Vatermal Quotes

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Vatermal Vatermal by Necati Öziri
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Vatermal Quotes Showing 1-4 of 4
“Du bist 18 und deine Freunde sind mit Balken vor den Augen in den Zeitungen. Sie liegen in den Parks und auf der Pennerwiese herum, sie sind jetzt die Statistik aus den Talkshows, abgeschoben, in der Entzugsklinik oder im Gefängnis. Manche mussten zurück, so wie Bojan. Manche können nicht zurück, weil sie von nirgendwo herkommen, so wie Savaş. Manche mussten gehen, ohne zu wissen wohin, so wie Aylin. Und manche gingen, weil sie sich dazu entschieden hatten, so wie Merve Teyze. Aber wenn es eine Sache gibt, die ich spätestens an dem Nachmittag in der Garage begriffen habe, dann, dass wir alle auf dieser Welt nur beschissene Gastarbeiter sind, und das Einzige, was du tun kannst, ist, aufstehen und das Leben suchen, solange du noch kannst.”
Necati Öziri, Vatermal
tags: death
“Das hier ist ihre Einbürgerungsurkunde. Die dürfen Sie niemals verlieren! Diese Urkunde wird unter keinen Umständen ein zweites Mal ausgestellt, verstanden?" Ich nicke und er überreicht mir das grüne Blatt, auf dem oberhalb meines Namens ein fetter Bundesadler ist. "Damit beantragen Sie jetzt ein Stockwerk höher den Pass, Herr Kaya. Und das war es dann auch schon. Bitte sehr." Kozminski schaut mich an und wartet darauf, dass ich gehe. Das war es dann auch schon. Nach 18 Jahren. Einfach so. Kein herzlichen Glückwunsch, nicht mal eine richtige Verabschiedung. Als wäre es eine Kleinigkeit gewesen, 300 Zeichen, ein paar Kreuze, mehr nicht.”
Necati Öziri, Vatermal
“Baba, Arda hat heute Geburtstag. Und er hat gerade seinen deutschen Pass bekommen!" Savaş nimmt mir die Urkunde weg und hält sie seinem Vater hin. Serkan Amca versteckt die Hände hinter dem Rücken, als hätte er Angst, dass seine fettigen Finger das Papier berühren könnten, und kommt mit dem Gesicht ganz nah vor das Blatt. "Vay be!! Aferin oğluma!", sagt er und nickt mir anerkennend zu. "Wenn du willst, häng ich es auf." Stolz weist er auf seine Ingenieurdiplome, die gegenüber vom Tresen hängen. Er lacht, aber ich weiß, er meint es ernst. Savaş und ich mussten ihm als Kinder kurz nach der Eröffnung des Mevlana-Grills helfen, sie aufzuhängen. Savaş hielt den Kasten mit den Nägeln hoch und ich sollte sagen, ob die Papiere auf gleicher Höhe waren. "Danke, Serkan Amca, aber ich brauche die noch", sage ich, und als ich es ausgesprochen habe, wird mir plötzlich klar, dass Serkan Amcas Abschlüsse hier nur hängen, weil er sie eben nie mehr brauchen wird, weil sie in Deutschland überhaupt nichts wert sind, was wiederum der Grund dafür ist, dass Serkan Amca hier täglich sein Messer wetzt, statt irgendwo Brücken zu bauen.”
Necati Öziri, Vatermal
“Wir selbst wurden einander die Väter, die wir nicht hatten. Wir nannten uns gegenseitig oğlum, schlugen uns aus Spaß in die Nacken, verteilten Prügel an andere und strahlten auf den Bänken durch bloße Anwesenheit Gefahr aus. Wir übten, ihr zu sein, auch weil es die anderen von uns erwarteten. Dieselbe Oma, die mich mit Liebe überhäufte, sagte auch immer wieder, dass ich der Mann im Haus sei, und sie sagte es, weil du, Metin, es nicht warst. Ihr seid vielleicht abgehauen, aber wir konnten euch nicht entkommen. Ihr wart beides, weg und trotzdem da.”
Necati Öziri, Vatermal