Sehr eindrücklich wird hier ein Teil der Nachkriegsgeschichte geschildert, über den ich bisher eigentlich viel zu wenig gelesen/erfahren habe. Natürlich gibt es Bücher, die sich mit der Kriegsgefangenschaft, der Vertreibung und ähnlichem beschäftigen, aber nur wenige, im Gegensatz zu den vielen Büchern, die bei der Bewältigung des Grauens des Holocaust helfen können. Dieses Buch ist anders. In diesem Buch geht es um ein deutsches "Opfer", und nein, keine Trümmerfrau, die dennoch die Ärmel rafft und loslegt. Ein Teenager, ein Backfisch, wird wegen eines Kinderstreiches verhaftet. Klingt recht harmlos, aber die Russen empfinden dies nicht so - die Nationalsozialisten hätten es vermutlich auch nicht so empfunden. Beeindruckend, welch Energie dieses junge Mädel besitzt und welchen Überlegenswillen. Das Hörbuch bewegt einen, fängt einen auf grausame Weise mit der sehr bildlichen Sprache ein. Man spürt das Leid, die Ohnmacht, die Verzweiflung und auch die Resignation der Inhaftierten. Und nach der Lektüre versteht man ihr Empfinden:
"Niemand versteht meinen Drang darüber zu sprechen. Niemand versteht meine Verbitterung, wenn über den Holocaust und die Juden berichtet wird. Wenn meine Seele aufschreit angesichts des Elends dieser Menschen. Ja, so hab ich auch gelitten! Ja, in solche Wagons haben sie uns auch verladen! Ja, solche Hungergestalten waren auch wir! Habt auch mit uns, mit mir ein bisschen Mitleid."
Aber die Welt ist ungerecht, das Mitleid bleibt zum größten Teil aus. Lebenslang haftet ein Makel an ihr, vielleicht ist ja doch was dran an den Beschuldigungen, so einfach wird man doch nicht eingesperrt. Die Leute wollen es nicht glauben, trotz dem ähnlichen Verhalten während des Dritten Reiches. Denn auch ihr Werdegang nach der Haftzeit wird im Buch geschildert, die Auswirkungen der Haft, ihre Lust am Leben und ihr persönliches Gefängnis, aus dem sie sich erst spät befreien kann.
Sehr interessantes Buch, das noch einige Zeit nachwirkt.