Der Deputy-Sheriff eines westtexanischen Kleinstkaffs, Tom Lord, tötet – vielleicht mit Absicht, vielleicht aus Versehen, vielleicht auch gar nicht selbst – seinen Widersacher Aaron McBride, den Vorarbeiter einer Ölgesellschaft, die Lord um die Erträge seines ererbten Landes gebracht hat. Da die ganze Gesellschaft lediglich eine Strohfirma ist, eine Geldwaschanlage, in die Kunden aus dem ganzen Land ihre geheimen Ersparnisse tragen, stehen beim örtlichen Verbindungsmann des Syndikats, Pellino, bald eben diese Kunden auf der Matte und machen Druck. Weder können sie Unruhe, noch polizeiliche Untersuchungen und gleich gar keine unerklärbaren Leichen in der Gegend gebrauchen. Als dann die Witwe des verstorbenen Vorarbeiters, Donna McBride, auftaucht, erklärtermaßen, um den Mörder ihres Gatten zu töten, verdichten sich die für Lord zunächst übersichtlichen Verwicklungen zu einem nahezu tödlichen Gewebe – und er ist für ein jede der Spinnen im Netz genau die Beute, die sie braucht…
Tobias Gohlis beginnt sein Nachwort mit dem Hinweis, daß es schiene, als wolle Jim Thompson mit seinem immerhin 19. Roman noch einmal neu beginnen, einen Neustart wagen. Folgt man Gohlis´ wie immer lesenswertem Essay, deutet vieles darauf hin, daß dem auch genau so war, standen doch Veränderungen, Verbesserungen an im Leben des überzeugten Sozialisten, harten Trinkers, gnadenlosen Pessimisten mit misantrophen Zügen und Autoren mit genialischen Zügen. Und wie es mehr Licht in seinem Alltag zu geben schien, so ließ er seinen Figuren mehr Licht, mehr Raum zum Atmen denn je. Unter dem endlosen westtexanischen Himmel, in der Hitze des Mittags, wird der Einzelne derart klein, daß er im grellen Licht fast verschwindet. In Thompsons Romanen bleicht die Sonne immer auch ein imaginäres Skelett am Wegesrand aus. Hier aber ist das Offene des Raums auch Chance, Möglichkeit der Einkehr, Umkehr und Gnade – wie des exakten Gegenteils. Gohlis weist auf die Namensähnlichkeit zwischen dem hier beschriebenen Helden Tom Lord und jenem Psychopathen Lou Ford, der dem aufmerksamen Thompson-Leser bereits in verschiedenen Inkarnationen in den Romanen THE KILLER INSIDE ME (1952) und WILD TOWN (1957) begegnet ist, hin und auch darauf, daß beide – da THE TRANSGRESSORS (dt. „die etwas Übertreten“; „Missetäter“ - so der Originaltitel des vorliegenden Bandes) ein Auftragswerk war, änderte Thompson den Namen erst spät, ursprünglich hätte man es hier also mit einem dritten Lou Ford zu tun gehabt – in ihrem eingebildeten oder ausgelebten, zweifellos aber vorhandenen Sadismus dem Sheriff aus dem später entstandenen Werk POP. 1280 (1964) ähneln, gewissermaßen sind alle Figuren Behandlungen ein und desselben Themas. Genau daran kann man die Idee des Neuanfangs gut festmachen. Wirklich hat der Leser es hier ausnahmsweise einmal mit jemandem bei Thompson zu tun, der wohl hart mit sich ins Gericht geht und die eigenen Gedankenwelt, die lediglich als für die Mitmenschen manchmal zu grimmiger Humor nach außen dringt, zweifelnd in Frage stellt, sich durchaus auch fragt, ob alles mit ihm stimmt, der aber zugleich als moralisches, empathisches Wesen dargestellt wird, welches in der Lage ist, sich zu zügeln, die Kontrolle zu behalten. Diesem Mann mag der Leser glauben, daß die Rangelei mit McBride möglicherweise nicht nur ein Unfall, sondern sogar ein forcierter Selbstmord war. MacBride ist sich seiner Verwicklung in den miesen Betrug vollauf bewußt, in seiner finanziellen wie seelischen Not aber willens, dafür einzustehen und nötigenfalls auch mit unlauteren Mitteln um einen Vorteil zu kämpfen, den er sich bereits mit unlauteren Mitteln erwirkt hat. Dieser McBride ist ein zerstörter Mann, seit Lord ihn – mit einer geringfügigen Begründung, die sich ein Polizist in Texas schnell ausdenken kann – derart zusammengeschlagen hat, daß sein Wille gebrochen ist. Ein Mann ohne Lebenswillen in der Weite der texanischen Einöde – nutzlos. Warum nicht als letzten Akt ein Selbstmord, der wie ein Tötungsdelikt wirken muß, zumal Lord ja ein passendes Motiv gehabt hätte?
Thompson gibt sich als allwissender Erzähler und führt uns so – eher eine Seltenheit in seinem Kosmos – in die Innenwelt gleich mehrerer Personen ein, was diese auf andere Art als sonst beim Autor vielschichtig und ambivalent macht und keineswegs so verdammenswert erscheinen läßt, wie der deutsche Titel es suggeriert. Es gelingt Thompson, eine enorme Tragik zu beschwören, die er mit der ihm eigenen Lakonie entfaltet, die sich abspult mit der gnadenlosen Gleichgültigkeit eines Uhrwerks und in der die Schicksale der Menschen vollkommen gleichgültig anmuten, was im Text bei allem schwarzen Humor, den Thompson immer bietet, eine tiefe Traurigkeit hinterlässt. Gerade weil Thompson gewillt scheint, anders an die Sache heranzugehen, positiver, tritt diese Traurigkeit umso stärker hervor. Ob McBride oder Tom Lord, ob Buck - ein weiterer Deputy-Sheriff - , ob Joyce - eine Prostituierte, die den falschen Leuten zur falschen Zeit als der richtige Köder erscheint - , ob Donna oder gar die „Kunden“, die sich bei Pellino einfinden – Thompson schildert sie alle als Getriebene, als Opfer eines Systems, eines gnadenlosen Uhrwerks, das mechanisch funktioniert in der ewigen, endlos weiten Einöde West-Texas´ und das eigentlich gar keine Menschen braucht. Es generiert sich aus sich selbst. Amerika am Ausgang der prosperierenden 1950er Jahre, jenes Jahrzehnts, das doch angeblich allgemeinen Wohlstand generiert hat: Ein Land, der sich verselbstständigenden Systeme, ein Land, das Institutionen hervorbringt, die Menschen obsolet machen.
Die Steppe, die Wüste, über deren Fläche hinweg es Buck gelingt, Kilometer entfernt seine Widersacher zu beobachten, die mit der Offenheit aber eben auch keine Deckung, keinen Schatten, keine Wärme bietet, steht eben auch als Sinnbild dieser Mechanik. Nichts passt eher in dieses Bild, als die Reihen sich immer gleich hebender und senkender Bohrpumpenköpfe. Die Kehrseite des Offenen: Der Mensch kann dort verschwinden, nahezu unbemerkt untergehen. Alle die oben Genannten sind den Regeln und Gesetzen der tödlichen Mechanik der Wüste unterworfen. Wer in diesem System – ob im Klein-Klein eines Städtchens oder auf der großen Bühne der Konzerne und Syndikate – nicht funktioniert, sich gar widersetzt, wird gnadenlos eliminiert. Da kommt der Sozialist, der marxistisch Geschulte im Autor um Vorschein. Nur Pellino, der ist ein ewiger Nutznießer jeglicher Krisen und wird von Thompson dann auch – Strafe muß sein in einem Roman, der sich um weitaus mehr ausgleichende Gerechtigkeit für die Figuren bemüht, als Thompson diesen ansonsten widerfahren läßt – einem einer Schlange angemessenen Ende zugeführt.
Das Öl ist im Boden, den Boden penetrieren Maschinen, was unter der Oberfläche gärt, wird Stück für Stück, Tonne für Tonne, hervorgezerrt. Doch Thompson, ganz Dialektiker, weiß, daß sich seine Analyse dem Leser emotional erfahrbar machen muß, es braucht eine Entsprechung. Und so zerrt Donna Stück für Stück den Teil von Tom Lord an die Oberfläche, der sich innerlich in einem ununterbrochenen Strafgericht befindet und nun erstmals auf den Prüfstand einer Realität gestellt wird, die an ihm als Mensch interessiert ist. Alle anderen brauchen ihn nur als Stand-In: als Motiv, als Leiche, als Täter, als Versorger, als Stellvertreter, der das eigene Leben vereinfacht, als Sündenbock für Konkretes und Latentes; Donna ist die erste, die Tom Lord als er selbst zu sehen scheint, obwohl er mit ihr ständig Spielchen des Verstellens spielt – ob als Arzt, als der er sich ausgibt, als Macho, der er nicht (wirklich) ist oder als Wahnsinniger, der droht, sie eiskalt und skrupellos zu töten. Diesem Gesehen-Werden steht Lord, die Umgebung, Umwelt gewohnt, die Thompson uns mit wenigen, aber starken Strichen skizziert, zunächst mißtrauisch gegenüber. Und zugleich fällt es ihm zunehmend schwerer, sich der bedrängenden Gedanken und Ideen zu erwehren, geht er innerlich immer härter mit sich ins Gericht, um sich selbst Kompaß zu bleiben.
Thompson gesteht einem potentiell Wahnsinnigen zu, seinen Wahnsinn zu erkennen und zu kontrollieren. Wenn Lou Ford in THE KILLER INSIDE ME eine Studie über den Wahn als tödliches charakterliches Muster und darüber ist, wie die Gesellschaft, die Gemeinschaften, die Thompsons Kleinstadtnester immer sind, sich täuschen läßt, möglicherweise täuschen lassen will, um sich eben dieser Psychopathen im richtigen Moment zu bedienen; wenn mit Nick Corey aus POP. 1280 beschrieben wird, wie sich dieser Wahn verfestigt und zu einem gesellschaftlichen Muster und schließlich zu gesellschaftlicher Erosion werden kann, dann stellt Tom Lord in THE TRANSGRESSORS vielleicht so etwas wie die Utopie dieser Figur dar: Hier wird der mögliche Wahn, der bei Thompson immer mit Gewalt einhergeht, nicht ausgespielt, er findet in der Phantasie statt; wenn überhaupt, bricht er in einem gesellschaftlich sanktionierten Rahmen als Polizist oder in Notwehr aus. Tom Lord ist sozusagen die positive Interpretation der Figur, deren dunkle und düster-faschistoide Seiten Ford und Corey sind, ohne diese Seite zu ignorieren oder gar in Abrede zu stellen. Vom Wesen her sind die Lou Fords, Nick Corey und Tom Lord durchaus verwandt. Sie stellen lediglich unterschiedliche Modelle dar, wie man mit dem eigenen Wahn umgehen kann. Abgründig, gewalttätig und bereit zum Bösen sind diese Männer aber alle.
THE TRANSGRESSORS fällt aus dem Thompson´schen Rahmen und stellt eigentlich genau damit – dem Bruch mit der höchst eigenen Konvention des Autors – einen „typischen“ Jim-Thompson-Roman dar. Der Leser begibt sich auf eine höchst gefährliche Tour in die amerikanische Provinz, wo das, was sich in den Großstädten verklausuliert Bahn bricht, noch ungeschminkt existieren kann. In Big Sands, wie jenes Kaff heißt, dessen Deputy-Amt Tom Lord bekleidet, in Big Sands ist man elend weit weg von Gott und dem Rest der Welt und sehr nah an einem der eher düsteren Merkmale, die Amerika im Innersten zusammenhalten. Und noch näher ist man am Wesen dessen, was Menschen werden, wenn man sie aller Möglichkeiten der Camouflage beraubt hat. Die nackte Kreatur. Thompson ist ein Meister dieses Schreckens.