An die Talus-Fans und alle, die dem Buch eine Chance geben wollen: Meidet bitte meine Rezension.
An die, die trotzdem weiterlesen eine allerletzte Warnung: Meine Rezension enthält Spoiler und ich habe keine Lust gehabt sie gesondert zu kennzeichnen. Das schließt plotrelevante Stellen mit ein!
Das positive zuerst
Der Schreibstil war größtenteils gut, auch, wenn ich viel auszusetzen habe, hatte ich keine Probleme das Buch abzuschließen. Man kann es flüssig lesen und kommt gut durch.
Die Edinburgh-Ästhetik, die angestrebt wurde, wurde meiner Auffassung nach erreicht. Ich war noch nie da, deswegen, kann ich schlecht mehr dazu sagen.
Magie
Als Teil des Weltenbaus mein großes Lieblingsthema, weswegen ich natürlich besonders genau hinschaue. Hier hat mich Talus extrem enttäuscht zurückgelassen.
Die Zauber, denen man begegnet, dienen vor allem, um die Ästhetik, den Eindruck einer magischen wundervollen Welt, zu erschaffen, gehen jedoch selten darüber hinaus. Es gibt Zauber, die erschaffen einen täuschend echten Himmel an einer Höhlendecke (Mit Sonnenaufgang und -untergang). Dieselbe Magie ist jedoch, obwohl sie eine der mächtigsten sei, seit langem verloren. Warum hab ich beim Lesen nie erfahren. Einen praktischen Nutzen, außer Deko, hat dieser Zauber nicht.
Der Großteil der Figuren gehört zu den Hexen und ist dementsprechend der Magie mächtig. Wirklich ausüben sah ich die Hauptfiguren jedoch nur zu wenigen Gelegenheiten. Noah übt zu Anfang seine Wassermagie in der Badewanne und nutzt sie dann erst gaaaaaaanz am Ende, um den Bösewicht nieder zu strecken (scheiterte eher und der Bösewicht knallte mit dem Schädel gegen die Wand und knockte sich selbst aus). Bei Lu ist es ähnlich. Hier kommt aber wenigstens etwas Wissen über Tränke hinzu. Kaito erleben wir lediglich einmal als er für Noah das Tarot befragt.
Die Magie, die man sonst zu sehen bekam, war nichts weiter als billige Tricks. So haben es im Buch, die Hexen ausgedrückt, die auf die anderen Hexen aus diesem Grund herabsahen. Was jedoch "starke" Magie sein soll, habe ich nicht erlebt.
Meiner Ansicht nach, reicht ein Feuerlöscher und du kannst dich ganz gut gegen die meisten Hexen behaupten. Der Inhalt für die Feuerhexen, den Feuerlöscher selbst als stumpfe Waffe für alle anderen.
Mir ist klar, dass Magie nicht immer ultra spektakulär sein muss, aber wenn es an direkter Macht fehlt, muss es clever sein. Das war es für mich nicht. Es folgte klaren Regeln, war also eher weniger Soft Magic, gleichzeitig wurden diese Grenzen nie abgesteckt, nie ausgetestet. Ich wusste, es gab Regeln, der die Magie folgt, jedoch kann ich sie nicht nennen. Ich kann nicht sagen wie Magie durch Tränke funktionieren soll. Was funktioniert bei Tränken anders als bei Feuermagie? Die Gebräuhexe kann ja wie es scheint trotzdem Zauber aussprechen, um ihr Zimmer schalldicht zu isolieren, obwohl sie auf Tränke brauen limitiert ist.
Die Magie war vorrausschaubar, weil sie erst gar nicht aktiv genutzt wurde.
Weltenbau
WAS IST PASSIERT, DASS DIE HEXEN SOVIELE ZAUBER VERKLÜNGELT HABEN? Bei Einzug in die Höhlen war der Tapetenzauber für den Himmel ja noch vorhanden? Was haben sie angestellt, dass dieser vom Zeitpunkt des Einzuges in die Edinburgher Höhlen bis heute plötzlich nicht mehr zur Verfügung steht? Soweit ich das beurteilen kann, gab es kein großes geschichtliches Ereignis. Kein großer Krieg in dessen Wirren mehrere Zauber vernichtet wurden. Auch die große Hexe, die Talus geschaffen hat, hat nichts in der Richtung verursacht. Wo sind die Zauber also hin?
Das wäre in meinen Augen ein unwichtiges Detail gewesen, aber man bekommt diese Erklärung mehrmals im Buch. Dass ein großer mächtiger Zauber verloren sei, soll eben den Zauber wohl mystifizieren, offenbart mir jedoch eher, dass hinter der Parallelgesellschaft der Hexen kein wirkliches Fundament steckt. Sie hat keine Vergangenheit außer der, die mit Talus zusammenhängt und die Tatsache, dass sie überhaupt in den Höhlen wohnen.
Von der Seuche fange ich gar nicht erst an, da am Ende rauskommt, dass sie nicht wirklich die Schuldigen infiziert, sondern die Leute, die GLAUBEN, dass sie was schlimmes gemacht haben, und ich mir denke, warum ist das in den Jahrhunderten, die diese Seuche existiert niemandem aufgefallen? Die Hexen hatten 300 Jahre (glaube ich) Zeit um zu schnallen, dass ein paar Unschuldige zuviel unter den Opfern sind. Zudem weiß im Endeffekt jeder wie er die magische Seuche umgehen muss, um trotzdem seinen illegalen Machenschaften nachzugehen. Sie ist also erstaunlich nutzlos.
Figuren und Inkompetenz.
Ich habe Fragen. Wie ist Noah an seinen Job gekommen? Als Schattenleser gehört er zur "Polizei" der Hexen, hat im Laufe des Buches jedoch keinen ausschlaggebenden Hinweis aus eigener Kraft gefunden! Beispielsweise wird er zu einer Leiche gerufen. Nach wenigem begutachten des Tatortes kommt er zu dem Schluss, dass er das alleine nicht kann und ruft Kaito an. Hinweise, denen er ab hier nachgeht: 0. Erst als sein Vater ihm ungefragt einen riesigen Stapel mit Akten auf den Tisch wirft, fängt eine Art Ermittlungsarbeit an (er breitet die Akten im Zimmer aus und betrachtet sie Stirnrunzelnd), aber auch die führt zu nichts. Seine Mutter schiebt ihn sehr direkt in die Richtung des nächsten Hinweises, aber auch das führt zu nichts. Erst, wenn Noah in Handschellen vorm Bösewicht sitzt und der ihm seinen großen Plan offenbart und erklärt wie alle Fälle miteinander zusammenhängen, wird das ganze aufgelöst.
Achja IN die Handschellen ist Noah (Wassermagier und hat Wasser dabei) auch nur geraten, weil er sich von einer Feuerwand (vorinstalliert) und einem alten Mann (KEIN Feuermagier) mit Messer (NICHT magisch) hat einschüchtern lassen.
Hinzu kommt, das Noah, sobald es um die Seuche geht, ein wandelndes nervöses Wrack ist. Ich hatte gehofft, das sei, weil Noah tatsächlich was angestellt hatte und zurecht fürchtete sich anzustecken, aber er hat einfach nur Angst. Dabei glaubte er bis zur Endszene fest daran, dass sie nur Schuldige befällt. Dass er seinen Job nicht abgrundtief hasst, kann ich nicht nachvollziehen, da er hauptberuflich mit dieser Seuche regelmäßig zu tun hat. Ich würde den Job, der mich ständig in Angstschübe versetzt wirklich zutiefst hassen.
Lu ist sehr unsympathisch, da sie extrem abfällig über magielose Menschen und ihre eigene Magie denkt. Das wäre in meinen Augen selbst bei einer sichtgebenden Figur kein Problem, wäre Lu wenigstens kompetent. Sehr lange Zeit bringt sie selbst nichts zustande, denkt aber ständig sie sei besser, weil sie, sobald sie Talus hat, sich eine andere Magieart wünscht.
Erin entwickelt sich das ganze Buch über nicht. Sie muss durchgehend an die Hand genommen werden oder wandelt verwirrt und überwältigt umher. Mir hat jedoch das klärende Gespräch mit Kaito, kurz vor dem Ende gefallen. Das war sehr erwachsen und vernünftig. Trotzdem fühlte es sich für mich sehr losgelöst von der Story, da ich nicht den Eindruck hatte, dass sich zwischen ihnen wirklich eine Beziehung entwickelt hatte. Das konnte ich nicht nachfühlen. Ich denke aber, dass ich zumindest eine Teilursache für dieses Problem kenne.
Erzählweise
Die Geschichte wurde aus den Sichten von Erin, Lu und Noah erzählt. Ich denke es hätte besser mit einer oder maximal zwei Sichten besser funktioniert. Dadurch hätte viel der Handlung weiter vorne gelegen und es wäre fokussierter auf einzelne Charaktere gewesen.
Am Anfang des Buches verliert es sich häufig in kleinen Flashbacks und Expositionsblöcken, die zwar im Kontext der Szene durchaus Sinn machen, jedoch kaum Mehrwert für den weiteren Verlauf der Geschichte bieten. Wir wissen von Anfang an, warum Lu Talus haben will, warum Erin sich so sehr nach Magie sehnt und was ihr an Edinburgh so gefällt, aber dadurch wird sehr wenig gehandelt. Es vergehen bereits ein paar Kapitel, bevor wir Erin bei einer ihrer Geistertouren begleiten.
Ich hatte sehr lange nicht das Gefühl, dass tatsächlich etwas auf dem Spiel steht, dass es eine Gefahr gibt. Dass die Hexen grausam zu den sog. Radain sind, wird erst gezeigt, nachdem Erin eigentlich schon fast wieder raus aus der Gefahrenzone ist. Das ist aber auch erst in der zweiten Hälfte des Buches. Davor gab es einmal einen Zusammenstoß mit einem rachsüchtigen Geist, der sehr schnell glimpflich ausging.
Insgesamt, denke ich, dass Talus in Richtung Ende immer weiter abnimmt. Zuletzt habe ich nur noch schlecht verstanden was gerade passiert und mir ist es ein Rätsel wie Lu sich aufspießen konnte, beziehungsweise wie sich der Bösewicht selbst ausknockt.
Das Ende fühlte sich für mich nicht wie ein Cliffhanger an, sondern wie ein "So! Jetzt hab ich keine Lust mehr. Fertig."
Struktur
40% Ich (Ich hier, Rezensionsschreibende Person) habe aufgegeben mir Hoffnungen zu machen.
Der typische Eintritt des "Normalos", der Indentifikationsfigur der magielosen Leser*innen lag bei 50%. Das ist für mich viel zu spät, da ich die Geschichte, durch Marketing, Buchcover und Klappentext, mit dem Wissen begann, dass Talus und die Hexen existieren. Bis zur 50% Marke hieß es ständig: "Ach, Talus? Jeder weiß, dass das nicht existiert und nur ein Schauermärchen ist." und "Ich wünsche mir sosehr Magie, aber das Leben hat mir gezeigt, dass es sie nicht gibt und jetzt glaube ich nicht daran, obwohl ich sie mir immer noch von ganzem Herzen wünsche." Ich fand es extrem ermüdend und dadurch hat sich die Geschichte für mich viel zu langsam entwickelt. (Zusätzlich zu der Dehnung durch die verschiedenen Sichten.)
Hier hätte sich auch die Streichung einer Sicht bemerkbar gemacht, da der Eintritt in die magische Welt, deutlich weiter vorne gelegen hätte und weitaus mehr Raum für die magische Welt und der Suche nach Talus gewesen wäre. Da es das nicht war, hat nach der Hälfte des Buches die Suche nach Talus immer noch nicht begonnen.
Bei 60% hat Erin immer noch keinen Plan was abgeht.
Bei 80% bekommen wir einen unglaublichen Fakt, der Erin mit Talus verbindet, für den Rest der Geschichte aber keine Relevanz hat, da ihre Verwandtschaft zur Hexe, die Talus geschaffen hat, ihr weder besondere Mächte verleiht noch irgendwie immun gegenüber Talus' ungünstigen Nebeneffekt macht. Erin handelt jedoch immer noch nicht aus eigenen Entscheidungen heraus und beeinflusst somit auch nicht das Geschehen. Dass sie das Buch durch ihre Verwandtschaft erhält ist eigentlich auch egal, weil der Bösewicht Talus schon seit einer ganzen Weile hat und munter am Ausprobieren ist. (Und Noah komplett ohne Buch gefangen wird, nachdem er Kaito aber gesagt hat wo er ist, sprich es wären am Ende sowieso alle um Talus herum gestanden, nur Lu würde noch leben....)
92% Noah gibt auf als er von einem alten Mann und seinem Messer bedroht wird. (Es ist keine Finte, um den alten Mann zu einem Geständnis auszutricksen, seine innere Stimme sagt: "Ich hab verloren." Noah meint es ernst.)
95% Der alte Mann plaudert seinen Evil Masterplan aus und offenbart die Verbindung zwischen den Kriminalfällen.
100% Cliffhanger. Jemand rollt den Würfel. Niemand weiß wer, aber es soll beim Lesen wohl ein Gefühl von "Oh nein!" auslösen. Die Szene war aber an sich schon sehr unübersichtlich, daher juckte es mich in keinster Weise. Ich denke es war Erin um Lu zu retten.
Fazit
Am Anfang dachte ich es wäre zumindest auf dem Niveau von 3 Sternen. Nichts besonderes, aber auch nicht wirklich schlecht. Die Qualität hat beim Fortschreiten des Buches immer weiter abgenommen, sodass ich am Ende bei 2 Sternen angelangt war.
Jedoch haben die Bücher, die ich bisher mit 2 Sternen bewertet habe, mir beim Lesen doch mehr geboten als Talus. Somit gibt es 1 Stern.
Mein vorläufiges Fazit bei 40%: Wäre das ein Debüt gewesen, hätte ich gesagt, dass in ein paar Jahren da durchaus was raus werden kann. Der Schreibstil ist (bis auf die Flashbacks und die Qualitätsabnahme) sehr angenehm, es mangelt nur an der Technik. Eine bestimmte Ästhetik kann aber vermittelt werden.
Da es aber kein Debüt ist, nicht einmal unter diesem Pseudonym, hatte ich deutlich mehr erwartet. Ich bleibe bei diesem Zwischenurteil.
Danke fürs Lesen.