ACHTUNG: ICH SPOILERE KEINE DETAILS, ABER DA JEDER LESER ALTENGLISCHER KRIMIS WEISS, WER AM ENDE NICHT GEWINNEN DARF, GANZ EGAL, WIE ENG ES DABEI ZUGEHT, HABE ICH MICH IN ERSTER LINIE AUF DIE LITERARISCHE QUALITÄT UND NICHT AUF DIE VERMEIDUNG VON EVENTUELLEN HINWEISEN AUF DAS GLÜCKLICHE ENDE KONZENTRIERT: DIE LEKTÜRE DES ROMANS LOHNT AUF AUF JEDEN FALL
Wilkie Collins gilt als Begründer des Kriminalromans und ist auch als Freund von Charles Dickens in die Literaturgeschichte eingegangen. Der Kampf gegen soziales Unrecht und die Doppelmoral der Zeit verbindet die beiden Erfolgsautoren des viktorianischen England. Die literarischen Strategien könnten dagegen unterschiedlicher nicht sein: Dickens komponiert oft herlich anschauliche Idyllen der Armut und schmeichelt mit seinen Portraits von süßen Mädels und knuffigen Originalen der Leserschaft aus den unteren Schichten und rührt zugleich die besser gestellten Leser mit traurigen Kinderschicksalen.
Zudem tröstet Dickens seine weniger gut gestellten Leser über den alltäglichen Hunger mit wahren Fresspornos hinweg, für seitenlange Festmähler hat sein jüngerer Kollege Collins nichts übrig, die Beschreibungen sind auch längst nicht so visuell, ein Portraitmaler ist an ihm wirklich nicht verloren gegangen. Dafür hat er viel besseres Gespür für die Notlage verlorener Mädchen, bzw. die Nöte, die sich aus einem praktisch vermauerten Rückweg ins bürgerliche Leben zu kriminellen Manövern gezwungen sehen. Der rote Schal (Armadale) thematisiert die Nöte von Lydia Gwilt, nominell die Schurkin in der Geschichte und seinerzeit von der guten Gesellschaft als Ausbund einer kaum vorstellbaren Boshaftigkeit empfunden. Tatsächlich handelt es sich um eines jener beklagenswerten Geschöpfe, die als Kinder immer wieder weiter gereicht werden und bei Dickens am Ende des Romans einen rührseligen Tod sterben dürfen, bevor sie erwachsen werden.
Als zwölfjährige Zofe wurde Lydia wegen ihrer handschriftlichen Fähigkeit von der jungen Dame des Hauses in einen Schwindel zur Beschleunigung einer Liebesheirat hinein gezogen und anschließend entsorgt. Der betrogene Bräutigam ermordet seinen in Liebesdingen glücklicheren Namensvetter, hat mit der kreolischen Ersatzfrau, die kein wirklicher Trost ist, aber auch einen Sohn, der wiederum Alan Armadale heißt, wie der Sprössling des Ermordeten. Insgesamt also vier Alan Armadale, allerdings besteht kein Verwechslungsrisiko, denn der dunklere Alan, der sich Ozias Midwinter nennt, erlebt eine Kindheit die anfangs an David Copperfield erinnert, aber mehr und mehr in Richtung Oliver Twist abgleitet, ehe er vom blonden Alan aufgelesen wird, einem ebenso großartigen Glückspilz wie unverbesserlichen Tolpatsch, der ohne die Lebenserfahrung seines Vetters, der nie sein Inkognito lüftet, ganz und gar aufgeschmissen wäre.
Nachdem der Sunnyboy durch unfreiwillige Mithilfe von Lydia, die bei ihrem Selbstmordversuch den Haupterben eliminiert hat, auf einmal reich geworden ist, will sich die frühere Zofe am Nachkommen ihrer früheren Herrrin rächen und ihrerseits erben. Doch kein Plan ist so gut, dass sich nicht immer wieder neue Hindernisse auftun, die auf ungewöhnliche Weise umgangen werden müssen. Tatsächlich hat die einfallsreiche Rächerin, die selbst hin und wieder über Rückfälle in die überholte Tugend stolpert, bei mir mehr Sympathien erweckt, als der trottelige Glückspilz.
Eine besondere, zumeist lächerliche Rolle spielt der Gutsverwalter Mister Bashwood, dessen Karriere durch eine Trinkerfrau ruiniert wurde. Der Witwer ist erst Wachs in Lydias Händen und ein williges Werkzeug beim Ausspionieren des Haushalts der beiden Armadales. In einer Phase, in der er mal wieder als nicht länger nützlich von ihr abserviert wurde, lässt der rachedurstige Mann durch seinen Sohn, einen Privatdetiktiv, die Vorgeschichte seiner Angebeteten ermitteln. Mit dem brisanten Material will Bashwood die Hochzeit mit Armadale zu vereiteln und die wunderschöne Hochstaplerin zum Glück mit dem alten Mann zu zwingen. Die Art und Weise wie Collins, dieses schrullige Original nicht einfach wie seine Kollegen am Ofen sitzen lässt, sondern einen späten, verfehlten Ehrgeiz entwickeln lässt, hat mich besonders beeindruckt. Gerade im Gegensatz zu den pittoresken Originalen eines Charles Dickens, die halt ihre Macke haben. Mister Bashwood ist wohl der erste Repräsentant der sexuellen Hörigkeit in der englischen Literatur, ein alter Narr, der sich, wider besseres Wissen, zum Komplizen in einem Mordanschlag hergibt, traurig genug, dass Lydia im entscheidenden Moment keinen kompetenteren Helfer zur Hand hat, dafür ein Herz für den Mann, den sie wirklich liebt. Leider ist der ein ziemlich kalter Fisch, sonst wäre es nie zu weiteren Mordanschlägen auf den Erben gekommen.
Auf jeden Fall ist viel mehr los, als bei Dickens, die Männer sind nicht die meiste Zeit damit beschäftigt, auch nur die Erwähnung einer unschönen Sache von Damen fern zu halten, damit die Schönen nicht gleich wieder in Ohnmacht fallen, tatsächlich haben Lydia Gwilt und ihre zeitweilige Mitverschwörerin sogar einen härteren Kern als die beiden Armadales. Leider sind nicht alle Charaktere so stimmig wie Lyida oder ihr alter Verehrer, sonst hätte es fünf Sterne gegeben.