Faszinierendes Kleinstadtpanorama aus der Endzeit der k.u.k.-Monarchie
90/100 also viereinhalb Sterne, aber zweifelsohne ein Meisterwerk der frühen Dreißiger über jugendliches Unglück, das den Vergleich mit Robert Musils Törless, Franz Werfels Abituriententag, aber auch mit den Ostjudentumwerken von Joseph Roth nicht zu scheuen braucht. Der Vergleich mit den genannten Literaturgrößen, zu denen man auch den Stefan Zweig der Welt von Gestern heran ziehen könnte, ist aber keineswegs als Gotteslästerung gedacht und soll die literarischen Verdienste der gerade genannten keineswegs schmälern. Vielmehr werde ich Die jungen Rebellen eher ein wenig auf Kosten der allseits gerühmten Glut loben, denn jener Roman, der die Marai-Renaissance befeuerte
ist zwar ein typisches Werk der Inneren Emigration, erscheint mir längst nicht so vorbildlich wie dieser halbautobiographische Gesellschaftsroman.
Kleine Warnung für stark konditionierte Leser
Allerdings dürfte das ohne jede Rücksicht auf die Maßstäbe späterer Generationen verfasste Buch durchaus in der Lage sein dürfte, bei Lesern mit starken politisch korrekten Reflexen, einen starken Brechreiz auszulösen. Denn die übliche Kompensationsethik für das Dritte Reich und jene sich daraus ergebende Poetik, die in so gut wie jeder Tatortfolge vorgeführt wird, funktioniert hier nicht: In Die jungen Rebellen sind nicht die Nazis oder andere Rechtsausleger die Kinderschänder und alle Verfolgten des Hitlerregimes automatisch die Guten, der Roman entstand 1930 und schildert eine Welt von Gestern, in der nur Erwachsene etwas zählten.
Erwachsene, die sich in den Augen der Jugend, schon vor dem Weltkrieg und erst recht danach, aus komplett unglaubwürdig erwiesen hatten. Zum Sozialprofil einer k.u.k.-Kleinstadt im Hinterland, die mit dem Krieg seit vier Jahren durch Verwundetentransporte in Kontakt kommt, zählte damals auch ein jüdischer Pfandleiher, den die Gesellschaft in eine Rolle gedrängt hat, aus der er sein Kapital zu schlagen weiß; gerade beim Ausnutzen von Blößen, die sich das Bürgertum, auch in Gestalt der Söhne zu geben weiß.
Es gibt keine Guten im eigentlichen Sinne, nicht einmal unschuldige Opfer, in diesem Erstlingsroman verfolgt jeder Protagonist mehr oder weniger erfolgreich seine eigenen Ziele. Allerdings haben drei der vier Jungs keine Ahnung, in welche Katastrophe sie schon vor der Einberufung zum Militärdienst hinein treiben oder auch getrieben werden. Denn einer spielt falsch und will die anderen nur zu gern im selben Dreck sehen, in dem er schon seit Kindertagen steckt. Nein, es gibt keine guten Menschen, auch nicht unter den Titelhelden, nur mehr oder weniger verstörte Jünglinge, die im letzten Schuljahr noch ein wenig Rebellion gegen die Welt der Erwachsenen spielen, bevor sie gegen Ende des vierten Kriegsjahres an eine der Fronten geschickt werden.
Eine heikle Gruppenbalance gewinnt ihre Eigendynamik
Der ältere Bruder von Tibor ist übrigens binnen kürzester Frist mit einem Arm weniger und eingeschränkten intellektuellen Fähigkeiten vom Isonzo zurück gekehrt und tut tapfer mit beim unverantwortlichen Treiben. Der schöne Tibor ist das Zentrum der Gruppe, der Arztsohn Abel (Marais alter ego) fühlt sich zu ihm hingezogen, obwohl der Bildungsbürger mit seinen Büchern den eher sportlich orientierten Offizierssohn langweilt. Dritter im Bunde ist Ernö, der Sohn eines sozialfrömmlerischen Schusters, der vor seiner Invalidität gern von Tibors Vater als Henker eingesetzt wurde. Vierter im Bunde und der Hässlichste im Schüler-Quartett ist der Kaufmannssohn Bela, der sich mit dem Geld, das er aus Vaters Kasse klaut, beliebt oder wichtig machen will. Die Unterschlagung einer Überweisung von 600 Talern an einen Geschäftspartner, bringt alle in Nöte, denn die Offizierssöhne versetzen das Familiensilber beim Pfandleiher Zavas, um den Fehlbetrag zu decken. Falls das Allerheiligste nicht wieder ausgelöst werden kann, bevor der Herr Oberst zurück kommt, droht schweres Ungemach. Doch Tibor und Abel haben keine Ahnung um wie viel tiefer sie längst in der Sch… stecken, bevor der Pfandleiher, dem das nicht rechtzeitig ausgelöste Silber längst zugefallen ist, auf die Ereignisse der letzten Nacht zu sprechen kommt, die ihm noch weitere Trümpfe in die Hand gespielt haben.
Mindestens gleichwertig mit Shylock
Ich will hier nicht zu viel spoilern, aber zu einem gewissen Zeitpunkt sieht es so aus als wäre der einsame jüdische Mann mit einer ganz traurigen Vita und einer spät entdeckten Schwäche für schöne Knaben der Einzige, der bekommt, was er will. Wie schon gesagt, Leser mit starken politisch korrekten Reflexen sollten einen Bogen um dieses Buch und den großartigen Monolog des Pfandleihers machen, der nicht nur den späteren Welterfolg Glut in den Schatten stellt, sondern es auch mit Shakespeares Shylock-Rede aufnehmen kann.
Allein für die Seiten 219-252 lohnt sich die Lektüre und der Weg durch die gruschtelige Wohnung eines dicken alten Mannes, der zu jeder Mahlzeit ein Kilo Fleisch und Wurst verzehrt. Es ist absolut faszinierend wie Marai dem Leser erst den vollen Ekel vor dem Geruch in dieser mit allerlei Gerümpel voll gestellten Wohnung vermittelt, um im Monolog grotesk komische Elemente mit einer tragischen Handlung zu verbinden, die als Rechtfertigung für alles herhalten soll, auch das Angebot, das der schöne Sohn des Herrn Obersten nicht ablehnen kann, da der Herr Havas ja so ein gutes Herz hat.
Erzähltempo und Perspektiven
Marai komponiert gern auf einen Höhepunkt zu, der liegt in den jungen Rebellen deutlich später als in Glut, allerdings überschlagen sich die Ereignisse zuletzt geradezu. Der Autor lässt sich bei der Entwicklung seines gesellschaftlichen Panoramas Zeit, wechselt immer wieder den Blickwinkel für bezeichnende Momente, sein alter ego Abel hat zwar sozusagen das erste Wort und den ersten Kater und am Ende einen moralischen Katzenjammer, aber der Leser sieht die Welt nicht nur durch seine Augen oder die seiner drei Altersgenossen. Zu den Höhepunkten zählt auch der Morgen der Frau Oberst und ihrer Methoden zum Machterhalt in der Familie eine Passage, die höchstes Joseph-Roth-Niveau hat. Aber wer knapp 30 Seiten nicht erträgt, in denen die Welt mal nicht so funktioniert wie in jedem Tatort, sollte die Finger von den jungen Rebellen lassen und sich lieber eine der tagtäglichen Wiederholungen jener populären Krimi-Reihe antun, deren letzte 20 Jahre gewissermaßen in Dauerrotation laufen. Oder noch mal oder doch mal Glut lesen, das, trotz Meidung von Zeitbezügen, viel vorgestriger wirkt als das konkrete Portrait einer Epoche in ihren letzten Tagen.