Ich bin froh, dass ich mich nicht von der hohen Seitenzahl hab abschrecken lassen, denn dieser Roman lässt sich wirklich schnell und flüssig lesen. Und das aus verschiedenen Gründen.
Das Salz der Erde kann man sehr gut in Etappen lesen, wodurch die 1152 - von Amazon angegebenen - Seiten gleich ein ganzes Stück harmloser erscheinen. Es gliedert sich mit Prolog in 6 Teilen in denen man jeweils die verschiedenen Phasen aus Michels Leben, zunächst aus der Kindheit dann in der Zeit zwischen seinem 22 und 41 Lebensjahr, miterlebt.
Die Aufteilung einmal außer Acht gelassen, ist es aber auch ein unterhaltsames Buch mit einer spannenden Geschichte. Daniel Wolf versteht sich darauf unnötige Darstellungen zu vermeiden und beschränkt sich auf Informationen die die Handlung voran treiben bzw. solche, die es dem Leser ermöglichen, sich ein Bild von der geschilderten Umgebung und den vorhandenen Lebensumständen zu machen. Dabei ist er aber sehr gründlich und ausführlich, und ganz schnell hat man ein paar hundert Seiten zusammen. Tatsächlich hatte ich sogar das Gefühl, dass der Autor noch viele, viele Seiten mehr hätte schreiben können und die Geschichte gegen Ende hin ein wenig gerafft hat.
Inhaltlich geht um die Entwicklung der fiktiven Stadt Varenne Saint Jacques. Der Handel und die Kaufmannsleute, allen voran natürlich der Protagonist Michel, stehen dabei im Vordergrund, aber es geht vor allem auch um die politische Entwicklung bzw. dem Streben nach Selbstbestimmung der Bewohner.
Dabei begegnet man im Buch den unterschiedlichsten Themen, die das damalige Leben bestimmt haben von den alltäglichen Sorgen und Problemen – aber auch Freuden – über Pflichten, Rechte, Gesetzte und Strafen bis hin zu Naturkatastrophen und Seuchen, sowie Unruhen, Aufständen und Kriegen. Man erfährt Dinge über Moralvorstellungen, politische Ereignisse, die mehr oder weniger direkt die Stadtgeschichte beeinflussen, trifft einige historische Personen wie z.B. Kaiser Friedrich Barbarossa. Und auch die unterschiedliche gesellschaftliche/rechtliche Stellung von Mann und Frau wird deutlich gemacht, wobei dieser Punkt z.B. durch die Mitgliedschaft einer Frau in der Kaufmannsgilde oder dem zum Teil - nach meinen Vorstellungen von der Zeit - recht fortschrittlichen/aufgeklärten Gedankengut aufgelockert wird. Dies wird allerdings auf eine Art vermittelt, die erkennen lässt, dass es nicht in erster Linie von romantischen Vorstellungen des Autors geprägt ist und mehr mit dem Vorhandensein der „üblichen Vorreiter“ in der Geschichte zu tun hat.
Sehr gut gefallen hat mir bei diesem Buch die Balance zwischen der „historical correctness“ – ein paar Anmerkungen zum historischen Hintergrund sind im Anhang nachzulesen und auf mich (als Laien zugegeben) macht es einen gut recherchierten Eindruck – und leserfreundlicher Unterhaltungsliteratur – es gibt einen Grund warum ich fiktive Romane lese, ein bisschen Seifenoper-Charakter ist also durchaus genehm – und hat mich dazu angeregt, mich mal ein bisschen intensiver mit dem Thema historischer Romane zu befassen.
Bei den Charakteren hatte ich zunächst das Gefühl, dass diese zum Teil etwas eindimensional wirken. Gaspard in seiner „Gnatz Phase“ – anders kann man das einfach nicht nennen - war ehrlich gesagt nur schwer zu ertragen.
Auf der anderen Seite sieht man aber, wie sie sich über die Jahre verändern und entwickeln und es ist nicht immer alles ganz so schwarz weiß, wie es auf den ersten Blick erscheint. Selbst bei Aristide de Guillory, dem Musterbeispiel eines „Fieslings“ gab es manchmal Lichtmomente, bei denen zumindest ich mich gefragt habe, ob er Vergebung verdient hätte. Allerdings hat sich die metaphorische Wolkendecke immer wieder genauso schnell zugezogen, wie sie sich aufgetan hat, sodass man ihn ohne schlechtes Gewissen verabscheuen konnte.
Ein gutes Buch zeichnet sich für mich auch dadurch aus, dass ich die Gefühle der handelnden Personen miterleben kann und das war hier zu hundert Prozent der Fall. So habe ich mich gefreut über Erfolge, war frustriert bei Rückschlägen, habe mich geärgert über die Obrigkeit und welche Rechte sie sich immer wieder rausnehmen – da ist man wirklich froh, nicht in der entsprechenden Zeit geboren zu sein – habe mitgetrauert und mitgefiebert.
Zusammengefasst habe ich also folgenden Eindruck gewonnen: Das Salz der Erde ist ein Roman, der lebendig wird, durch den anschaulichen und fokussierten Erzählstil des Autors und mich als Leser an der Seite eines sympathischen und visionären Protagonisten durch eine Geschichte geführt hat, in der es eine Menge zu erleben gibt, mich das Ganze hat mitfühlen lassen und dadurch mein Interesse auch über die hohe Seitenzahl problemlos halten konnte.