Es ist schon erstaunlich, in welche Höhen sich Pratchetts Scheibenweltromane aufgeschwungen haben. Aus den eher klamaukigen ersten Bänden entwickelten sich die Reihen um Rincewind, die Hexen (und oft in Verbindung mit beiden auch die Unsichtbare Universität), den Tod und die Stadtwache. Hin und wieder gibt es komplett eigenständige Protagonisten und Settings. Alle ersten Bände dieser Sub-Reihen sind in Ordnung, gut, großartig oder völlig brilliant. Ein persönlicher Favorit von mir wird immer 'Einfach Göttlich' (engl. Small Gods) sein - das für mich erste Meisterwerk der Scheibenwelt.
Doch was Pratchett hier erreicht hat, könnte alles vorige in den Schatten stellen. Die Scheibenwelt ist seit ein paar Bänden endlich zu dem geworden, was sie immer sein konnte; die Figuren sind etabliert; ein weites Panorama and Möglichkeiten bietet sich für Handlungen. In der Vergangenheit konnte Pratchett durch die Fantasyrassen Diskriminierung thematisieren - jetzt geht er sogar noch einen Schritt weiter und führt die Untoten (Zombies, Vampire, Werwölfe) endgültig und Leblosen (Golems) vielleicht zum ersten Mal in sein Universum ein, als Teile der Gesellschaft. Ist jemand weniger eine Person, nur weil sie mehr am Leben ist? Oder immer leblos war?
Und dann die Diskriminierung: Lebende schauen auf Untote herab. Untote aber haben oft einen Hass auf Leblose, denn: diese Golems zeigen sich auch noch in aller Öffentlichkeit, etwas, was den Untoten oft Schwierigkeiten einbringt.
Das bestärkt alles meinen Eindruck, dass die beste Fantasy entweder von Mythologie zehrt oder von Science Fiction - oder von beidem.
Dazu kommt das Anliegen Pratchetts, keine Fantasy zu schreiben, die Könige verherrlicht, sondern Fantasy, die Könige demontiert. Entsprechend kann der immer wieder als zornig beschriebene Pratchett seinem Ärger in Form von Samuel Mumm, Kommandeur der Stadtwache, endlich Luft machen und ihn nebenbei trotzdem in Humor kanalisieren, wie er es sonst immer tut.
Die Handlung ist, wie immer bei der Stadtwache, ein Krimi. Wer hat den alten Priester getötet? Wie ist der Patrizier Vetinari vergiftet worden? Wrr hätte ein Interesse daran, ihn auszuschalten? Und was hat das alles mit der Herkunft von Hauptmann Karotte und Korporal Nobbs zu tun? Nebenbei trauen sich die Zwergenfrauen endlich, sich nicht mehr in ein männliches Geschlechterbild zu zwingen, sondern ihre Weinlichkeit, sofern sie ihnen wichtig ist, mit Stolz zu tragen (eine willkommene feministische Entwicklung, nachdem 'Das Erbe des Zauberers' (engl. Equal Rites) da eher zahm war). Und wie kommt Ankh-Morpork gegen die Tendenz der Leute an, sich jedem zu unterwerfen, der angeblich eine adelige Abstammung nachweisen kann?
Man kann fast alle Scheibenweltromane in beliebiger Reihenfolge lesen, auch wenn die Veröffentlichungsreihenfolge natürlich den Mehrwert bietet, bei allen Anfängen dabei zu sein. Wer die Bücher einmal ausprobieren will, dem Empfehle ich dieses Buch oder 'Einfach Göttlich' - da dürfte dann klar werden, was der Reiz an Terry Pratchetts Schreiben ist.
Hier kann jemand nicht nur Kritik üben und satirisch unsere Wirklichkeit durch den Kakao ziehen, sondern auch zielgenau Alltagsmerkwürdigkeiten in Sprache gießen und einen nebenbei immer die nächste Zeile lesen wollen lassen. Klar könnte man auch stattdessen Buchpreisliteratur lesen ... aber warum sollte man?