Albany, Upstate New York, frostige Januartage Mitte der achtziger Jahre (sowie eine Zwischenlandung im etwas wärmeren Los Angeles). Genre: Privatdetektiv-Krimi, schwuler Schnüffler ermittelt im Interesse eines schwulen Opfers.
Richard Stevenson, der eigentlich Richard Lipez hieß, ist ein weißer, schwuler Mann aus dem Nord-Osten der USA gewesen, dessen Detektivromane um den schwulen Privatdetektiv Donald Strachey in den achtziger Jahren noch so neu und erfolgreich waren, dass fünf von den ersten sechs Fällen sogar als deutsche Taschenbücher gedruckt wurden. Es kamen danach noch viel mehr, aber die und die Fernsehserie um den smarten Detektiv haben Deutschland nie mehr erreicht. Auch die frühen Knaur-Taschenbücher, dies hier ist eines (- und es hieß in Deutschland, es sei extra gesagt, weil die hier aufgelisteten Editions es nicht zeigen, "Winter Blues", also nicht "Ice Blues" -), sind längst vergriffen und nur noch antiquarisch im Internet zu bestellen.
Hier haben wir es mit Stracheys drittem Auftritt zu tun. Es war allerdings das erste Buch, das ich las, sodass mir dieser Schnüffler da noch zu machomäßig unterwegs schien und die Geschichte sehr mit allerlei Figuren, Vorgeschichten und (zumindest scheinbar) unglaublichen Motiven vollgestellt. Inzwischen würde ich den dritten Fall noch immer schwächer als die ersten beiden, den zweiten als den besten Roman der in deutscher Version zugänglichen bezeichnen.
Strachey und sein Freund Tim leben in der Hauptstadt vom Staat New York, die (sicher zur Überraschung vieler deutscher Leser) nicht Sinatra oder Buffalo heißt, sondern Albany. Man hat also ein Parlament, schöne alte Häuser des Bürgertums und schöne Parkanlagen, zum Teil auch für schwule Belange, dennoch, diesen Eindruck erweckt jedenfalls der notorisch links-liberale Stevenson, handelt es sich um ein ziemliches Nest mit einer politisch arg verfilzten, stramm rechten Elite aus Kommunalpolitikern, homophober Kriminalpolizei und mehr oder weniger korrupten Gewerkschaftsführern. In diesem Buch muss sich Strachey auch noch mit dem reaktionären Polizisten Ned Bowman herumärgern, der ihn, wegen seiner sexuellen Polung, am liebsten überführen und inhaftieren würde. Bowman ist in den folgenden Abenteuern ziemlich bald durch kollegialere Bullen ersetzt wurden. (Womit etwas vom Marlowe-Wiedererkennungswert für Chandler-Leser verlustig ging, aber natürlich gibt es da kaum einen Zweifel: Gummischuh Strachey stammt von der kalifornischen Hard-Boiled-Schule ab – und somit auch vom schwulen Versicherungsdetektiv Brandstetter aus der Feder Joseph Hansens. All das hat sich in den nächsten Jahrzehnten so x-fach geclonet und verzweigt, dass man fast vergisst, es zu erwähnen. Aber damals war es frisch!)
Man kann zuschauen, wie dieser Detektiv nicht nur mit seinen Zähnen klappert, weil man ihm im eisigen Winter sein Auto abgeschleppt hat und den erträumten Bermuda-Urlaub verhagelt, sondern auch, wie ein Autor Richard Stevenson, der vor ein paar Jahren seinen hedonistischen Playboy der Spät-Disco-Ära ins Rennen geschickt hatte, sich notgedrungen aufs Thema Aids einzustellen sucht, ohne es gleich zu verbraten. Dons Sexszene steht im ersten Buch, hier gibt es keine. Er muss immer noch so toll sein, dass er allseits angemacht wird, aber er bleibt eisern monogam und mit seinem, lieben, etwas zu lieben und langweiligen, Timmy zusammen. Stevenson selbst brachte es übrigens auf 83 Jahre und 16 Strachey-Romane; er starb an Krebs im Jahr 2022.
Don wird in eine verschmuddelte Familien-Clan-Affäre hineingezogen. Der Mord kommt erst später. Ein Schwuler, den er allenfalls flüchtig und von einer Party im Vorjahr kennt, hat ihn zu einem nächtlichen Treffen gebeten, bei dem er ihm Beweismaterial zuspielen will. Der Mann ist nicht da und dann auch nicht mehr Dons Wagen, weil der Mann tot darin lag und die Polizei schneller kam. Am nächsten Tag trifft ein Brief ein, in dem angedeutet wird, der Ermordete habe irgendwem ein Vermögen abgeluchst, um es einem „Projekt“ zuzuschanzen, das auch in Dons Interesse sei, gewisse Leute aber fertig machen werde. Ist das eine Anspielung auf die Homosexualität oder auf Dons Kleinkrieg mit der Stadtverwaltung und der Polizei?
Mit der Zeit sieht es immer mehr nach unterschlagenen Mafia-Geldern aus und man beginnt sich zu fragen, inwiefern so ein „letzter aufrechter Einzelkämpfer“ gegen die großen Unternehmen des späten 20. Jahrhunderts halbwegs glaubhaft aufkommen soll. Andererseits müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass Jack Lenihan, das Mordopfer, nicht die einzige Homo-Person in der Lanihan-Familie war, die ansonsten einen bemerkenswert hohen Anteil an Vorbestraften, Vergewaltigern, Alkoholikern und politischen Dunkelmännern vorzuzeigen hat. Oder geht’s nur um die Alibi-Lesben, die Stevenson von nun an in jeden seiner Bücher aus Gründen der P.C. offenbar drin haben musste?