Ich hatte etwas gewartet mit dem zweiten - und letzten - Tiptree (Alice B. Sheldon) Roman, denn ich weiß, dass ich danach praktisch nichts für mich Neues mehr von Tiptree lesen kann und das finde ich sehr schade. Dieser Roman bildet den Abschluss der lobenswerten Tiptree Werkausgabe im Septime Verlag und er erscheint überhaupt zum ersten Mal in deutscher Übersetzung. Das Gesamtwerk ist jetzt in insgesamt zehn Bänden verfügbar, die Kurzgeschichten in sieben Bänden, die zwei Romane und ein Band mit Essays, Briefe und Lyrik. Dazu kommt noch die ausgezeichnete Tiptree-Biographie von Julie Phillips. Das Buch ist sehr schön gestaltet, mit Lesebändchen, mehreren Zeichnungen und einem Glossar.
Eine Gruppe von Menschen reist zu einer Forschungsstation auf dem Planeten Damien, um dort das Vorbeiziehen einer Novafront zu beobachten, die Strahlungs- und Teilchenschauer, die vor etlichen Jahren von der Nova ausgestoßen wurden und nun Damien erreichen. Der Planet ist eigentlich für Besucher gesperrt, leben auf ihm doch engelgleiche Wesen, denen von Menschen Schreckliches angetan wurde und die nun beschützt werden sollen. Auch die Nova geht auf ein menschliches Verbrechen zurück, wie sich irgendwann herausstellen wird. Die Gruppe der Besucher ist interessant zusammengestellt, viele verbergen ihre wahren Motive, es sind Verbrecher darunter und Konflikte mit der Stammbesatzung sind vorprogrammiert. Tiptree lässt sich sehr sehr viel Zeit für die Einführung der Figuren, es werden länglich Freundlichkeiten ausgetauscht und man bereitet sich ausgiebig auf das Himmelsschauspiel vor, das gepflegt bei gutem Essen und Trinken beobachtet werden soll.
Die komplette Handlung des Romans spielt an einem Damientag, der etwa 32 Stunden umfasst. Wie ein Countdown zählen die Kapitel die Stunden bis zum Eintreffen der Novafront herunter und mit dem Höhepunkt der Novastrahlung beginnt auch der Höhepunkt des Romans, die Masken fallen und die wahren Hintergründe werden deutlich.
Alles spielt sich in einem eng begrenzten Raum ab: in verschiedenen Zimmern der Station und auf der Veranda davor, davon gibt es sogar eine Zeichnung am Anfang des Buches. Auf mich wirkte der Aufbau wie ein klassisches Theaterstück, wie der gelungene Versuch eine Einheit von Ort, Zeit und Handlung herzustellen.
Wenn man sich auf das langsame Tempo einlässt, macht der Roman Spaß. Für mich hatte er seine stärksten Szenen in der Mitte, wenn ein Alien überraschend angreift (das verrät schon die Kapitelüberschrift), es Zeitgestöber gibt und manches mehr. In den folgenden Auseinandersetzungen gibt es mehr Tote, als ich erwartet hatte, aber auch Tiptrees Kurzgeschichten enden ja oft mit dem Tod.
Vieles fand ich allerdings nicht schlüssig: einerseits lädt man eine Gruppe von sehr jungen Schauspielern ein, einen Pornofilm(!) während der Nova zu drehen (das dramatische Himmelsschauspiel soll die Szenen aufwerten), andererseits reagieren alle dann furchtbar verklemmt darauf. Die Wächter des Planeten handeln ziemlich dilettantisch und furchtbar zögerlich. Ich hätte mir auch noch mehr Weltenbau gewünscht, mehr Ideen, mehr Neues einfach.
Es ist sicherlich ein lesenswerter Roman, aber er zeigt dennoch, dass Tiptrees Stärke bei den Kurzgeschichten lag.