Auch ich habe als Kind das Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" gelesen. Eine Mitschülerin hat mir das Buch empfohlen. Für meine Generation sind Drogen nichts Besonderes mehr. Mindestens jedes Wochenende gab es Saufgelage, auf Klassenfahrten tranken auch die Lehrer mit und im Unterricht bekräftigten die Pädagogen, sie würden selbst auch Drogen nehmen, da sei ja nichts dabei. Wenn Mitschüler nach Holland fuhren, wurden Sammelbestellungen aufgegeben. Ich hatte nur eine einzige Lehrerin, die uns Kinder mal darauf hingewiesen hat, dass Drogen das Gehirn schädigen und die Gesundheit beeinträchtigen. Das Buch von Christiane F. hat mich damals sehr bewegt. Das war die Geschichte eines einsamen Kindes, das in die Drogenszene reinschlittert. Das war eine Geschichte von Sehnsucht, Leid und Hoffnung. Und auf mich wirkte das alles so abschreckend, dass ich mich wirklich von den Drogen fernhielt. An meiner Schule ein echtes Problem wegen des Gruppenzwangs. Es ist als Kind/ Teenager schwer, nein zu Drogen zu sagen, wenn die Erwachsenen selbst den Drogenkonsum verharmlosen. Für meine Generation gehören Drogen zum Erwachsenwerden dazu, Erwachsene konsumieren was auch immer- Alkohol, Zigaretten, Hasch, Kokain. Wenn man nüchtern zuschaut, wie alle in anderer Leute Vorgärten kotzen bis die Polizei kommt, dann fehlt da der Witz. Christiane F. hatte ich immer als Symbolfigur der Warnung verstanden. Deshalb habe ich mich gefreut, dass sie ein weiteres Buch geschrieben hat, in dem sie schildert, was aus ihr geworden ist. Grosses Glück hat sie gehabt- angeblich ist sie die einzige Überlebende der Kinder vom Bahnhof Zoo. Mit 18 bekommt sie fast eine halbe Million (DM), die sie mit dem Buch verdient hat. Ausserdem bietet man ihr trotz Hauptschulabschluss eine Ausbildung zur Buchkauffrau an. Sie freundet sich mit den Keels (Diogenes Verlag) an, die ein weiteres Buch mit ihr machen wollen. In Zürich lernt sie nicht nur Patricia Highsmith, Loriot und Friedrich Dürrenmatt kennen, sondern auch den Platzspitz, eine Parkanlage, in der Drogensüchtige aus ganz Europa offen ihre Sucht ausleben konnten. Denn das ist es, was Christiane immer wieder beklagt, die mangelnde Akzeptanz der Gesellschaft gegenüber Drogensüchtigen. In dem Buch wird z. B. beklagt, dass Nicht-Drogensüchtige angst haben vor Junkies, dass Familienangehörige sich abwenden oder dass es keine Pflegeheime gibt, die auf die besonderen Bedürfnisse der Süchtigen eingehen. Christiane schildert in diesem Buch ihre Beziehungen, ihre Reisen und ihre Treffen mit Prominenten. Ihre Drogensucht hat sie gut im Griff,ihrer Meinung nach. Sie bezeichnet sich selber nicht als Süchtige. Dabei kommt sie ohne Methadon nicht aus. Bei Maischberger bezeichnet sie sich auch als gesund, obwohl sie schwer leberkrank ist. Gearbeitet hat sie nie. Immer wieder verweist sie auf ihre hohen Einnahmen durch ihr Buch und die Verfilmung. Wenn andere Junkies ihr erzählen, sie hätten Schlimmeres erlebt, winkt sie ab. Es gehe ja nicht darum, wer das Schlimmste erlebt hat. Sie räumt ein, dass z. B. das Anschaffen heute viel härter ist als in ihrem Fall damals. Christiane besitzt eine Eigentumswohnung, lebt aber illegal im Obdachlosenheim. Ihr Kind wurde ihr weggenommen. Christiane F. als Mutter- das war der Teil des Buches, der mich berührt hat. Hier schildert sie ihre Bemühungen, sich um das Kind zu kümmern und eine gute Mutter zu sein. Sie erzählt vom Schmerz des Scheiterns, vom Albtraum, das Kind weggenommen zu bekommen. Heute hat Christiane F. eine Stiftung gegründet, um unter anderem eine "akzeptierende Drogenpolitik" zu fördern. Wie ich in einem Interview sah, hat sie selbst ihre Geschichte nie als "Anleitung dazu, KEINE Drogen zu nehmen" verstanden. Heute gelingt es ihr anscheinend gar nicht mehr, sich zu distanzieren oder überhaupt zu erkennen, dass sie eine Süchtige ist. Auf mich wirkt es leider so als hätte Christiane Felscherinow den Überblick über ihr Leben und eine gesunde Selbsteinschätzung verloren. Wenn ich nach all dem Leid in diesem Buch einen Beitrag über die Legalisierung von Drogen und vom Recht auf Rausch lese, dann haut es mich um. Vor 35 Jahren hätten wir aus dem symbolischen Fall der Christiane F. etwas lernen können. Heute ist es zu spät. Wie das Nachwort erklärt, sind heute Banker, Lehrer und Polizisten süchtig. Christiane Felscherinow will den Kindern dieser Erwachsenen helfen. Heute leben wir in einer Welt, in der Kinder von den Erwachsenen zur Einschulung Ritalin verabreicht bekommen. Ist Kindern heute ein Nein zu Drogen überhaupt noch möglich? Ich habe teilweise bei diesem Buch weinen müssen. Allerdings nicht mehr um Christiane, sondern um die Kinder, die in einer Gesellschaft gross werden, in der Drogen normal sind. Es hat mich entsetzt zu lesen, dass Herr Obama, der Mann, der über Krieg und Frieden entscheidet, Kokain konsumiert. Das Buch ist an sich lesenswert, da es schonungslos den Selbstbetrug und die Machtlosigkeit gegenüber Drogen zeigt. Allerdings zeichnet sich in meinen Augen jetzt deutlicher ab, dass Christiane F. nicht vor Drogen warnen, sondern ihre Akzeptanz fördern möchte. Ein damaliger Drogenberater, Horst Brömer, hatte als Christiane F. berühmt wurde die Rolle der Medien, Süchtige zu Stars zu machen und sie zu verheizen, beklagt. Alle wollen sein wie Christiane F., niemand wie ihre toten Freunde. Für mich ist der Mythos Christiane F. zerplatzt und ich glaube, Skeptiker hatten recht, die befürchteten, der Rummel um sie würde Drogen verherrlichen statt abschreckend zu wirken.