Anthologie mit 47 Kurzgeschichten englischsprachiger Autoren, die zwischen Kriegsende und Mitte der 1990-er Jahre entstanden und schwules Leben schildern. Die Mehrzahl kommt aus England in den achtziger und neunziger Jahren und war vorher nur in Zeitschriften zu lesen.
Herausgeber war der britische Journalist Peter Burton (1945-2011), der jahrelang für die Gay Times geschrieben, aber auch eine Rod-Stewart-Biografie verfasst hat. Und er meinte es gut mit seinen Lesern: 47 Texte auf 480 Seiten. Aber beim zweiten Hinsehen kam mir dann vieles eher fragwürdig und auch etwas angestaubt vor.
Im Vorwort legt Burton seine Auswahlkriterien dar. Es sollen nur in Englisch erstveröffentlichte Texte erscheinen. Genet, Pasolini, Busi, Reve, Meyer, Mishima, Puig also schon mal nicht. Die Autoren durften aber noch nicht gestorben sein. James Baldwin kommt also nicht vor, dagegen eine Militärgeschichten von Francis King aus dem Jahre 1949. Da es doch angeblich schon 1945 losgeht, wenn auch - selbst aus den englischen - Fifties und Sixties kaum was da ist. Kein Joe Orton, kein Charles Dyer, Robin Maugham, Angus Wilson, Truman Capote, Tennessee Williams, Dennis Cooper, wohl aber ein John Mitzel („The Last Piece of Trade in America“), dessen Beitrag aus einet vergleichbaren US-Storysammlung vom Anfang der 1980-er stammt und welcher ansonsten, wie der Herausgeber, nur selten als belletristischer Autor, dafür regelmäßig als Journalist in der Schwulenpresse in Erscheinung trat.
Den einen oder anderen Amerikaner, die absolut unterrepräsentiert sind (und also auch New York, San Francisco, LA, Chicago, Boston), brauchte Burton noch. Er gibt sich viel Mühe, auch noch Wales, Schottland (Irland fällt hinten runter), Kanada (die Karibik fällt hinten runter), Südafrika, Australien, Neuseeland ihren angemessenen Anteil zu verschaffen. Doch den größten Autorenteil hat, neben London, ausgerechnet Brighton an der Südküste, wo Burton sich offenbar lange in einer Publizistenkolonie aufhielt und einen schwulen Verlag betrieb.
Peter Burton ist stolz, wie viele dieser Geschichten in keiner anderen Anthologie jemals standen, nicht mal in Buchform zu haben sind, sondern von Zeitschriften stammen. Wo er schon mal ein englisches Magazin aus dem Jahr 1969 ausgräbt. „Whatever happened to the girl next door?“ von Matthew Butler. Einem Autor, den das Internet nicht kennt, weil er, wie Burton schreibt, in den 1960-er unter Pseudonymen agierte, dann Buchhändler in Spanien wurde. Dem Buch eignet schon auch was Altmodisches. Wozu sein Titelfoto von, ausgerechnet, einem schönen jungen Franzosen passt (die Ankündigungen auf den Plakaten hinter ihm an der Wand), das von dem wunderbaren schwulen Fotografen Raymond Voinquel zu kommen scheint. (Herkunft des Fotos im Buch nicht ausgewiesen, eigene Recherche, ja, es ist ein Standfoto aus dem Film „Le diable au corps“, 1947, mit Gérard Philippe.)
Dem deutschen Leser muss auffallen, dass diese angelsächsischen Autoren einen auf handwerkliche Perfektion ausgerichteten Stil der „leichten Unterhaltung“ pflegen, also nicht, wie es bei deutschen Schwulen sehr oft wäre, den Leser zu blenden, zu überwältigen, zu langweilen, indem sie sich im L'art pour l'art edler Vokabeln, philosophischer Ideen, didaktisch wertvoller Erkenntnisse, historischer Belehrung oder exhibitionistischer Skandalisierung wälzen. Es scheint ihnen um die nette kleine, oft auch arg bürgerliche, familiäre, harmlose (nicht explizite!) Geschichte zu gehen. Rebellion und Politik haben hier so wenig Platz wie das Hermetische, Avantgardistische. Das Buch unterhält also gut, ist in Vielem aber auch gut entbehrlich.
Die seinerzeit aufsteigenden Sterne hatte Burton anscheinend noch nicht entdeckt. Alan Hollinghurst (wieso eigentlich nicht?), David Leavitt (wieder: wieso denn nicht?), Michael Cunningham (ja, der wurde vor „The Hours“, 1998, noch kaum gesehen). Aber seine Arrivierten möchte Burton schon auch haben. So gibt es einen jener stilistisch sehr feinen, kühl-distanzierten Blicke von Andrew Holleran auf die Gewohnheiten von im Wohlstand und um Manhattan herum lebenden Mittelschicht-Weißen. Gibt es eines dieser leicht schmierigen Genre-Melodramen Felice Picanos, eine schwule Geistergeschichte dieses Mal. Pirscht sich Patrick Gale mal wieder höchst dezent und spöttisch feixend an die schwulen Untaten einsamer Männer in Provinzkleinstädten heran. Liefert Joseph Hansen einen weiteren Krimi ab, in dem junge, seelenlose Burschen ihre sexuelle Attraktivität herzlos in Stellung bringen. Ringt sich Stephen Gray Optimismus ab, was das zukünftige Zusammenleben von gemischtrassigen schwulen Paaren in Südafrika angeht, bei denen der eine Teil auch noch älter und in akademischer Stellung ist, der andere aus dem einfachen Volk und jung.
Es gibt einiges über Sport (Schottland und Fußball bei Graeme Woolaston, Pferderennen bei Simon Raven). Es kommen die angesagten Drogen der 1990-er vor, Ecstasy und Kokain (Toni Davidson). Und natürlich gibt es Strichergeschichten, in denen vornehmlich das Groteske der Freiercharaktere herausgestrichen wird, die somit wohl zurecht auf die Nase fallen (John-Paul Zaccharini, Aiden Shaw, John Stapleton). Und, auch das ist typisch Nineties, es muss zu hartem, versauten Sex mit Skinheads in hässlichen Vorstädten kommen (Ian Young, David Evans).
Ich hege zwar den Verdacht, dass die Anordnung dieser Texte gemäß der alphabetischen Abfolge der Familiennamen ihrer Autoren, was ein Kuddelmuddel der Themen und Stile zur Folge hat (ich las es dann auch nicht in dieser Reihe), eher dazu dient zu verdecken, dass etliches aus englischen Zeitschriften nach 1980 kommt, der Herausgeber allerdings meint, es hätte wohl niemand ein Buch gemocht, dessen chronologischer Schlussteil fast nur aus AIDS bestanden hätte. AIDS musste aber sein und kommt auch: Sebastian Beaumont, Michael Leech, Lawrence Schimel. Und es kommt zu Plots, die zu der Zeit unvermeidlich waren, aber vielleicht doch nie wirklich gut. Der Stricher, der sich missachtet fühlt und den Virus als Rache in die „Normalbevölkerung“ der bisexuellen Kunden hineinträgt. Der HIV-infizierte Vampir, der sich überlegt, ob er den Jüngling, der ihn fasziniert, besser gleich tötet oder einen weiteren AIDS-Kranken erzeugt.
Und, nachdem wir nun einen Einblick ins Buch bekamen, noch eine Frage: Wieso kommt denn Edmund White überhaupt nicht vor?