Desperation: 5/5
Regulator: 3,5/5
Beide in diesem Doppelband enthaltenen Bücher, Desperation und Regulator, waren Rereads für mich, die ich im Rahmen meines Stephen King Lesemonats gelesen habe. Desperation hat mir - beim ersten sowie beim zweiten Lesen - besser gefallen als Regulator, aber vor allem in Kombination miteinander sind die beiden Bücher unheimlich spannend.
Sie sind zusammengehörig, aber nicht im klassischen Sinne einer Fortsetzung, denn in beiden Büchern gibt es (fast) die gleichen handelnden Charaktere und auch das gleiche "Monster", das Setting, die Ausgangssituation und die gesamte Handlung beider Bücher ist aber komplett verschieden und hängt nicht miteinander zusammen. Man könnte sagen, dass es sich bei beiden Büchern um eine Art alternative Realität des jeweils anderen Buches handelt, und es ist sehr interessant zu lesen, was King jeweils genau so beibehalten und was er leicht verändert hat. Als ich die Bücher das letzte Mal gelesen habe habe ich das mit ein, zwei Jahren Pause dazwischen gemacht, weswegen mir viele der Querverweise und Ähnlichkeiten erst bei diesem Mal aufgefallen sind, was wirklich sehr spannend war.
Natürlich will ich die beiden Bücher aber nicht (nur) miteinander bewerten, sondern auch als einzelne Bücher.
Kommen wir zuerst zu Desperation, einem meiner absoluten Lieblingsbücher von King. Vielleicht liegt es daran, dass ich dieses Buch zuerst gelesen habe, aber wenn ich an das Desperation-Regulator-Gefüge denke, behandle ich Desperation immer als die "richtige" Realität, die "Haupthälfte" der beiden Romane.
Ich liebe die Charaktere des Buches. Es ist ein scheinbar zufällig zusammengewürfelter Haufen sehr, sehr unterschiedlicher Menschen - vom streng gläubigen 11-Jährigen David über die priviligierte Mittelklassefrau Mary zum abgestürzten Autor und Ex-Junkie Johnny ist alles vertreten - aber jeder ist auf seine Art und Weise wichtig und liebenswert. Desperation wird, meiner Meinung nach, vor allem durch die Eigensinnigkeit und die Einzigartigkeit der Charaktere vorangetrieben und bekommt auch dadurch erst seinen eigenen, einzigartigen Charme. Vor allem dadurch, wie normal alle Figuren sind, und wie zufällig sie in die Fänge des Bösen zu geraten scheinen, wird auch viel von dem Grusel erzeugt. Wenn diese ganz normalen Menschen in dieser Situation landen können, dann kann man das als ganz normaler Leser genauso gut, und das ist sehr... beängstigend.
Auch die böse Macht des Buches, "Tak" finde ich sehr gut gelungen. "Tak" schafft es wirklich immer wieder, mir einen Schauer über den Rücken zu jagen und mich immer noch zu gruseln, wenn ich das Buch schon lange aus der Hand gelegt habe.
Ich liebe die Dynamik der Geschichte, das beklemmende Gefühl, das sie mit sich bringt. Ich liebe es, wie packend sie ist - ich hatte wirklich nicht damit gerechnet, das Buch so schnell durchzulesen, wie ich es getan habe, aber ich konnte es einfach nicht mehr aus der Hand legen. Und das, obwohl es ja - wie gesagt - ein Reread war und ich bereits wusste, was passieren würde.
Ich kann Desperation wirklich nur empfehlen. Was man dazu allerdings noch sagen muss ist, dass der Glaube bzw. die Religion eine Große Rolle in dem Buch spielt. Ich persönlich finde ja, wenn man akzeptieren kann, dass es in einem Buch bösartige Monster-Kräfte gibt sollte es auch nicht schwer sein, die entgegengesetzten guten Kräfte ebenfalls zu akzeptieren, wenn man allerdings nicht nur Atheist sondern tatsächlich absoluter Antitheist ist könnte einen das vielleicht st��ren.
So, jetzt zu Regulator. Wie gesagt, gefällt mir Desperation im Vergleich immer besser - Regulator wirkt einfach etwas unausgereifter, meiner Meinung nach, und ich fand es auch nicht halb so gruselig wie Desperation.
Die Grundidee - eine Kleinstadt wird von der wild gewordenen Fantasie eines autistischen Kindes terrorisiert - gefällt mir wirklich gut. Auch die Charaktere sind wieder alle sehr interessant, wobei sie meiner Meinung nach etwas flacher geraten sind als in Desperation, man baut in Regulator. irgendwie keine so starke Beziehung zu ihnen auf.
Alles in allem fand ich Regulator auch einfach weniger packend als Desperation. Es erschien mir weniger strukturiert und irgendwie mehr zusammengewürfelt, was noch dadurch verstärkt wird, dass immer wieder Tagebucheinträge, Briefe oder Drehbücher aus den Lieblingsserien des "besessenen" Jungens eingeworfen werden und den Handlungsfluss so unterbrechen. Das Buch ist so aufgezogen, als wäre es eine Sammlung von Dokumenten über ein tatsächlich passiertes Ereignis und obwohl das in manchen Büchern sehr gut funktioniert passt es - meiner Meinung nach - einfach nicht so gut zu diesem.
Alles in allem hat mir zwar auch Regulator gut gefallen, aber einfach nicht so gut wie Desperation. Ich hätte es vielleicht trotzdem mit 4/5 Sternen bewertet, weil es auch sehr viel Spaß zu lesen macht, wenn da nicht die Sache mit dem Autismus gewesen wäre.
Ich habe selbst einen autistischen kleinen Bruder und bin deshalb sehr empfindlich was Darstellungen von Autismus angeht, wie man sie oft in Filmen, Serien oder auch in Büchern findet - ein Kind, das nicht oder kaum in der Lage ist, mit seiner Umwelt zu kommunizieren, schon gar nicht zu sprechen, das quasi keine Emotionen besitzt, im Grunde auch zu nichts fähig ist, außer zu schreien oder teilnahmslos in der Ecke zu sitzen, das sich für absolut nichts interessiert außer für eine ganz bestimmte Serie oder ein ganz bestimmtes Spiel, nichts isst außer ein ganz bestimmtes Gericht, und so weiter - weil solche "schweren" Formen von Autismus zwar bestimmt durchaus auch mal vorkommen, das aber größtenteils einfach nicht der Realität von tatsächlich autistischen Menschen entspricht.
Diese Darstellung an sich hätte ich ja vielleicht noch verkraften können - ich weiß ja, dass es unter Menschen, die keine Ahnung von Autismus haben sehr beliebt ist, autistische Kinder so darzustellen - wenn King es nicht auch noch für nötig befunden hätte, gefühlt alle zwei Seiten zu sagen, wie dumm Autisten doch sind. Es gibt wahnsinnig viele verschiedene Formen von Autismus und generell hat das einfach nichts mit dem IQ eines Menschen zu tun. Diese "Alle Autisten sind furchtbar klug und inselbegabt!!11!!"-Idee, die sehr verbreitet ist, ist zwar genauso dämlich und falsch, aber die herablassende Art, wie hier über autistische Menschen gesprochen wurde, war echt... eklig. Klar, das Buch ist jetzt schon 20 Jahre alt, und das Unwissen der damaligen ist vielleicht die einzige Entschuldigung dafür, aber trotzdem ist mir jedes "Seth ist nicht so helle, wissen Sie?", "In seinem Kopf war Seth absolut nicht behindert - im Gegenteil, er war ein Genie!" oder "Wissen Sie, wenn Seth telepathisch mit mir spricht ist er nicht wie sonst, er ist richtig klug!" wirklich sehr bitter aufgestoßen. An einer Stelle meint einer der Charaktere, er "wüsste auch ein bisschen was über Autismus", da er mal ein Heim für Autisten besucht hätte - was auch immer das sein soll, nebenbei bemerkt - und dabei festgestellt hätte, dass alle Autisten dort konstant abwesend, eigentlich nicht mal richtig lebendig oder menschlich sind, nicht sprechen und sich auch kaum bewegen können. Vielleicht wurden in den 80ern ja solche Heime geführt, in denen autistische Menschen ohne Ende mit Drogen vollgepumpt wurden, um solche Zustände hervorzurufen, anders kann ich mir nicht vorstellen, wo King solche verquerten Vorstellungen von Autismus her hat. Überhaupt schwang da sehr viel unterschwelliger Ableismus mit, das hat mich einfach wirklich, wirklich wahnsinnig gestört.