Sind „Tragödien“ immer auch „Thriller“?
Hannah Lühmann (Die Welt) schreibt über Nino Haratischwilis Roman: „Seltsamerweise regnet es durchwachsene Rezensionen und manch einer kommt sogar zu dem Schluss, der Roman sei ‚total misslungen‘, ‚unwahrscheinlich‘ und ‚mühsam zusammengehämmert‘.“ Interessanterweise mut-maßt sie, diese Kritiken beträfen gar nicht wirklich den Roman und würden „mehr über die Urtei-lenden verr[aten] als über das Buch.“ Dann aber verlässt sie die Courage und sie teilt nicht mit, was konkret sie damit meint.
Zunächst fällt auf, wie oft darauf hingewiesen wird, der Roman lese sich „wie ein Thriller“ (Heide Soltau, NDR Kultur). Holger Heimann (Deutschlandfunk) steuert dazu den passend- neumodischen Creative-Writing-Quatsch bei und meint, es würde hier mit den „Mitteln der Suspense“ gearbeitet, was freilich für „Thriller“ kennzeichnend ist und vielleicht garantiert, das jede einigermaßen brauchbare Schreibe zum „Pageturner“ (Soltau, ebd.) wird. So sieht denn auch Christiane Lutz (SZ) den Roman „als Thriller angelegt“: „Ausgiebig bastelt sie [Haratischwili- F.S.] an den psychologi-schen Motiven der Figuren und doch agieren sie lediglich als Erfüllungsgehilfen ihrer Versuchsan-ordnung.“ Lutz spricht sich also gegen „Versuchsanordnungen“ aus und verkennt damit, was gute Literatur ist. Sie soll unterhalten, sicher, sie darf auch spannend sein, vor allem aber muss sie et-was zeigen, was unter der Oberfläche des Lebens, wie es nun mal ist, verborgen bleibt. Warum sonst wäre Literatur unverzichtbar? Unterhaltsame „Thriller“ gibt es auch als Film.
Immerhin findet sich bei Lutz der Hinweis, der Text „verweise auf antike Dramen“ (ebd.), wenn diese Verweise ihrer Meinung nach auch schwer auf der Geschichte lasteten. Nun ja, nicht alle Lite-ratur muss „leicht“ daher kommen wie die nicht minder konstruierten Schundgeschichten einer Rosamunde Pilcher. Die Frage ist vielmehr, ob man nicht in der Tat die Redeweise vom „antiken Drama“ durch die von einer „Tragödie“ ersetzen sollte – wie es Lühmann hellsichtig tut –, um die Tiefe und Eigenart eines Textes anzudeuten, der sich gerade deswegen allem „psychologischen Realismus“ versperrt. Wenn der P e r l e n t a u c h e r meint, Lühmann müsse „ebenfalls gestehen, dass Haratischwili eher ‚Tragödiendichterin‘ als ‚psychologische Realistin‘“ sei, dann verweist das kleine Wörtchen „ebenfalls“ sowohl auf das Missverständnis, Lühmann habe das kritisiert, wie auch auf den Kern des Unverständnisses einer der westlichen unheroischen „Moderne“ entstam-menden Kritikergeneration gegenüber einem Text, der seine Nähe zu einer ganz anderen Denk- und Schreibtradition, in der Pathos und Tragik noch nicht in postmoderne Unverbindlichkeit auf-gelöst sind, gar nicht verschweigen will.
Vielleicht irritiert die Rezensenten ja der Umstand, dass die Archaik der dramatischen Konstruktion einher geht mit ganz modernen Stilmitteln der Reflexion, des Wechsels der Erzählperspektive (Ich- Erzähler Onno) und in der Tat „Elementen des magischen Realismus“ (Identifikation der „Katze“ mit der toten „Nura“). Hier hat Heide Soltau gut beobachtet; sie weist zudem ganz richtig darauf hin, Haratischwili habe „keine Angst vor Pathos“: „Das mag gelegentlich grenzwertig sein, aber der Stoff gibt das her.“ (Soltau, ebd.) Der gewählte Stoff gibt das in der Tat her, denn nicht die verge-waltigte und getötete Nura ist die „Hauptfigur“ („Hauptfigur ist eine Tote“), wie Claudia Mäder (NZZ) das „Holzschnitthafte“ und die ihrer Meinung nach „bemühte Bauweise des Buches“ fehl-interpretiert, sondern der im Kern seiner Persönlichkeit sich nicht wandelnde „General“ Alexander Orlow. Völlig zutreffend schreibt denn auch Christiane Lutz: „Dieser General ist die wichtigste und schwierigste Figur des Romans.“ Er muss es sein – aller holzschnittartigen Konstruiertheit seines Charakters zum Trotz –, weil nur in seiner Tat die unausweichliche Verschränkung des Guten im Bösen wie des Bösen im Guten schicksalhaft wird. Seine Tat (und die Art, wie er damit umgeht und im Interesse der Erzählung auch damit umgehen muss) ist die Achse, um die sich alles dreht. Dabei wird kaum mit den „Mitteln der Suspense“ gearbeitet, sondern es wird einfach bis fast zum Schluss hin offen gelassen, was wirklich passiert ist. Auch die quälende Schilderung der Vergewaltigung und Tötung von Nura lässt den entscheidenden Punkt aus: Wer war der Täter? Das Nicht-Wissen um die Täterschaft erhält dem Roman bei aller epischen Breite die notwendige Spannung, ohne dass – anders als im Thriller – der Sinn mit der Beantwortung der Frage sich enthüllen würde. Der eigentlich überraschende Moment tritt im Nachdenken darüber ein, warum die Ermordung des Mädchens so unausweichlich wie unverschuldet schuldhaft werden musste. Und das, was Aristote-les „Katharsis“ nennt, tritt unweigerlich ein, wenn man sich fragen muss, ob der Ausgang des Ro-mans zwingend ist, oder ob die Autorin dem Täter nicht doch hätte vergeben können.
Einst konnte Goethes Schwager Vulpius nicht verstehen, warum der „edle Räuber“ Moor bei Schil-ler sterben muss, und seine versöhnliche Variante um „Rinaldo Rinaldini“ markiert den Beginn dessen, was seither nicht einfach schlechte, sondern zutreffender Trivialliteratur genannt wird. Ha-ratischwili entgeht dieser Versuchung, indem sie die Figur des deutschen (!) Journalisten Onno ein-führt, dessen charakterliche Schlaffheit einher geht mit seiner Neugier auf das pralle (und tragische Momente nicht entbehrende) Leben im Osten, namentlich auf dem Gebiet der zusammenbrechen-den Sowjetunion. Nur aus der Perspektive des „Gönnenden“ (Onno) konnte die Geschichte von Na-bokovs „Ada“ (dem Vorbild für die Namensgebung der Tochter Alexander Orlows ) so erzählt wer-den, dass sie als „Motor“ des Geschehens und Anstoß für den „General“, seine Version von Dosto-jewskis Roman „Schuld und Sühne“ (Adas Mutter heißt nicht umsonst Sonja) umzusetzen, glaub-haft wird. Bei Nabokov sterben die beiden Helden in das vollendete Buch hinein… - und so ist es auch hier.
Im Kern seiner dramatischen Konstruktion ist Haratischwilis Roman also an die antike Tragödie angelehnt; in seiner epischen Breite erinnert er allerdings eher an die realistischen Romane des 19. Jahrhunderts in ihrer Variante als Ausdrucksform „unglücklichen Bewusstseins“, wie es Hans Mayer in Anlehnung an Hegel einmal ausgedrückt hat. Erzählt wird keine Geschichte des mehr oder weniger erfolgreichen An- und Zu- sich- selbst- Kommens, sondern vielmehr eine Geschichte der Brüche und der verlorenen Chancen, für die stellvertretend die Biografie der „Katze“ steht. Im ziemlich tristen und hoffnungslos geschilderten Milieu der Flüchtlinge und Migranten verweist einzig das Fehlen eines kleinen „a“ auf die Möglichkeit eines optimistischen Ausgangs: Der Be-amte, der „Katzes“ Namen ins Geburtsregister einträgt, vergisst es und sorgt somit dafür, dass „Sesili“ – wie „die Katze“ nun heißt – nicht den Namen ihrer Großmutter trägt. Diese tatkräftige Frau, die dennoch nicht sieht (oder nicht sehen will), was aus ihren Kindern geworden ist, heißt Sesilia, was von „caeca“ (=blind) kommt, aber auch an „Cecilia“ („Schutzheilige der Musik“- vgl. Katzes Beziehung zum Komponisten R.) erinnern könnte. (Und selbst wenn das überinterpretiert ist und Haratischwili beispielsweise nur an eine georgische Schauspielerin mit dem Namen Sesilia Takaischvili gedacht haben sollte, ist es doch zutreffend, denn in der Tat kann man sagen, Sesili wird sehend, wenn auch nur aus der Perspektive eines sozusagen „Venezianischen Spiegels“, bei dem man hinter der Glasscheibe sitzt und sehen kann, was davor passiert.)
Wie dem auch sei: Wenn zutrifft, was Terry Eagleton über die Tragödie gesagt hat, nämlich dass sie in „ihrer vollendeten Gestalt… eine mutige Reflexion über das Wesen des menschlichen Daseins“ ist, dann bietet der Roman „Die Katze und der General“ genau das. Überfordert kann damit nur sein, wer in dem kläglichen „Soll und Haben“ (Gustav Freytag) einer Gesellschaft befangen ist, der jeder Sinn für die Tragik des Unabgegoltenseins menschlicher Handlungen in ihren Resultaten ab-handengekommen und das Stellen großer Fragen peinlich geworden ist. Letztlich geht es um Schil-lers Einsicht, dass nicht – wie Hollywood und die manichäische amerikanische Ideologie es uns immer aufs Neue weismachen wollen – das Böse an sich, sondern „vollendeter Idealism“ zu Terro-rismus führt. Darüber lohnt es sich nachzudenken, auch wenn der so verstandene „Idealismus“ (nicht erst) heute unglaubwürdig ist. Um ihn in seinen Folgen zu zeigen, stehen sich genau deshalb die „engelsgleiche Ada“ und ihr „teuflischer“ (?) Vater schablonenhaft gegenüber. Wie auch sonst? Realistischer Idealismus ist ein Widerspruch in sich. Das auf sich genommen und in seinen Konse-quenzen gezeigt zu haben, das ist die große Kunst der Nino Haratischwili in ihrem Roman „Die Katze und der General“.