Weltenbauer Crowley
Über alle drei Kurzromane in diesem Band ist zu sagen: Ich, mit meinem eher altmodischen Schubladendenken, hätte alle drei ohne weiteres Nachdenken in die Kategorie Science Fiction gesteckt und wäre nie auf die Idee gekommen, diese Romane als "Fantasy" zu vermarkten. Aber da Science Fiction in den letzten 20 Jahren wohl auf die gleiche Weise Popularität verloren hat wie Fantasy sprunghaft beliebt geworden ist, ist es scheinbar einfacher, alles, was irgendwie auch nur am Rande ein fantastisches Element hat, als Fantasy zu deklarieren.
Wer Werke von Philip José Farmer oder Ursula K. LeGuin gelesen und gemocht hat, wird auch dieses Buch von John Crowley mögen - es ist m.E. "soft" Science Fiction mit starkem psychologischem Einschlag, ähnlich dem Werk der beiden vorgenannten.
The Deep
Wie schon von anderen Rezensenten bemerkt, ist dies ein sehr seltsames Stück Text. Für mich war es recht schwer zu lesen, was sowohl an den ungenau abgegrenzten Protagonisten als auch an der allgemeinen Erzählweise lag: abgehackt, unzusammenhängend, stark springend. Den Dialogen kann man kaum folgen, der Plot ist stellenweise sehr schwer verständlich. Trotzdem ist es irgendwie faszinierend, die Stimmung, die erzeugt wird, ist packend und die Welt, die beschrieben wird, lässt einen nicht los. Keine leichte Lektüre, eher was für experimentierfreudige Leser. Man merkt aber auch, dass es sich um das Erstlingswerk eines Autors handelt, es sind doch einige Macken drin, die ein erfahrener Schreiber anders gemacht hätte.
Beasts
Beasts ist eine sehr ballardesque Novelle. Eine Welt, die der unseren sehr ähnlich ist, aber durch ein paar Details abgewandelt wird. Einige Ideen klingen sehr nach Ballard, wie die Kolonie Candy Mountain oder die Beschreibung, wie alle Menschen, die mit den "Leos" zusammentreffen, immer mehr in den Sog ihrer Faszination hineingezogen werden. Insgesamt sieht man deutlich die schriftstellerische Weiterentwicklung Crowleys im Vergleich zu "The Deep" - sehr viel lesbarer, flüssiger und strukturell besser aufgebaut. Diese Novelle hat mir sehr gut gefallen, insbesondere die Schilderungen der Fremdartigkeit, die von den Leos ausgeht, ist sehr beeindruckend und gelungen. Kurz: Deutlich besser als "The Deep".
Engine Summer
Bei dem von vielen Rezensenten als sein bestes Kurzwerk gesehenes "Engine Summer" bin ich zwiespältig. Einerseits ist die erste Hälfte der Novelle sehr sehr ansprechend und verzaubert den Leser mit seiner sehr gelungenen Charakterisierung und einem überaus angenehmen Lesefluss, andererseits ist die zweite Hälfte meines Erachtens übermäßig künstlich kryptisiert, was dazu führt, dass der angesprochene Zauber der ersten Hälfte fast völlig wieder verlorengeht. Ich halte nicht viel davon, den Leser mit immer geheimnisvolleren Andeutungen und immer noch kryptischeren Textteilen dazu zu verführen, zu denken, es werde hier ein philosophisch tiefer Text angeboten, insbesondere, wenn es, wie hier, eindeutig nicht der Fall ist - es ist zwar ein netter Twist am Ende, aber das hätte viel schöner und besser funktioniert ohne diese ganze Pseudokrypto-Erzählung der zweiten Hälfte, die den Lesefluss enorm hemmt. Trotz allem - ein sehr schöner SF-Roman, besonders die erste Hälfte.
Insgesamt möchte ich sagen, dass diese Zusammenstellung dem Leser einige sehr unterhaltsame Stunden mit viel Besinnlichkeit und Sprachzauber schenken wird. Manche handwerkliche Mängel muss man dem Autor attestieren, aber diese werden bei weitem durch seine Fähigkeit, eine Welt plastisch erstehen zu lassen, aufgewogen. Empfehlenswert.