Robinson und Kovite, ein ehemaliger Literaturstudent und ein Veteran des Irakkriegs, die sich in Rom getroffen haben, schreiben gemeinsam einen Roman über einen Literaturstudenten und einen US-Soldaten während der Besetzung Iraks, die auf den Krieg von 2003 folgte. Ihre Figuren Mickey Montauk und Halifax Corderoy aus Seattle haben sich ebenfalls in Rom kennengelernt. Die jungen Männer zählen sich zu den Enzyklopädisten, leben in einem selbst geschaffenen Universum, das sie in Wikipedia fortschreiben. In loser Verbindung zu dieser Szene aus nur formal bereits erwachsenen Computer-Kids steht das Mädchen Mani. Sie ist Tochter von Einwanderern aus Iran und konnte sich den Anforderungen ihrer Eltern, doch bitte Karriere zu machen, bisher in Träume von einer Existenz als Künstlerin entziehen. Kurz bevor Mickey 2004 als Reservist der Nationalgarde zum Einsatz in den Irak kommandiert wird, heiratet er überstürzt Mani und sichert damit ihren Lebensunterhalt.
"Corderoy zog wieder bei seinen Eltern ein. Nachdem er seinen Job als Teilzeitmanager bei GameStop gekündigt hatte, fand er eine Stelle, bei der er Schüler auf Hochschuleignungstests vorbereiten musste. Jeden Abend vergrub er sich, wenn er nach Hause kam, im Kellergeschoss seiner Eltern, entkorkte eine Eineinhalbliterflasche billigen Chianti und spielte stundenlang EverQuest. Er verspürte wenig Lust, sich seinen Freunden in den Bars anzuschließen; vermutlich würde er auch dort nur trinken, warum also sollte er nicht lieber hier trinken, ganz entspannt in seinem Sessel, und dabei Drachen erschlagen und Erfahrungspunkte sammeln.“ (S. 27)
Montauk, Corderoy und Mani ist auf den ersten Blick ihre Unbedarftheit gemeinsam. Mani möchte sich von der Einmischung ihrer Eltern befreien, macht jedoch keine Anstalten, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, sondern schnorrt sich durchs Leben. Montauk hat die Konsequenzen seiner bis 2003 irgendwie coolen Mitgliedschaft in der Nationalgarde nicht bewusst gemacht und Corderoy trägt mit seinem Literaturstudium in Boston, 5000km von Seattle entfernt, ebenfalls nichts Produktives bei. Ihr Leben ähnelt dem Projekt Wikipedia, deren Inhalt sie einseitig, manipulativ bis dämlich finden – und von dem auch sie Teil sind. Ihre Generation ist von PC-Spielen sozialisiert, aus denen sie bisher ihr Wissen über Krieg bezogen hat, und schusselt verplant durchs Leben.
„Warum sollte man sich [bei der US-Wahl 2004] die Mühe machen, den einen reichen weißen Christen durch einen anderen reichen weißen Christen zu ersetzen?“ (Seite 154)
Corderoys Familiengeschichte verdeutlicht geradezu schmerzhaft, dass diesen Kids die Erinnerungsarbeit aus den Biografien ihrer Väter fehlt und dem ganzen Land die kritische Auseinandersetzung mit den Kriegen, die sie bis dahin geführt hatte. Der Fehler war offensichtlich, dass bereits die wenigen Überlebenden des Ersten Weltkriegs zu wenig über ihre Erlebnisse gesprochen haben. Der Ururgroßvater kämpfte 1861 auf der Seite der Konföderierten, der Urgroßvater überlebte den Ersten Weltkrieg, der Großvater wurde im Zweiten Weltkrieg verwundet, Corderoys Vater ist Vietnam-Veteran. Der Sohn trägt seine Uniform anfangs wie ein Faschingskostüm und bezieht sein Wissen über seinen Einsatzort aus einem Heftchen über Interkulturelle Kompetenzen, das ihm leider nichts über die taktische Bedeutung des Schnurrbartes im Mittleren Osten vermittelte. Auf einen Einsatz an einem Kontrollpunkt mitten im besetzten Bagdad sind weder Ausbilder noch Soldaten vorbereitet; dennoch sind sie überzeugt davon, dass die den Irakern die Freiheit bringen. Die Absurdität dieses Krieges spiegelt sich in der gefährlichen Unbedarftheit einer ganzen Nation.
Mit über 600 Seiten und in unendlicher Detailverliebtheit präsentiert sich "Der Krieg der Enzyklopädisten" als Roman der Generation in den 80ern geborener Computer-Kids in den USA. Die Detailfülle wirkt auf mich, als wäre keiner der beiden Autoren für Kürzungen im Text zuständig gewesen. Wer sich als Leser darauf einlassen kann, entdeckt in vordergründig banalen Szenen jedoch durchaus Tiefe. Die Details entlarven mit bissigem Unterton eine unglaubliche Banalität im Alltag eines Landes, das bis dahin geglaubt hatte, Kriege würden nur in fernen Ländern stattfinden, deren Namen man bis dahin noch nicht einmal schreiben konnte. Eine Diskussion mit den Autoren könnte interessant sein, inwieweit sie sich als Amerikaner dieser Banalität und der eigenen Unbedarftheit bewusst gewesen sind. Die „Enzyklopädisten“ erzählen als Generationen- und als Kriegs-Roman von Männern, aber keineswegs allein für männliche Leser, sondern auch für die Mütter, Schwestern und Ehefrauen dieser Generation. Wie schon viele Romane hat das Buch – für mich - mit dem Finger auf die Gesellschaft und die Familien zurück gedeutet, die diese jungen Männer erzogen haben.