Graeber hat mich, wenn er über "Traditionen" sagt, sie seien Erfindungen wie "Volk", "Nation", "Staat" oder "Identität" und Religionen: "In gewissem Maße sind Traditionen genau das: der kontinuierliche Prozess ihrer eigenen Erfindung." (180) Das wusste ich, aber man muss es auch auf die eigene Traditions- und Identitätskonstruktion anwenden können, meint, mit diesem Buch ist mir klar geworden, dass moderner Anarchismus dem Marxismus, dessen fruchtbare Kritik er gleichwohl ist, als politische Theorie und Utopie überlegen ist. Ich werde das nicht vergessen und von nun an davon Abstand nehmen, mich als "Marxisten" zu bezeichnen, was der Hochachtung für Karl Marx allerdings keinen Abbruch tun wird.
Damit ist schon klar, dass Graeber einen überzeugenden Text vorgelegt hat, der - gerade weil er vor den umfangreichen Ausarbeitungen geschrieben ist - in skizzenhafter Zuspitzung die Thesen präsentiert, die in den folgenden breit angelegten Erörterungen leicht untergehen. Das Plädoyer für die Anthropologie ergibt sich dabei aus der Erkenntnis, dass Philosophie und Geschichtsschreibung in der Buch- Tradition stehen und daher kaum sehen können, was sich jenseits schriftlicher Quellen vollzogen hat und vollzieht. Allein die Anthropologie vermag zu erfassen, was in welcher Weltgegend und in welcher Zeit strukturell Vergleichbares passiert. Am Beispiel des Demokratie- Begriffs kann so gezeigt werden, wie die Einengung auf den antiken "Ursprung" zur begrifflichen und sachlichen Verwirrung insofern führt, als ALLE anderen Formen von gleichberechtigter Konsensfindung, die zu allen Zeiten und bei allen Völkern verbreitet waren und sind, zugunsten des Abstimmungsverfahrens und der so begründeten (Allein-) Herrschaftsform eines Führers oder einer Führungselite aus dem Bewusstsein verdrängt wurden. Nicht nur, dass "unsere" Form von Demokratie einer Militärdemokratie (Abstimmung waffentragender Männer in Zeiten, in denen schnell gehandelt werden musste) entstammt und folgerichtig schon bei den Römern mit der Regierungsform der Republik verbunden wurde, womit "Volks(!)herrschaft" obsolet war und durch die Herrschaft Auserwählter ersetzt wurde, ist interessant, präzise erfasst wird auch der Umstand, dass Abstimmungsergebnisse notwendig zu Spaltungen führen und damit Herrschaft als Machtausübung mindestens einer Mehrheit über die Minderheit, bald aber auch der Minderheit über die (zum Schweigen gebrachte) Mehrheit begründet. Damit stellt "Demokratie" im Sinne bisheriger politischer Theorien eben nicht her, was herzustellen sie vorgibt: An die Stelle von Konsens und Gemeinschaft tritt der Interessenkonflikt, der bei zunehmender Differenzierung des Demos zur "Gesellschaft" führt, deren innere Zerrissenheit bald den "Mann mit dem großen Knüppel" (=Polizei, Militär) erfordert, womit "Demokratie" endgültig als Machtform enttarnt und ihres ursprünglich doch immer noch mitschwingenden Sinns sich entledigt hat. Was übrig bleibt, ist Propaganda, die man dennoch einsetzen kann, wenn man die Konsens- Findung als Idee der macht- und herrschaftsfreien Zustimmung (bei Möglichkeit, sich zu entziehen) betont und darauf besteht. Graebers Beispiel sind u.a. die Zapatistas in Mexiko, die zeigen, welchen Beitrag indigene Gemeinschaften im politischen Sinne zu leisten in der Lage sind und immer auch geleistet haben.
Daneben gibt es eine für mich spannende Diskussion verschiedener Thesen zur "Staatlichkeit", nach denen z.B. Athen, das keinerlei Verwaltung hatte, der Status "Staat" abzusprechen wäre. Aber selbst dort, wo Gebiete "durchherrscht" wurden, endete die Gewalt des Staates in dem Moment, wo sich ihre Träger entfernten. Die sich selbst überlassenen Dörfer regelten dann auch Fragen der Steuer auf traditionellem, was meint, meist auf konsensualem und die Leistungsfähigkeit Einzelner berücksichtigenden Art und Weise. Davon ist moderner Anarchismus inspiriert, wenn Graeber sagt, es gehe eben nicht darum, die Macht zu erobern oder den Konflikt mit dem herrschenden Staat und seinen Eliten zu suchen, sondern sich zu entziehen, die Freiräume jenseits von Herrschaft und Macht systematisch zu vergrößern. (Als "Steuerflucht" können wir das ja schon ganz gut! ;-) ) Man sieht das Vorbild Ghandis und Mandelas und ahnt, dass hier nicht- westliche Vorstellungen konstitutiv sind.
Warum hat es nun aber "den Westen" nicht gegeben? Graeber argumentiert einsichtig gegen das überkommene (marxistische) Revolutionsmodell, das von der neolithischen bis zur technologischen Revolution "Geschichte" aus unterschiedlichen Perspektiven in Phasen gliedert und von dort aus bestimmen kann, wer bis dahin mitgekommen sei und ab wann ein Territorium, ein Kontinent oder eine Gemeinschaft an dem Prozess nicht mehr teilgenommen habe. Die derart konstruierte Fortschrittsgeschichte führt dann zur Begründung der technologischen und ideellen Überlegenheit der nordatlantischen Zivilisation gegenüber allen anderen Zivilisationen. Begründet wird das meist mit individualistischen Tendenzen der christlich- jüdischen Tradition, die sich auf die griechisch- römische Antike berufen konnte, was aber schon deshalb falsch ist, weil der Islam dieselben Wurzeln hat und intensiver als das frühe Christentum an die Griechen anschloss, dennoch aber nicht zum "Westen" gezählt wird. In einem antikolonialistischen Schwenk, der die Raubgemeinschaft "West-Europa" als eben eine solche charakterisiert und das als Voraussetzung für den westlichen "modernen" Kapitalismus ("Kapitalbildung" als Akkumulation fremder Arbeitskraft - Sklaven - oder mithilfe von Raubgütern - lateinamerikanisches Silber und Gold etc.) definiert, erscheint die Durchsetzung unserer universalistischen "Werte" umstandslos als das, was sie ist: "Menschenrechtsterrorismus"! Graeber kann zeigen, dass einer der ersten Aufrufe zum Dshihad von einem indischen muslimischen Gelehrten stammt, der seinen nicht- muslimischen Herrscher zum Krieg gegen die Portugiesen auffordert, weil diese alle Werte der Freundlichkeit, Menschlichkeit und religiösen Toleranz aufs Gröbste missachteten. (Wenigstens diese Stelle sollte man abschreiben und unseren "Westliche- Wertegemeinschafts-Moral- Aposteln" täglich auf den Frühstückstisch legen.)
Fazit: Wähler/innen der AfD sollten sich lieber mit Anarchismus beschäftigen, ehe sie sich einer autoritären Machtform ausliefern, die das nur potenzieren würde, was sie heute zu Recht ablehnen. Linke sowieso. Identitätspolitik hat jedenfalls keine Zukunft und staatlich "gelenkte" Reformen werden die Grundprobleme auf dem Weg zu einem herrschaftsfreien Leben nicht lösen. In den Teilen, in denen Graebers Thesen noch unausgegoren erscheinen, beispielsweise wird das globale Problem der Unterordnung von Frauen selbst da, wo sie mitbestimmen können, angesprochen und benannt, aber nicht gelöst, regt das Buch an zum Weiterdenken und zur Diskussion. Was mehr kann man von einem solch politisch- wissenschaftstheoretischen Traktat erwarten? Man sollte es lesen. Unbedingte Empfehlung.