Was habe ich mich damals geärgert!
Als Zwölfjähriger war meine Freude über Asterix und die Goten nicht ganz ungetrübt, denn die gotische Frakturschrift, in der die Sprechblasen von Rhetoric(h) und seinen Spießgesellen gehalten sind, störten den Lesefluß ein wenig, vor allem, weil das s für mich wie ein f aussah. Das war aber der Anlaß für mich, von meiner Oma mit einer alten Bibel die Frakturschrift zu lernen, und weil ich gerade dabei war und das ganz spannend fand, brachte mir die gute Seele auch bei, in Sütterlin zu schreiben. Asterix kann eben sehr lehrreich sein.
Mittlerweile habe ich noch mehr über dieses eigentlich sehr politische Album gelernt, das Anfang der 60er Jahre erschien und in dem eigentlich recht klar für eine deutsche Teilung Partei genommen wird. [1] Beispielsweise war mir neu, daß dieses Abenteuer in einer sehr sinnentstellenden, deutschtümelnden Übersetzung durch Rolf Kauka, dem Vater von Fix und Foxi, zum ersten Mal in Deutschland erschien, die sich Siggi und die Ostgoten nannte. Kauka brachte es fertig, aus Asterix und Obelix Siggi und Barrabas, zwei Germanen, zu machen und die ersten drei Bände mit revisionistischen Subtexten zu versehen, woraufhin Goscinny und Uderzo ihm die Rechte an der deutschen Übersetzung entzogen. Erst 1970 wurde Asterix und die Goten in einer werkgetreuen Übersetzung auf den deutschen Markt gebracht. Der sehr bewegten Geschichte dieses Albums in Deutschland steht die Geschichte des Abenteuers selbst im Hinblick auf Ereignisreichtum jedoch in nichts nach.
Der in Die goldene Sichel angekündigte Druidenkongreß im Karnutenwald findet zu Beginn dieses Abenteuers schließlich statt, doch nach seinem zu erwartenden Sieg wird Miraculix von einer Bande Goten, die die Grenze nach Gallien überschritten haben, entführt, da sich die Nachbarn im Osten, die zu Obelix‘ Verwunderung als Westgoten bekannt sind, in den Besitz des Zaubertranks bringen wollen, um nicht nur das Römische Reich, sondern auch die Nachbarn in Gallien zu unterwerfen. Um dieses dunkle Schicksal von den eigenen Leuten abzuwenden, begeben sich Asterix und Obelix in die Höhle des Löwen Cholerik, des mächtigen gotischen Stammesfürsten, um Miraculix zu befreien, wobei sie sich die Neigung zum deutschen Kleinsttribalismus zunutze machen und den östlichen Nachbarn in eine langwährende interne Fehde stürzen.
Die Asterix-Reihe lebt bekanntlich davon, nationale Stereotype verschiedener, meist europäischer, Ethnien liebevoll aufs Korn zu nehmen und daraus jede Menge Gags zu kreieren. Allerdings fällt dieses Unterfangen etwa 15 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Bezug auf die Deutschen weitaus weniger liebevoll aus, denn die natürlich pickelhaubetragenden Goten werden vornehmlich als militaristisch, machtgierig und grausam gezeichnet. Besonders deutlich kristallisiert sich der typisch deutsche kriecherisch-aggressive Untertanengeist in dem durchtriebenen Übersetzer Holpric heraus, dessen Schicksal sich zwar mit dem von Miraculix verknüpft sieht, der nachher allerdings selbst in die Rolle seines ehemaligen sadistischen Unterdrückers Choleric schlüpft, anstatt seine neue Situation für etwas Besseres zu nutzen.
Leidtun können einem diesmal sogar die Römer, deren Imperialismus im Gegensatz zu dem der Goten fast schon wohltätige Züge annimmt. So fühlt man sicher mit dem armen Grenzsoldaten, der nicht nur pausenlos niedergeschlagen wird, sondern der sich auch von seinem Vorgesetzten bis zur finalen Verwirrung immer wieder darüber belehren lassen muß, was eine Invasion sei und was nicht. Auch der römische General Strategus, dessen Versuche, des gotischen Spähtrupps habhaft zu werden, wiederholt an der Tumbheit seiner Legionäre scheitern, mag einem ob seines erkenntnisreichen Schluchzers „Sie sind alle so dumm, und ich bin ihr Chef“ wie ein Bruder im Geiste erscheinen. Phantasievoll wird des weiteren der im Vorgängeralbum entdeckte Gag mit dem Zerstören von Türen durch Obelix weiterentwickelt, wenn der gotische Gefängniswächter in einem fort die Tür zum Verlies, in dem die Gallier eingesperrt sind, reparieren muß.
Alles in allem kann man sagen, daß mit dem dritten Album die Reihe nun endgültig an Fahrt aufgenommen hat.
Mein Lieblingspanel steht gleich am Anfang, wo in einem Panoramablick auf das gallische Dorf ein Troubadix einen Haufen Noten von der Plattform seines Baumhauses fegt, von wo sie direkt auf einen böse nach oben schauenden Dorfbewohner niederprasseln.
[1] Vor diesem Hintergrund ist Asterix und die Goten auch ganz gut in einen Kontext mit dem 1980 erschienenen Album Der große Graben, in dem es auch um eine Teilung geht, zu sehen.