Gegenwartsbewältigung Quotes
Gegenwartsbewältigung
by
Max Czollek821 ratings, 4.24 average rating, 46 reviews
Gegenwartsbewältigung Quotes
Showing 1-12 of 12
“Solidarität ist nicht von sich aus eine Tugend, sie kann sich auch als völkische, rassistische oder nationalistische Verbundenheit äußern. Entscheidend ist also nicht die Frage, ob eine Gesellschaft solidarisch sein kann, sondern wen sie in ihre Solidarität mit einschließt. Und da hatten bereits in den Monaten vor dem Virus die Aufdeckung rechter Strukturen in Bundeswehr, Verfassungsschutz, Polizei und Feuerwehr und die unterlassene Hilfeleistung für die Geflüchteten an der türkisch-griechischen Grenze deutliche Hinweise geliefert. Aber erst der abrupte Schulterschluss gegen Corona und die Verkündigung bedingungsloser Solidarität machten klar, dass es in den vorausgegangenen Fällen nicht an staatlicher Durchsetzungsfähigkeit gemangelt hatte, sondern an - Solidarität.”
― Gegenwartsbewältigung
― Gegenwartsbewältigung
“Die Herausforderung, der sich eine politisch noch lange nicht realisierte plurale Perspektive auf Gesellschaft stellen müsste, wäre, die Komplexität des Hasses denken zu lernen. Einschließen würde das die Einsicht, dass die Gesellschaft aus sich überschneidenden Opfer- und Täter*innenpositionen besteht. Und dass das eine nie die Aufhebung des anderen bedeuten darf. Gruppen sind eben meist beides zugleich Diskriminierende und Diskriminierte, abhängig von der Perspektive, die man wählt: Sexismus, Islamophobie, Klassismus, Antisemitismus, unsoweiterunsofort ... Auf eine Frage der Opposition wie jene zur Zunahme von Islamfeindlichkeit müsste ein Spitzenpolitiker entsprechend antworten: Es gibt eine zunehmende Islamfeindlichkeit unter nichtmuslimischen Deutschen. Und es gibt Antisemitismus unter Muslim*innen. Gegen beides müssen wir etwas tun.”
― Gegenwartsbewältigung
― Gegenwartsbewältigung
“Aber Menschen denken merkwürdige Dinge, beispielsweise auch, dass zum Nationalsozialismus und seinen Verbrechen bereits alles gesagt worden sei. Meiner Erfahrung nach ist dieses deutscheste aller Klagelieder bloß eine andere Version der verschwörerischen Selbstverständlichkeit, 'wir alle' hätten so viel über dieses Thema gehört, dass 'uns' die Silberlöffel schon zu den Ohren rauskämen. Dagegen möchte ich auf der Legitimität einer Perspektive beharren, die nicht von einer Überwindung des Nationalsozialismus nach 1945 ausgeht, sondern nach seinen Kontinuitäten und Konsequenzen auch für die Kunst fragt. Welche Alternativen gibt es also zur Haltung der eingeschnappten Leberwürste, die mit jeder Diskriminierungskritik auch jede Verantwortung von Literatur, Kultur und eigener Sprache für die Gegenwart von ich weisen?”
― Gegenwartsbewältigung
― Gegenwartsbewältigung
“Nach dem Holocaust haben lebende wie tote Juden in der Leitkultur nämlich einen Wert als symbolisches Kapital gewonnen, von dem man möglichst viel um sich anhäufen möchte. Denn der Grad der Legitimität eines deutschen Ordnungskonzepts wie der deutschen Leitkultur bemisst sich in der Gegenwart auch nah der Menge lebender und toter Juden, die es für sich deklarieren kann.”
― Gegenwartsbewältigung
― Gegenwartsbewältigung
“Seit der sogenannten Wiedervereinigung haben vor allem Menschen aus Westdeutschland bestimmt, auf welche Weise über welche Themen gesprochen wurde. Man kann das für jedes Feld durchspielen: Ob beim Aufeinandertreffen von West- und Ostjournalist*innen, von West- und Ostfeminist*innen oder von West- und Ostlinken, überall galten dieselben Spielregeln, bei denen die Erfahrungen und das Wissen der Menschen mit Ostbiografien nahezu nichts mehr wert waren. Als hätte ihr kulturelles und politisches Kapital gemeinsam mit der Ostmark die Konversion nicht überlebt.”
― Gegenwartsbewältigung
― Gegenwartsbewältigung
“Eine Gesellschaft, die sich selbst die Staatsform einer Demokratie auf die Fahne schreibt, darf zu keinem Zeitpunkt akzeptieren, dass religiöse oder anderweitig als anders markierte Teile der Bevölkerung ausgeschlossen, angegriffen oder vertrieben werden. Das gilt selbstredend auch für Geflüchtete und Menschen, die keinen Aufenthaltstitel haben, denn auch sie gehören zu Deutschland. Und zwar unabhängig davon, ob sie nun den Vorstellungen irgendeines abgehalfterten Wrestlers wie Philipp Amthor entsprechen oder nicht.”
― Gegenwartsbewältigung
― Gegenwartsbewältigung
“Das ominöse Wort der Stunde war damals 'Fremdenfeindlichkeit'. Keine schlechte Erfindung für die deutsche Dominanzkultur, denn es machte alle Diskriminierten, Angegriffenen und Ermordeten gleichermaßen zu Fremden und wies den Angreifer*innen und Stammtischen implizit die Definitionsmacht darüber zu, wer sich hier gegen wen wandte: Die Einheimischen gegen die Fremden, was sich damals besonders gegen türkeistämmige, vietnamesische und Schwarze Deutsche richtete. Diese Entwicklung gipfelte in der Veränderung des Grundgesetztes am 26. Mai 1993, als er Bundestag das uneingeschränkte Recht auf Asyl abschaffte. Man begründete diese Entscheidung damals mit, halten Sie sich an Ihrem zinsfreien Sparbuch fest: der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit. Keine Pointe!
Die damalige Begründung ist so logisch, als schaffte man das Verfallsdatum von Milch ab, damit die Milch nicht mehr so schnell schlecht wird.”
― Gegenwartsbewältigung
Die damalige Begründung ist so logisch, als schaffte man das Verfallsdatum von Milch ab, damit die Milch nicht mehr so schnell schlecht wird.”
― Gegenwartsbewältigung
“Die deutsche Literatur in Westdeutschland fungierte also in er Nachkriegszeit einerseits als wichtige Instanz der Aufarbeitung, andererseits als Ort der Bewältigung der Vergangenheit und damit der Neuerfindung eines positiven nationalen Selbstbildes. Für diese Etablierung einer neuen deutschen Identität nach 1945 war die Konzeption einer 'Stunde Null' in der BRD verlockend, weil sie eine Reihe unbequemer Diskussionen von vornherein ausschloss.”
― Gegenwartsbewältigung
― Gegenwartsbewältigung
“Nach Hanau und Halle, Thüringen und Corona heißt Gegenwartsbewältigung auch, ihre Vermächtnisse zu suchen und nach den Alternativen zu fragen, die sie entwickelten.”
― Gegenwartsbewältigung
― Gegenwartsbewältigung
“Leitkultur funktioniert in einer solchen radikal vielfältigen Gesellschaft nicht, weil es kein dominantes Zentrum mehr gibt. Und wenn überhaupt, dann wäre sie eben nicht nur Schiller, Revolverheld und Zwiebelkuchen, sondern auch May Ayim, Russendisko und Baklava.”
― Gegenwartsbewältigung
― Gegenwartsbewältigung
“Hinter der Vorstellung einer *Leit*-Kultur steht also der Glaube, dass es für ein gelingendes Zusammenleben einer hierarchischen Ordnung bedarf, in der sich alle Teile einer Gesellschaft einfügen müssen. Es braucht Gemeinsamkeiten in einer Gesellschaft, und diese Gemeinsamkeiten diktieren immer noch wir! Mia san mia. Der Begriff Leit-*Kultur* meint zugleich, dass dies Gemeinsamkeiten in einer bestimmten geschichtlichen Kontinuität verortet sein sollen. Wer hier dazugehören will, der muss eben nicht nur das Grundgesetz und die Straßenverkehrsordnung auf einem Bein stehend und mit dem Finger auf der Nasenspitze aufsagen können, sondern gefälligst auch den über Jahrhunderte hinweg gewachsenen Geist der Gesellschaft inhaliert haben, auch bekannt als deutsche Kultur.”
― Gegenwartsbewältigung
― Gegenwartsbewältigung
“Will man die plurale Gesellschaft, in der wir leben, zur Grundlage politischen Denkens machen, so müssen Gleichberechtigung und Teilhabe für jede*n gleichermaßen gelten.”
― Gegenwartsbewältigung
― Gegenwartsbewältigung
