Die wievielte Aschenputtel-Geschichte ist eigentlich zu viel?
Erstes Problem: Alpha, die Protagonistin. Der Klappentext hat mich vielleicht auch etwas in die Irre geführt, weil darin von einem Einbruchsversuch die Rede ist, wodurch ich die Erwartung hatte, dass Alpha (der Name hätte mir Warnung genug sein müssen) rebellisch sei. Stattdessen ist sie die für einen Roman typische graue Maus, deren Mutter verstorben ist und deren Stiefvater ein Arschloch ist, der sie auf ein Eliteinternat in Antira (Königreich) schickt, um sie loszuwerden. Vielleicht habe ich auch schon (unfreiwillig) zu viele von diesen klischeebeladenen Aschenputtel-Geschichten gelesen, um dieser noch etwas abgewinnen zu können. Denn was noch dazu kommt: Alpha wird direkt von den drei Prinzen beachtet. Warum? Weil sie neu ist. Warum danach? Keine Ahnung, vielleicht die Macht der Gewohnheit. Denn Alpha ist wirklich langweilig und für mich auch nach der Hälfte des Buches noch nicht wirklich greifbar gewesen. Das Einzige, was ich wusste, war, dass sie gut in der Schule ist. Und die erhoffte Rebellin hat nach dem Gebrauch des Wortes Idiot bereits Schuldgefühle, weil sie so "ausfällig" geworden ist. Schade.
Zweites Problem: Das pacing. Bis die Geschichte Fahrt aufgenommen hatte, war die Hälfte des Buches auch schon rum. Anfangs passiert nichts, dann hat Alpha plötzlich einen Verfolger (der ein Mal erwähnt wird) und Nate, der eine Prinz, der sie nach kurzer Zeit verständlicherweise ignoriert hat, taucht auf, um ihr mitzuteilen, dass das nur zu ihrem Schutz passiert ist. Der Grund? Sie ist die Tochter des verschollenen Königs des ehemaligen Nachbar-Königreiches Gelaria und ihr Verfolger steht in Verbindung mit dem antirischen König, da mit Alphas Existenz eine neue Königin für Gelaria bereitsteht. Klingt kompliziert? Ist es nicht, wenn die Problematik dann plötzlich über Dutzende Seiten hinweg geschleift und gezogen wird. Am Ende will Alpha auf einer Pressekonferenz offiziell als Prinzessin von Gelaria in Erscheinung treten, aber leider kommt kurz vorher heraus, dass der Vater ihres dritten Traumprinzen Aaron ihr Stiefvater ist. Und als wäre die Gute damit noch nicht genug durch den Wind, wird auf sie geschossen. Ende Band eins.
Drittes Problem: Logik. Oder der Mangel dieser. Jaaaa, der Stiefvater, der jetzt plötzlich der Vater ihres dritten Lovers ist, will sie tot sehen und versucht sogar, sie zu vergiften. Aber war er nicht derjenige, der sie überhaupt auf ein Internat in dem Königreich geschickt hat, in dem die Wahrscheinlichkeit am größten ist, dass irgendjemand überhaupt Verdacht schöpft, dass sie die Thronerbin des anderen Königreiches sein könnte? Mh, doch, genau war's. Das ergibt doch einfach keinen Sinn. Das ist nicht logisch. Er hätte sie entweder im Dunkeln lassen können oder einfach in London, wo sie vorher gelebt hat, umnieten können. Versteh ich nicht. Und das ist nicht das Einzige, was unlogisch ist, selbst wenn man das Interesse von drei Jungs für sie außer Acht lässt. "Vielleicht sind sie ausgeritten, als er ihr den Mohn vom Pferd aus pflückte"? Ich weiß nicht viel über Pferde, aber sogar ich weiß, dass man sich dafür wohl kopfüber unter der Bauch von einem hängen müsste. Und das war in keiner Art und Weise relevant für die Story, das hätte man einfach rauslöschen können, liebes Lektorat.
Viertes Problem: Der Schreibstil. Ich kann kein Buch als New-Adult vermarkten, das für 12-Jährige geschrieben ist. Vielleicht ist das ganz allgemein das Problem, das ich mit diesem Buch habe; Es ist inhaltlich und stilistisch eher ein Jugendbuch. Vielleicht bin ich auch einfach snobby, aber "Seine geheimnisvollen Augen funkelten wie wertvolle Smaragde" hat nicht dafür gesorgt, dass ich den Typen sexy fand, sondern nur dafür, dass ich Tränen gelacht habe.
Fünftes Problem: Die Typen. Auf der Tageskarte haben wir Matt, Nate und Aaron. Matt ist ne süße Maus und am platonischsten unterwegs. Sollte er auch besser, weil er nämlich vergeben ist. Trotzdem küsst er Alpha irgendwann auf den Mundwinkel, was dementsprechend für mich sehr weird war, für Alpha aber nicht, weil er ja nur besorgt um sie war. Nate ist Matts Bruder und der Thronerbe von Antira. Anfangs auch sehr nett, dann plötzlich nicht mehr, aber weil er sie nur schützen will ist das ja scheinbar okay, weshalb wir das auch ganz schnell vergessen, sobald er wieder nett zu Alpha ist. Er küsst sie übrigens auch, leider ohne Konsenz (rage kommt noch). Und dann haben wir noch Aaron. Er ist scheinbar der Playboy, was aber nur erzählt wird, nicht gezeigt. "Show, don't tell" wird hier echt nicht berücksichtigt. Ich kann halt nichts zu Aaron sagen, weil er so flach geblieben ist. Jedenfalls ist er dann letztendlich der Love-Interest und küsst Alpha dann auch, bevor sie vergiftet wird und er plötzlich mit ihrer besten Freundin rammelt, was aber okay ist, weil er ja nur eifersüchtig auf seinen Cousin war. Ich hab leider vergessen, ob auf Nate oder auf Matt, weil beide so austauschbar sind. Es ist ein Jammer. Generell bleiben eigentlich alle Charaktere super flach. Müsste ich mich entscheiden, würde ich sagen, dass Aarons Vater/Alphas Stiefvater noch am meisten Tiefe abbekommen hat. Immerhin hat der Ziele und handelt nachvollziehbar.
Sechstes Problem: Der Konsenz und der Sexismus. Also ich weiß nicht, wie das bei anderen Leuten ist, aber ich möchte nicht ungefragt geküsst werden und davon würde ich auch erstmal ausgehen, wenn ich jemanden kennenlerne. Nate scheinbar nicht. Der schiebt Alpha nämlich seine Zunge in den Hals, aber sie macht mit und darum ist es okay. Das hätte man ja noch gut als lehrreichen Moment einbauen können, aber dafür hätte man erstmal anerkennen müssen, dass das nicht einvernehmlich war und es nicht totschweigen, liebe Autorin. Da hätte ja wohl mindestens der Verlag einen Riegel vorschieben müssen, vor allem, wenn er das nochmal ganz neu auflegt. Wie könnte es auch anders sein; Alpha hat Schuldgefühle Aaron gegenüber wegen dem Kuss mit Nate - den sie ja gar nicht angezettelt hat. Aaron ist übrigens auch derjenige, der dann nach Konsenz fragt, als sich die beiden zum ersten Mal küssen. Am wie könnte man noch arbeiten, aber das Fragezeichen war da. Die Autorin hat also entweder auf 20 Seiten eine sehr positive Entwicklung durchgemacht oder sie nutzt nicht einvernehmliche Küsse als Zeichen, um Leser*innen in eine Richtung des love corners zu lenken, was ja wohl mal absolut bodenlos wäre. Aber der Mangel an Konsenz ist ja nicht alles. "Wie ein Mädchen heulen" (S. 121) wird als Beleidigung/Abwertung für das Zeigen von Gefühlen eines Jungen benutzt und allgemein reproduziert das gesamte Buch hervorragend veraltete Geschlechterrollen. Mädchen, die einfach asozial sind, werden als "Zicke" betitelt, Alpha ist die wohl passivste Jungfrau in Nöten, von der man je gehört hat und Mädchen zerfetzen sich nahezu gegenseitig in der Luft wegen Jungs. Ich kotze. Was dem Ganzen die Krone aufgesetzt hat? "[...] dann sind sie völlig wehrlos und tun alles, was du willst." "Wow, das klingt wie der Traum aller Männer" (S. 203). Ganz genau, ein Vergewaltigungswitz. Wahrscheinlich nichtmal als solcher gemeint, was es nicht gerade besser macht, vor allem, wenn man sich trotz Marketing als New-Adult-Roman doch eher an Jüngere wendet, die das nicht unbedingt kritisch hinterfragen.
Das Buch ist wirklich, wirklich schlecht. Es ist nicht gut geschrieben, es tischt alte Klischees auf, kann weder durch runde Charaktere noch durch eine gute Storyline auftrumpfen und ist insgesamt absolut nicht zeitgemäß.
Kleiner Bonus: Die "Zicke" rächt sich an Alpha, indem sie ihren Muffin anzündet. Ich habe geheult vor Lachen.