Erschien im Original bereits 2005, hat aber thematisch „dank“ Trump (der es vielleicht als Ratgeber aufgefasst hat, wie schaffe ich es ins weiße Haus?) und anderen seltsamen „Regenten“ heute wieder stark an Aktualität gewonnen.
Man könnte es aber auch als satirisch überhöhte, grotesk, fast comicartig verfremdete Allegorie auf Putin, seine „Spezialoperation“, die Rolle seiner Vasallen und Mitläufer, und die Rolle der angepassten Medien lesen.
Oder als Parabel menschlicher Einfalt und geistiger Trägheit, die sich nach einem Anführer sehnt und in einer Art perversen Symbiose mit einem passenden Egomanen, der dieses Vakuum füllt, den Weg zur perfiden Diktatur ebnet.
Man könnte es als schräge Dystopie bezeichnen, ein gemaltes Daumenkino von Picasso & Chagall, dann als Lebendmodell zusammengeschraubt von Dr. Frankenstein höchstpersönlich unter tatkräftiger Beihilfe des technischen Consultant Daniel Düsentrieb, und schließlich literarisch ausbuchstabiert von George Saunders der den Außen- und Innenhorneriten eine eigene Sprache und Kultur verleiht, nicht zu vergessen die Größer-Kelleriten, mit ihrer hedonistischen Glücksphilosophie.
Saunders schafft einzigartige sprachliche Ereignisse, Faszination pur, mittlerweile mein fünftes Buch des Autors. Mit anderen Autoren kann ich ihn irgendwie schwer vergleichen, er belegt eine ganz eigene literarische Nische, wo am ehesten total abgefahrene, schräg/groteske, sprachkreative, sich selbst exzessiv auf die Schippe nehmende, aber doch mit megaernsthaftem Kern, zum Nachdenken anregende Literatur zu finden ist, deren einziger mir bislang bekannter Repräsentant Saunders zu sein scheint. Zumal immer auch sein Credo, wir sollten alle netter miteinander umgehen, durchschimmert. Aber ich würde sagen, in der Nische nebenan könnten schon mal Matt Ruff (G.A.S.) oder Vladimir Sorokin (Eis, Opritschnik etc.) gesessen haben, wobei Ruff nicht das thematische, ethische Gewicht und Sorokin nicht den leichtfüßigen Humor von Saunders haben. Und noch eine Ecke weiter könnten dann Tom Robbins (Salomes siebter Schleier) oder Italo Calvino (Baron auf den Bäumen) einquartiert werden und Lars Gustafsson war auch schon mal als Gast hier (Das seltsame Tier aus dem Norden).
Mein bisheriges Saunders-Nischen-Ranking:
Fuchs 8 (10/10)
Zehnter Dezember (10/10)
Die Regentschaft von Phil (10/10)
Tag der Befreiung (8/10)
Lincoln im Bardo (4/10)