Am 16.12.25 wäre Jane Austen 250 Jahre alt geworden. „Frauenbuch und Romantikgeschnulze“ zum Strotz, Anlass für mich, das erste Mal ein Buch von ihr zu lesen. Pride & Prejudice kommt da natürlich als erstes in den Sinn.
Über Literat haben wir dann direkt eine Buddy-Read-Gruppe gebildet und das Buch zusammen in drei Abschnitten gelesen. Das war sicher die beste Entscheidung, Jane Austen ist sicher nichts für ein oberflächliches Lesen, steckt doch so viel drin.
Aber der Reihe nach. Mein Anspruch, das Buch im englischen Original zu lesen, musste ich nach 30 Seiten aufgeben, zum ersten Mal vor der englischen Sprache kapituliert. Es ist eine sehr alte Sprache und der Satzbau ist kompliziert. Das hat mich etwas gefrustet, war aber sicher die zweite gute Entscheidung. Es steckt sehr viel in den beschriebenen Szenen, es kommt auf Nuancen an, die Details machen das Buch lesenswert.
Eine Herausforderung neben der Sprache ist sicherlich auch die große Fülle an Personen.
P&P kann wirklich als „Frauenbuch“ bezeichnet werden. Die Geschichte wird nämlich nur aus der Perspektive der Frauen erzählt. Männer sind zwar im Mittelpunkt der Geschichte, bekommen aber keine Stimme. Das ist letztlich aber auch das, wofür Jane Austen berühmt wurde, war damals absolut nicht üblich, dass das Schicksal der Frauen im Zentrum von Erzählungen stand.
P&P ist aber sicher nicht nur für Frauen interessant. Es beschreibt die sehr komplexen gesellschaftlichen Abhängigkeiten und Verflechtungen. Frauen brauchten Männer, um finanziell abgesichert zu sein; standen den meisten Frauen kein Erwerb oder Einkommensquellen zu.
Und auch vielen Männern stand übrigens nicht einfach die Welt offen, die Zweitgeborenen werden Pfarrer oder ziehen in den Krieg. Harte Zeiten.
P&P beschreibt die Situation der fünf Bennett-Schwestern, die als Teil des gentry, des Landadels im England der Regency-Ära leben. Industrieller Aufstieg und Kriege (Frankreich, Übersee) bestimmen die Zeit. Das wird aber nur wenig gestreift im Buch.
Die Schwestern sind auf Männersuche bzw. müssen hoffen, dass der richtige über den Weg läuft. Alles recht passiv und sehr vom Schicksal bestimmt. Die Rolle der Eltern (Mr und Mrs Bennet), die Nachbarn von der Lucas Lodge und der nervige Cousin Collin sind wichtige Figuren. Genauso Lady Catherine als Person des ganz alten Hochadels.
Aber dann geht es natürlich auch um die Männer! Bingley, der Wohlstandsaufsteiger, Wickham, der rückgratlose, schamlose Offizier und natürlich Mr Darcy, der aus den höchsten Kreisen kommt.
Zu arbeiten scheint keiner, obgleich hier durchaus analysiert wird, dass sich die Damen ja nicht aus reiner Vergüngungssucht die ganze Zeit um die Männer drehen, sondern im Sinne einer gesellschaftlichen Arbeit für die nackte Notwendigkeit, die Zukunft abzusichern. Das wird sehr deutlich, wenn die Freundin Charlotte - schon am Ende ihrer 20er, zwar schlau, aber weder wohlhabend noch hübsch - Collins, den Erben des Anwesens der Bennetts heiratet. Hier wird sehr deutlich Kritik an dem sehr frauenfeindlichen Erbrecht geübt und klargestellt wie hart die Realität für die Frauen ist. Collins ist dabei sehr satirisch überspitzt dargestellt, man wechselt zwischen Fremdscham und Lachanfall; wird damit aber auch deutlich, was die arme Charlotte über sich ergehen lassen muss, nur um ihre finanzielle Absicherung zu erlangen.
Man fragt sich allerdings dennoch, warum dort scheinbar keiner oder kaum einer „echter“ Arbeit nachgehen muss, aber so scheint das im Adel der Fall gewesen zu sein. Hier kann man dann aber schon kritisch anmerken, dass Austen die Angestellten, Bauern und Arbeiter nicht wirklich in ihrer Geschichte auftauchen lässt.
Dann ist da Lydia. Die hat den Schuss nicht gehört, ist hoffnungslos verzogen und jagt allen Uniformen hinterher. Die fällt in Ungnade und brennt mit Wickham durch, der nur verbrannte Erde und Schulden hinterlässt. Das ist eine derartige gesellschaftliche Missetat, dass dadurch das Wohl aller Schwester wegen der Gefahr der gesellschaftlichen Ächtung gefährdet ist. Hier müssen andere versuchen, das ganze zu fixen, sie selber merkt das noch nicht mal.
Jane, die älteste, findet am Ende endlich zu Bingley. Ein kleines Happy End! Da blitzt dann doch etwas von der groß erwarteten Romantik durch, auch wenn das im Buch kaum wirklich beschrieben wird. Es geht mehr um das Warten und die Passivität Janes. Sie muss ihrer gesellschaftlichen Rolle gemäß abwarten und hoffen, dass Bingley zurückkommt. Letztlich passiert das auch nur durch Zutun anderer. Glück gehabt.
Anders Elizabeth, unsere Hauptfigur, die hat einen festen Willen und eine klare Vorstellung davon, dass sie niemals nur der Versorgung wegen heiraten würde. Das Ziel ist die Liebesheirat, sicher mehr der Wunsch wie es sein sollte als damalige Realität. Elizabeth setzt das konsequent um und lehnt gleich zwei Eheanträge ab, wird darin sogar durch den Vater bestärkt. Aber liebt sie Darcy nachher wirklich wegen seines Charakters oder sind ihre Wallungen doch mehr durch den Anblick des Herrschaftsanwesens von Pemberley entstanden? So ganz klar wird das nicht.
Mir ist hingegen klar geworden, dass es wesentlich zu kurz gesprungen ist, P&P als Romantikbuch abzutun, steckt da doch wesentlich mehr Gesellschaftskritik und Satire drin. Das macht das aber eben auch sehr lesenswert, und aus meiner Sicht für jeden!
Ok, es ist sicher nett als „Janeite“ zu Jubiläumsbällen zu fahren, in Regency-Kleider zu tanzen und von Darcy zu schwärmen. Mit der damaligen Zeit und mit dem Kern dieses Austen-Buches hat das nach meiner Lesart aber nicht viel zu tun. Mir war jedenfalls schnell klar, dass ich auf keinen Fall in dieser Zeit leben wollen würden: zu viele Anstandsregeln, Erfolg und Wohlstand sind Schicksalsangelegenheiten und unter den hübschen Kleidern müssen die bei derart schlechter Hygiene ganz schön gemüffelt haben.
Aber das ist das Tolle an diesem Buch, es steckt so viel drin und jeder kann andere Punkte entdecken. Ein Buch das sehr vom gemeinsamen Lesen und diskutieren profitiert. Das Buch wirkt zudem nach und beschäftig einen. Das ist bemerkenswert!
Ok, und wie sieht es mit dem Film aus? Ich habe dann pünktlich zum 16.12. die 2005er Verfilmung mit Keira Knightley gesehen und war positiv überrascht. Viele Figuren waren wirklich total gut getroffen. Der Vater, Collins und auch die Bennet-Schwestern waren wirklich gut. Nur Bingley hatte ich mir anders vorgestellt. Der Film versucht einigermaßen dicht am Buch zu bleiben, kann aber die Tiefe nicht ansatzweise abbilden. Die Notwendigkeit der Absicherung durch Ehe wird angerissen, aber der romantische Aspekt der Gesichte rückt (zu sehr) ins Zentrum. Gut fand ich, dass man durch die Bilder das damalige Leben besser nachvollziehen konnte. Das kommt im Buch nämlich zu kurz, da wird sehr viel Wissen über Leben und Gesellschaft vorausgesetzt. Etwas schade fand ich, dass mein stärkster Moment des Buches - wie Elizabeth der Lady Catherine die Stirn bietet - im Film zu kurz kommt und verfälscht dargestellt wird.
Kurzum, hatte ich am Anfang noch Sorge, dass Jane Austen nicht mein Fall sein könnte und mir das Buch Schwierigkeiten bereiten würden, war ich am Ende sehr überzeugt und werde dieses Buch sicher noch einmal lesen.
Es ist alles drin.
4.5 ⭐️ - kleiner Abzug weil’s ein Frauenbuch ist 🫣