Die gute Nachricht vorweg: Mit seinem Roman "Der Heimweg" knüpft Bestsellerautor Sebastian Fitzek an die Qualität seiner gefeierten Thriller "Passagier 23" und "Der Nachtwandler" an. Die schlechte Nachricht aber direkt hinterher: Beide letztgenannten Bücher waren in meinen Augen ziemlich mies und an Schwachsinn kaum zu überbieten - dachte ich zumindest.
Stöbert man in anderen Rezensionen zu diesem Buch, so fällt vor allem auf, dass sich viele Leser:innen über das Ausmaß an Brutalität und Gewalt beschweren. Das hat mich in Teilen etwas überrascht, denn Sebastian Fitzek ist zwar kein Chris Carter, für zartbesaitete Gemüter waren die meisten seiner Werke aber bisher dennoch nicht unbedingt geeignet. Was aber vielleicht übel aufstößt ist die Art der Gewalt, denn diese wirkt in dieser Geschichte fast ausschließlich völlig sinnlos und wird überwiegend für billige Schockeffekte genutzt. Das ist schade, denn eigentlich hat sich der Autor für "Der Heimweg" ein wichtiges Thema ausgesucht, auf das man gar nicht oft genug aufmerksam machen kann: häusliche Gewalt bzw. Gewalt gegenüber Frauen im Allgemeinen. Nun könnte man sich dieser ernsten und erschütternden Thematik auf sensible Weise nähern und seriös aufzeigen, was derartige und für viel zu viele Frauen alltägliche Erlebnisse mit den Opfern machen, wenig überraschend wählt Fitzek aber lieber die Dampfhammer-Methode und lässt der Fantasie freien Lauf: so werden dann Frauen zu perversen und brutalen Gruppenorgien gezwungen, müssen Sex auf mit Leichenteilen gefüllten Wasserbetten haben oder werden unter Gewaltandrohung zum intimen Körperkontakt mit wahllos von der Straße aufgegabelten Obdachlosen genötigt. Ging's nicht noch eine Nummer drüber, Herr Fitzek?
Über derartige Eskalationen ließe sich vielleicht noch hinwegsehen, wenn "Der Heimweg" wenigstens mit einer spannenden Story aufwarten könnte. Doch während selbst das völlig verschwurbelte "Passagier 23" noch mit einem interessanten Setting zumindest vorübergehend fesseln konnte, wirkt hier alles wie wild zusammengewürfelt und würde bei anderen Autoren für drei oder vier Bücher reichen. Frauen, die sich in den Selbstmord stürzen (wollen), Männer, die Frauen auf alle erdenklichen Weisen körperliche und seelische Schmerzen zufügen, eine wilde Serienkiller-Story, ein Telefonseelsorger in einem Notfalleinsatz - statt sich auf einen oder zwei Handlungsstränge zu konzentrieren und diese sauber auszuarbeiten ist "Der Heimweg" von Beginn an überladen und springt von einem Drama zum nächsten. Spannungsaufbau? Fehlanzeige, denn Fitzek-typisch ist keine Zeit für langsam zunehmenden Thrill, der Puls der Leser:innen muss ja direkt auf 180 sein und bleiben - blöd nur, wenn die Story so hanebüchen ist, dass man schon früh keine Lust mehr darauf hat.
Und wie man es von den Fitzek-Büchern der letzten Jahre kennt, gibt es natürlich auch in "Der Heimweg" keine annähernd "normale" Figur. Eingeteilt werden können die Charaktere nämlich wieder in zwei Kategorien: diejenigen, zumeist weiblichen, die gefühlt seit ihrer Geburt die Hölle auf Erden dreifach durchlaufen haben und die anderen, eigentlich ausschließlich männlichen, die einem tiefen Griff in die Psychopathen-Grabbelkiste entstammen. Jede Figur ist entweder Opfer oder auf Serienkiller-Niveau und sollte dann doch jemand diesem Schubladendenken entkommen, dann muss er als Stripper im Weihnachtsmannkostüm durch die Straßen Berlins fahren. Nun wird ja häufig und gerne über die Bewohner der deutschen Hauptstadt gelästert, aber irgendwo muss doch selbst dort auch noch Platz für glaubwürdige, durchschnittliche und von mir aus sogar völlig langweilige Menschen sein. Da braucht man kaum noch extra erwähnen, dass man sich in diesem Buch eigentlich mit niemandem auch nur halbwegs identifizieren und mitfiebern kann.
Wenn man es dann trotz aller Ärgernisse irgendwie in den Schlussteil dieses Buches schafft, dann wird man schließlich mit einer Auflösung "belohnt", die selbst für Fitzek-Verhältnisse in Sachen Absurdität und Unglaubwürdigkeit noch den Vogel abschießt. Wie immer folgt Wendung auf Wendung und wenn man denkt, bescheuerter könne es dann doch wirklich nicht mehr werden, zaubert der Autor doch noch drei weitere haarsträubende "Plottwists" aus dem Hut und es kommt heraus, dass eigentlich alle Figuren sich von Anfang an gegeneinander ausgespielt und ein perfides Spiel miteinander getrieben haben. Ob das auch noch annähernd Sinn ergibt? Egal, Hauptsache man hat seiner Leserschaft wieder ein "geniales Katz-und-Maus-Spiel" präsentiert.
Es tut mir als Fitzek-Fan der ersten Stunde wirklich Leid, so über ein Werk des Autors abzulästern, aber vielleicht ist es für mich gerade aufgrund der hervorragenden und brillant konstruierten Frühwerke Sebastian Fitzeks immer noch besonders frustrierend, wenn man Jahr für Jahr nur noch derartigen Quatsch vorgesetzt bekommt. Es will mir einfach nicht in den Kopf, wie jemand, der fesselnde Psychothriller wie "Die Therapie", "Der Seelenbrecher" oder "Das Kind" geschaffen hat, offenbar nur noch den Anspruch an sich selbst hat, das eigene Spektakel um jeden Preis immer wieder zu überbieten. Es muss ja nicht jedes Buch ein literarisches Meisterwerk werden und ab und zu ist wilder Thrill ja vielleicht auch mal ganz unterhaltsam. Aber wenn man einen derartigen Schwachsinn wie "Der Heimweg" liest, kann man kaum noch glauben, dass die früheren und die heutigen Fitzek-Romane von ein und derselben Person geschrieben wurden.
Einen Stern gibt es für das Buch selbst, einen weiteren aus Mitleid für Hörbuchsprecher Simon Jäger, der diesen Schund vermutlich nicht nur einmal sondern für das Einlesen des Titels auch noch doppelt und dreifach lesen musste. Respekt und herzliches Beileid.