Alexandra Reinwarth erzählt in ihrem Buch "Am Arsch vorbei geht auch ein Weg - Wie sich dein Leben verbessert, wenn du dich endlich locker machst" aus verschiedenen Situationen in ihrem Leben und erklärt, wie man es schafft, sich gewisse Dinge am Arsch vorbeigehen zu lassen, ohne zum Arschloch zu mutieren (siehe Klappentext). Ziel des ganzen ist es, sich das Leben durch geschickt plazierte "ist mir egal"-s zu erleichtern und Alltagsstress zu reduzieren.
Das Buch ist in sechs Kapitel aufgeteilt, die alle Lebensbereiche abdecken (über die eigene Person, Freunde, Bekannte, bis hin zur Liebe), in denen man sich manches getrost am Arsch vorbeigehen lassen kann. Ferner werden auch Situationen beschrieben, die man doch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit bewältigen sollte, denn natürlich kann und sollte einem nicht alles egal sein.
Um es vorweg zu nehmen: nein, in meinen Augen schafft die Autorin es nicht, nicht zum "Arschloch zu mutieren". Obwohl sie oft sinnvoll dazu anregt, sich Situationen nicht auszusetzen, schafft sie es nicht, dem völligen blinden Egoismus zu entkommen.
So mag es auf den ersten Blick etwa plausibel erscheinen, ein Projekt abzubrechen, wenn es einen zu sehr einnimmt und stresst, allerdings ändert sich das, wenn man erfährt, dass das Projekt ein Gefallen für eine Freundin ist, die sich auf einen verlässt. (Vgl. S. 68)
Freundin Sandra rechnet fest mit der Unterstützung der Autorin, die diese zugesagt hat, jedoch plötzlich eines abends zum Telefon greift und aussteigt.
Sandra fragt, völlig vor den Kopf gestoßen, was sie denn jetzt machen solle. Wir erinnern uns: sie hatte sich auf die Autorin verlassen.
Diese entgegnet daraufhin nur schnippisch "Ja, keine Ahnung - was machst du denn jetzt?"
Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde. Wenn es einen nicht zum Arschloch macht, Leute eiskalt im Stich zu lassen, dann weiß ich auch nicht.
Auch scheint die Autorin neben ihrer Candy-Crush-Sucht ein großes Problem damit zu haben, dass nicht jeder Mensch dieselben Vorlieben und Aversionen wie sie selbst hegt und ihr offenbar das Wissen fehlt, dass die Menschen nicht zwangsläufig so sind, wie sie sich das aufgrund kurzer Einblicke vorstellt. So ist es für sie undenkbar, dass irgendeine Frau sich gerne schminkt. Sie behauptet, jede Frau schminke sich für Die Anderen. Ich selbst bin zufällig eine von denen, die sich gern schminkt, aber auch gern ungeschminkt vor die Tür geht. Ich passe nicht in das Weltbild der Autorin.
Ernstnehmen kann ich auch nicht, dass ihr die Selbstverbesserung am Arsch vorbeigeht (S. 38), dennoch dieses Buch schrieb, in dem es ja im Grunde um nichts anderes geht. Auf der nächsten Seite wird geraten, unerreichbar erscheinende Wünsche zu begraben, da diese ja irgendwie doch nicht in das eigene Leben passen würden. So meldet sie sich nicht einfach in einem Yogakurs an, obwohl sie das im Grunde so gerne täte. Was sie davon abhält, versteht vermutlich nur sie selbst.
Sprachlich ist der Text auf dem Niveau eines Mittelstufenschülers, oft herablassenden Tones und gespickt mit schlechten Witzen, die eine tiefe, lang andauernde Traurigkeit in mir auslösten. Lachen oder wenigstens Schmunzeln musste ich kein einziges Mal, im Gegenteil, meistens schämte ich mich fremd.
Zusammenfassend erfüllt dieses Buch nicht einmal die Ansprüche der Autorin selbst, nämlich, bei all dem Am-Arsch-vorbei-gehen-lassen nicht zum Arschloch zu werden. Ich bin froh, Menschen wie Alexandra Reinwarth nicht zu meinen Freunden oder Bekannten zählen zu müssen.
Jede Minute, die ich mit dem Lesen dieses Buches verschwendete, tat mir fast körperlich weh und endete damit, dass ich mein Exemplar auf den Boden warf.
Warum ich es dann überhaupt gelesen habe? Mein Vater empfahl es mir mit den Worten "das ist der dämlichste Scheiß, den ich seit Langem gelesen habe. Das ist einfach so dumm, ich musste es abbrechen" und - der geneigte Leser dieser Rezension wird es schon vermuten - ich stimme seinem weise formulierten Urteil vollkommen zu.
Wenn jemand nun wissen möchte, was einem eigentlich egal sein kann, der kann guten Gewissens auf seinen gesunden Menschenverstand hören.
Das einzig Gute an diesem Buch ist, dass ich nur Zeit, aber wenigstens kein Geld dafür verschwendet habe.
Lesen Sie etwas anderes und lassen Sie sich Frau Reinwarth am Arsch vorbeigehen.