Stell dir vor, du bist eine junge indigene Frau, die sich mit ihrem Lover in einem idyllisch gelegenen Sommerhaus trifft, das längst für die Wintermonate eingemottet wurde. Du wirst Ohrenzeuge eines Doppelmordes, fliehst aus dem Haus, verlierst bei einsetzendem Schneefall dein Handy. Stell dir vor, du bist ein Makler im fiktiven Algonquin Bay, der den Schlüssel zu einem Häuschen am Trout Lake hat, in dem zwei ermordete Pelzhändler gefunden werden. Du brauchst eine wasserdichte Story, um dich aus dem Mordverdacht der Ermittler herauszuwinden, und wirst Ehefrau und Firma einbüßen. Als John Cardinal und seine Kollegin Lise Delorme im Doppelmord am Trout Lake ermitteln, konfrontiert das den recht frisch verwitweten Cardinal mit seinem alten Leben, in dem er mit Catherine an einem der Seen wohnte. Herausgerissen aus einem jahrzehntealten Cold Case in exakt dieser Gegend, erfährt der Constable Erstaunliches aus der Pelzhändlerbranche, das Motiv für Gewalttaten sein könnte. Im Haus und im Schnee davor finden sich Spuren über Spuren, die ohne Assistenz aus Toronto längst nicht alle zeitnah analysiert werden können. In weiteren Handlungsfäden verfolgen wir die junge Zeugin Sam Doucette auf der Flucht, die um ihr Leben fürchten muss, und einen Mann, der sich „Papa“ nennt, „weiter im Norden“ offenbar seinen eigenen Staat gründen will und dafür eine Kampftruppe aus jugendlichen Sozialwaisen trainiert. Dass Papas Trüppchen die Wege von Tätern und Ermittlern kreuzen könnte, erwies sich als einer der Gruselfaktoren bei der Lektüre.
Im einsetzenden Schneefall vor idyllischer Kulisse inszeniert Giles Blunt mit einer Vielzahl an differenziert gezeichneten Personen ein Szenario mit Todesfällen der unappetitlichen Sorte. Hier geht es u. a. darum, in einer Wildnis unterzutauchen, in der mit großen, gefährlichen Tieren zu rechnen ist und in der Frauen wie Sam vom Vater für diese Wildnis trainiert werden. Blunt punktet nicht nur mit seiner Empathie für den verwitweten Cardinal und dessen derzeit gespaltenes Verhältnis zu gleichaltrigen Frauen, er konnte mich mit durchweg überraschenden Wendungen verblüffen, aber auch mit dem Auftauchen jeder großen, kräftig wirkenden Männerfigur nachhaltig gruseln. Durch die gelungene Verknüpfung von Schauplatz, Plot und Figuren mein Krimi des Jahres.
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Originalausgabe 2010, deutsch: Eismord (2011)