Lang und breit
Every You, Every Me ist ein experimenteller Roman. Nicht nur, dass die Geschichte mit Fotos bereichert wird, auch im Textbild springen einen immer wieder durchgestrichene Wörter und Sätze an. Für manche mag das störend, gar unnütz herüberkommen, aber wer Originalität schätzt, wird begeistert sein.
Das viele Durchstreichen verdeutlicht meiner Meinung nach nur das Chaos in Evans Gedankenwelt. Die Geschichte ist aus seiner Sicht geschrieben und seit seine beste Freundin Arial nicht mehr da ist, steht sein Leben Kopf. Er vermisst sie und fühlt sich schuldig. Dann tauchen da plötzlich diese mysteriösen Fotos auf, die etwas mit Arial zu tun zu haben scheinen.
Zugegeben, manchmal fand ich es anstrengend Evans Ausschweifungen zu folgen. Er spricht seine Gedanken oft an ein gedachtes Du und ich war mir nicht immer sicher, ob es sich dabei jetzt um Arial oder eine andere anwesende Person handelt.
Dieses ganze Wirrwarr trägt dazu bei, dass der Leser an Evans Seite immer mehr dem Aufklärungswahn verfällt. Von wem stammen die geheimnisvollen Fotos? Was gab es an Arial, von dem weder Evan noch ihr Freund Jack etwas wusste? Oder ist Evan inzwischen so besessen von Arials Verschwinden, dass er sich das alles nur einbildet? Evans Gedanken haben mich so vereinnahmt, dass ich gegen Ende selbst nicht mehr sicher war, was ich glauben konnte.
Die vielen unbeantworteten Fragen halten die Spannung des Romans aufrecht. Was ist damals mit Arial geschehen? Von wem kommen die Fotos? Und was hat Arial den Menschen, denen sie angeblich am nächsten stand verheimlicht? Stück für Stück gibt es Hinweise und mögliche Lösungsansätze bis sich am Ende ein komplettes, stimmiges Bild ergibt. Dieses Bild hat es in sich, nicht was Schockmomente angeht, eher was die Emotionen betrifft und die Gedanken, die es anstößt. In Verbindung hiermit finde ich den Titel perfekt gewählt. „Every Me, Every You“ beschreibt eine Tatsache, die uns sicherlich allen bewusst ist. Niemand kann eine andere Person in und auswendig kennen. Niemand kennt alle deine „Ichs“ und du kennst selbst von der Person, die dir am wichtigsten ist nicht jedes „Du“.
Die Beziehung zwischen Arial und Evan hat mich bewegt. In Rückblicken erzählt Evan von ihrer gemeinsamen Zeit. Immer wieder wird deutlich, dass er für Arial eigentlich viel mehr sein wollte als nur ein Freund, was Arial stets gekonnt ignoriert hat. Dennoch war die Freundschaft der beiden intensiver als manche Beziehung und wurde durch intensive Gespräche und kreative Ideen geprägt.
Die Idee einen Roman mit inhaltlich passenden Fotos zu bebildern, finde ich fantastisch. Der Entstehungsprozess des Buches wird im Anhang erklärt. Demnach hat Fotograf Jonathan Farmer Autor David Levithan ein Foto gegeben; Levithan hat etwas dazu geschrieben und anschließend das nächste Foto von Farmer erhalten (ohne, dass der Fotograf gelesen hat, was der Autor geschrieben hat) und so weiter. Interessant, und wenn die Fotos alle groß und farbig gedruckt worden wären, hätte mir die Umsetzung auch besser gefallen. Stattdessen sind viele der Fotos nur sehr klein abgebildet und einige auch nur in schwarzweiß. Die Bilder an sich fand ich künstlerisch nicht sonderlich wertvoll. Inhaltlich passt das zwar, weil auch im Buch die Aufnahmen nicht von einem Profi gemacht werden, aber Augenschmaus sieht anders aus.
Kurz und knapp
Ein leicht wirrer, emotional tiefgehender Gedankeneintopf, der erst am Ende der Geschichte seine volle Wirkung entfaltet. Von den unterstützenden Fotos sollte man nicht zu viel erwarten; lieber auf den hervorragenden Schreibstil des Autors setzen.