[Würde, sagt ein Freund, heißt annehmen, was einem abverlangt wird, ohne seine Haltung dabei zu verlieren. S. 83]
Es gibt Bücher, die schleichen sich erst langsam ins Herz und die Seele. Dieses ist eines davon. Am Ende hatte ich einen großen Kloß im Hals und ich ziehe den Hut.
Von Arnim beschreibt in ihrem Buch die letzten Jahre ihres Mannes, der zwei Schlaganfälle erlitt, wovon ihn der zweite teilweise lähmte.
[Wie existiert man im Haifischmaul des Lebens, das jeden Moment zuschnappen kann. S. 31]
Klar und ohne Beschönigung beschreibt sie ihren gemeinsamen Alltag. Tieftraurig, ergreifend, schonungslos, aber mit Liebe, Respekt und Demut gegenüber ihrer Situation. Sie schreibt über ihren Mann, der in seiner Gesundheit brillant, willensstark und freundlich war, und über ihren Mann, der in Krankheit immer noch gleich brillant, willensstark und freundlich war – doch durch seine Krankheit in seiner Artikulation behäbig und massiv eingeschränkt war. Ein Mann, der aus seinem öffentlichen Sein, seiner hohen Sportlichkeit und seiner Redegewandtheit ungeschönt und ohne Vorwarnung herausgerissen wird und plötzlich zum Pflegefall wird.
[Immer wieder wird er später fragen: Warum hast du mich nicht sterben lassen? Ich hätte es doch gar nicht gemerkt. S. 56]
Eindrucksvoll beschreibt sie, wie sie versucht das Leid für ihren Mann zu lindern. Alles Mögliche in Bewegung zu setzen, um Ärzt*innen, Therapeut*innen, Pfleger*innen, etc. zu finden, die ihren Mann wieder gesund machen können. Um ihn daheim betreuen zu können, „zu wohnen“, im eigenen Sein, im ICH. Ein Heimplatz käme nicht in Frage, ist sie sicher. Eigentlich wollte sie sich von ihm trennen, doch gerade an dem Tag erlitt ihr Mann seinen ersten Schlaganfall.
Persönliche Tragödien, taktloses Verhalten von Freund*innen, Menschen, die sich zurückziehen, besserwisserische Ärzt*innen, Erfahrungen, die man eigentlich nicht machen möchte. Weder als Betroffene*r noch als Beteiligt*er. Körperlicher und geistiger Verfall. Verlust der Würde. Zulassen von Schmerz. Verlust der Intimität.
Dies ist eine Ode an die Menschheit. Zeilen an die Liebe, an Vergebung, Verbundenheit, Loyalität … einer groben Gratwanderung zwischen Fürsorge und Bevormundung; eines Bewusstwerdens, nicht selbst in die Opferrolle zu fallen.
Ein ehrliches, bestürzendes, einnehmendes Buch, das einen nicht kalt lässt und aufzeigt, dass Freunde, Zuversicht und Rückhalt in Zeiten der Not und des Verlustes unverzichtbar sind. Ein Schmerz, der tief sitzt und vermutlich nie vergehen, aber heilen wird. Denn diese Lektüre ist sicher ein Teil der Trauerarbeit!
Und zum Schluss zwei Sinnfragen aus dem Buch (S. 93 und S. 169):
- „Nur, wie füllt man Raum und Zeit, wenn Krankheit einen täglich ausraubt.“
- „Aber ist man ein ganzer Mensch ohne Schwäche? Lebt es sich nicht heilender, wenn man alles lebt in sich? Und ist nicht der, der Schwäche fürchtet, der Schwächste von allen?“
Große Leseempfehlung!!