Von mir leider keine Empfehlung, diesen Roman (und die folgenden Teile der Reihe) zu lesen. Meine Lektüre hat mich schon sehr früh im Text zu dem Schluss kommen lassen, dass es sich bei „Lost in Fuseta“ weder inhaltlich noch erzähltechnisch punkten wird. Im Verlauf des weiteren Leseprozesses wurde diese Annahme nur noch bestätigt und am Ende war ich froh es endlich aus der Hand legen zu können.
Aber warum? Hier die, aus meiner Sicht, gravierendsten Schwachpunkte des Romans.
1. Reiseführer statt Roman: Der Autor scheint nicht genau zu wissen, wie er das Flair der portugiesischen Küste und die Kultur und Geschichte der Südeuropäer in seine Handlung fließend einbauen soll. Stattdessen unterbricht er die Dialoge oder Handlung mit ausführlichen Beschreibungen zu beispielsweise dem Nationalgericht, Straßen, der Küste oder dem Tourismus. Diese Absätze sind nicht aus der Perspektive einer Figur, sie sind nicht kritisch oder akzentuiert. Die regelrechten Informationsblöcke ufern teilweise in für die Geschichte vollkommen unwichtige Details aus. Was interessiert es mich als Leserin, ob das geheime Rezept des Nationalgerichts von zwei Personen gehütet wird, die nie gemeinsam reisen dürfen, für den Fall eines Unglücks? Diese Information hat nichts mit der Geschichte zu tun. Keine der Figuren unterhält sich darüber, fragt nach, wundert sich oder denkt darüber nach. Auch für die Geschichte an sich, oder die Szene, in der dieser Informationsblock vorkommt, ist es irrelevant. Bei der Lektüre hatte ich immer wieder das Gefühl ein paar Dialogfetzen zu lesen und dann das Buch buchstäblich wegzulegen, um erstmal ein Kapitel in einem Reiseführer zu lesen oder einen Wikipedia Eintrag nur um dann wieder zum eigentlichen Buch zurückzukommen und die Geschichte fortzusetzen ohne, dass nochmal Bezug darauf genommen wird. Das Ergebnis war, dass ich das Gefühl hatte eine Mauer stehe zwischen den Figuren und ihrer Umgebung, weil sie sich zwar in ihrer Welt bewegten, sie aber nicht kommentierten, wahrnahmen oder damit interagierten auf eine Weise, die wirklich tiefgehend oder ein kulturelles Flair erzeugt hätte.
2. Kommissar Zufall und ne gute Portion Glück: Wirkliche Ermittlungsarbeit findet sich nur selten in diesem Buch, das sich ja gerade darum drehen sollte, da alle Protagonisten polizeiliche Ermittler sind und selbst das Opfer als Privatdetektiv dieser Tätigkeit nachging. Stattdessen wird das absolute Minimum an richtiger Ermittlungsarbeit an den Tag gelegt. Mehr als die Beschreibung des Hin- und Herfahrens vom Tatort zur Polizeistation zu einem Restaurant und nach Hause wird neben den Zusammenfassungen von dem, was man bereits über den Fall weiß, nicht präsentiert. Das Vorankommen im Fall basiert auf dem fotografischen Gedächtnis des deutschen Polizisten und einen glücklich getimten Anruf eines Unbekannten. Wäre Lost eine Woche später oder nur einen Tag später in Fustea angelandet, hätten sie den Fall gar nicht zu einem Fall erklären können und wären nur der Suche nach einer Person in Zusammenhang mit Brandstiftung nachgegangen. Was den Anruf angeht, so kam der in gerade dem Moment als nichts mehr weiterging und dann glücklicherweise sofort in die richtige Ermittlungsrichtung wies, auf welche die Ermittler sonst von selbst nicht hätten kommen können. Der Anrufer wusste das aber nicht und hätte auch zu einem vollkommen anderen Zeitpunkt anrufen können. Was für ein glücklicher Zufall. Das Ganze hat mich geärgert, weil es so viel Potential in dem Vergleich von Ermittlungsarbeit der Portugiesen und Deutschen gibt. Mehr als einen Kommentar hin und wieder von Lost, der meint: „In Deutschland machen wir das anders.“ kommt aber nicht. Ja, wie macht ihr es denn anders? Welche Erfolge und Schwierigkeiten beinhaltet euer System? Wir werden es nie erfahren… In Sachen Ermittlungsarbeit hinterlässt der Roman bei mir einen ungenügenden Eindruck und nur vage die Erinnerung, dass es tatsächliche Polizisten waren, die sich dem Mord angenommen haben und nicht eine Gruppe privater Hobbyermittler.
3. Protagonist? Nie gehört.: Wer ist der Protagonist? Der erste der einem einfällt wäre ja Leander Lost. Sein Name ist immerhin im Titel, es ist sein Auftauchen in Portugal, das die Kollegen durcheinanderbringt und herausfordert. Er ist der Außenseiter, durch den wir als Lesende ebenfalls in die Welt von Fuseta eingeführt werden. Leider ist der Roman in dieser Hinsicht nicht konsequent und erklärt ihn zur Leitfigur geschweige denn zum Protagonisten. Viel eher teilt er sich von Anfang an das Rampenlicht mit seinen beiden portugiesischen Kollegen, der Schwester seiner Kollegin und ab der Hälfte dem Waisenmädchen. Die ständig wechselnden Perspektiven (teilweise mehrerer Wechsel in einem Absatz!) erschweren es, einer Person zu folgen. Da am Ende des Romans jede der Figuren, selbst jene, die erst in der zweiten Hälfte dazustießen, übermäßig „Screentime“ bekommen haben, der „Protagonist“ Lost aber nicht, ist es schwierig von einem solchen überhaupt zu sprechen. Ich hatte nicht den Eindruck, dies wäre „sein“ Roman. Gleichzeitig aber auch nicht, dass irgendeine andere Figur der oder die ProtagonistIn wären.
4. Schablonen und Namen auf einem Haufen: Wer in einem Roman gerne Figuren im Laufe der Geschichte vorgestellt bekommen und näher kennen lernen will, der sollte diesen Roman vielleicht nicht lesen. Auf den ersten Seiten werden (mit Ausnahme von zwei relevanten Figuren) sämtliche Charaktere teilweise innerhalb einer Szene eingeführt und ein oder zwei Merkmale genannt. Das muss reichen. Den Rest des Romans über wird wenig mehr zu den Figuren gesagt. Entwicklungen nicht unbedingt vorhanden. Viel eher definieren sich die Figuren anscheinend über ihren Namen und Titel, denn der wird bis zum Ende ständig in voller Form in den Dialogen und Szenen genannt. Ja ich weiß, dass er Leander Lost heißt, genauso wie Graciana Rosardo. Ehrlich, ich schlage willkürlich Seiten im Buch auf und sie sind immer mit vollem Namen genannt (Plus Titel in vielen Fällen.) Was soll das? Meint der Autor, dass dies das einzige Merkmal an seinen Figuren ist das zählt? Oder weiß er, dass sie bis auf ihren Namen sonst keine großartige Charakterisierung erfahren haben, also bleibt er lieber dabei?
5. Redundanz: Nur kurz, sonst habe ich das Gefühl selbst redundant zu werden. Ich brauche ab Seite 227 keine seitenlange Zusammenfassung was auf den vorherigen 226 Seiten passiert ist. Ich hab es gelesen! Genauso wie ich nicht lesen muss, wie die Ermittler ihren Kollegen haarklein berichten, was sie eben alleine am Tag bisher gemacht haben. Ich weiß das! Ich hab es eben gelesen! Wenn wenigstens neue Perspektiven, Streits oder irgendein essentieller Fortschritt dabei rauskommen würde…
Dies sind fünf der gravierendsten Aspekte, die mir bei der Lektüre aufgefallen sind und für meine Bewertung mit ausschlaggebend waren. Weiterhin wären da noch: Fehlende Spannung, massive Klischees über Portugiesen und Deutsche, die einfach nur bedient werden. Das Lost Asperger hat wird erwähnt, er kann ein paar Kunststücke vorführen und im entscheidenden Moment am Ende versagen. Eine kritische oder tiefe Auseinandersetzung mit Asperger gibt es nicht. Der Fall entwickelt keinerlei Dringlichkeit. Eine mögliche Abstimmung über Wasserrechte, kommt zu spät und ist nicht mehr für die Geschwindigkeit der „Ermittlungsverfahren“ relevant. Spannung oder Lokalkolorit Fehlanzeige. Ohne die Wikipedia-Artikel-Artigen Informationsblöcke und das Cover des Buches hätte ich nicht sagen können, dass die Geschichte in Portugal und nicht Spanien spielt. Dies und noch so viel mehr haben die Lektüre für mich am Ende zu keinem schönen Erlebnis werden lassen.
Ich werde die Reihe nicht weiterlesen. Die Verfilmung habe ich angefangen. Sie profitiert davon keinen Erzähler zu haben, ist aber an und für sich wie seine literarische Vorlage kein Meisterwerk. Über Interviews habe ich erfahren, dass der Autor Drehbuchschreiber ist. Das erklärt so einiges am Erzählstil, wie ich finde.
Wer den Roman, sowie die folgenden Teile, lesen will, gelesen hat und dabei Freude hatte, für den oder die freue ich mich natürlich.
Ich hätte in der Zeit lieber was anderes gelesen. Da das Buch aber Teil eines Buddy-Reads war, habe ich mich durchgekämpft.
Einen Stern gibt es für die grundsätzliche Idee einen deutschen Ermittler mit Asperger ins Ausland zu versetzen.