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Lasker war 1910 immer noch auf der ganzen Höhe seiner Spielstärke: Er hatte noch im Jahr zuvor zusammen mit Rubinstein das starke St. Petersburger Turnier gewonnen. Schlechter andererseits war ohne jede Frage einer der stärksten Spieler seiner Zeit und würde im selben Jahr des Weltmeisterschaftkampfes noch das gut besetzte Hamburger Turnier gewinnen. Der Wettkampf zwischen Lasker und Schlechter war auf 10 Partien angesetzt; dem Weltmeister genügte damals wie heute ein Unentschieden im Gesamtergebnis, um seinen Titel behalten zu dürfen. Schlechter galt als überragender Verteidigungskünstler, der es seinem Gegner schwer machen würde, seinen Stil durchzusetzen. Und entsprechend war der Verlauf des Wettkampfes: Acht der zehn Partien endeten Remis; nur zwei Partei wurden entschieden. Schlechter gewann die fünfte, zugleich die letzte der in Wien gespielten Partien; Lasker die zehnte und letzte, in Berlin gespielte Partie des Wettkampfs und blieb so bei einem Endstand von 5 : 5 Weltmeister.
Es ist viel um diese letzte Partie des Wettkampfes gerätselt worden. Schlechter hatte eine bessere Position erreicht, die ohne jede Frage zum Remis, vielleicht sogar zu einem zweiten Sieg hätte reichen müssen. Aber ganz entgegen seiner sonstigen, sehr vorsichtigen Spielweise, beginnt Schlechter plötzlich riskant zu spielen und die Partie zu öffnen. Man muß Lasker zugestehen, daß er diese einzige Chance, die ihm Schlechter während des Wettkampfs geboten hat, augenblicklich genutzt hat, um die Partie zu seinen Gunsten zu entscheiden.
All dies ist der Stoff, aus dem Thomas Glavinic, selbst ein starker Schachspieler, seinen Roman gearbeitet hat. Er beschreibt die Umstände des Wettkampfes sehr detailliert und weitgehend historisch exakt und stellt dabei in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit seine Romanfigur Carl Haffner, die er mit den historischen Personen umgibt. Carl Haffner ist einerseits mit der Biographie Karl Schlechters ausgestattet, aber er ist andererseits eine erfundene Figur, die der Roman mit all ihren Gedanken, Ängstlichkeiten und Marotten erst erfindet, um sie jene Stelle des historischen Karl Schlechter vollständig ausfüllen zu lassen. Glavinic ist sich durchaus darüber im klaren, das er hier einen Drahtseilakt versucht, und es ist kein Wunder, daß die Schach-Fachpresse es nicht hat unterlassen können, die Erfindung der Figur Carl Haffner am historischen Gegenstück zu messen und das eine oder andere auszusetzen.
Das scheint mir recht unangemessen zu sein: Wenn ein Autor schon absichtlich in ein sonst bemüht exakt gezeichnetes historisches Bild eine erfundene Figur hineinstellt, so sollte man ihm dann schon das Zugeständnis machen, diese erfundene Figur mit den Wesenszügen, Charaktermerkmalen und -schwächen auszustatten, die der Autor für seine Geschichte benötigt. Der Roman ist schlicht keine Biographie und will keine sein.
Das Buch ist gut und lesbar geschrieben. Es konzentriert sich sehr auf die Empfindungen, Befürchtungen und Hoffnungen seines Titelhelden. Glavinic versteht es, auch dem nicht Schach spielenden Leser die Monomanie verständlich zu machen, die in nicht wenigen Fällen mit der absoluten Konzentration der großen Spieler auf ihr Spiel verbunden ist. Er zeigt die Vereinzelung seines Prot...
208 pages, Paperback
First published January 1, 1998