvod u lebdenje
― Uvod u lebdenje
“Sie konnten gehen und konnten bleiben, und Sie haben gewählt zu bleiben. Ich habe diese Wahl nicht gehabt, in meinem Leben hat es nicht einen einzigen Augenblick gegeben, in dem Weggehen aus Sarajevo möglich gewesen wäre. Wenn Sie mich fragen, warum ich nicht aus Sarajevo weggegangen bin, könnten Sie mich auch fragen, warum ich im Frühling keine Blätter bekomme. Oder warum ich das Essen mit dem Magen verdaue. Das sind keine Wahlmöglichkeiten, das sind nicht unsere Entscheidungen. Für mich ist Sarajevo eine Notwendigkeit, wie für eine Pflanze im Frühling das Blätterkriegen eine Notwendigkeit ist. Nur für die Pflanze, nur sie bekommt Blätter im Frühling. So ist Sarajevo für mich eine natürliche Notwendigkeit, so wie ich bin, bin ich nur hier wirklich, vielleicht bin ich außerhalb von Sarajevo gar nicht möglich. Aber nur für mich, ich mische mich bei anderen nicht ein und schreibe keine Entscheidungen oder Regeln vor.”
― Uvod u lebdenje
― Uvod u lebdenje
“Ich wollte, jemand könnte mir erklären, was mit der Zeit geschieht, die wir auf Reisen verbrignen, oder was mit uns in dieser Zeit. Für einen, der im Zug oder Flugzeug sitzt, für den, der auf einem Bahnhof oder Flughafen wartet, ist eine Minute viel länger als eine Stunde, während eine Stunde buchstäblich kein Ende nimmt. Versucht man aber in der Erinnerung diese Zeit wieder aufzufrischen, merkt man, dass sie wie ein Gedanke verflogen ist, schneller als ein Augenblick in der normalen Zeit.”
― Uvod u lebdenje
― Uvod u lebdenje
