„Kinn und Adlernase sehen aus, als wollten sie seinem Gesicht entfliehen, irgendwohin, wo die Berge höher sind, die Luft reiner, dort, wo man mit dem Kopf fast an die Wolken stößt und wo der Wind anders flüstert als unten im Tal der türkischen Großgrundbesitzer, der Dere Beys. Dein Vater hat schöne, fast zarte Hände, und sie passen gar nicht zu seinem Gesicht.
Auch Enver Pascha hat schöne und zarte Hände. Aber soll ich etwa die Hände deines Vaters mit den Händen eines Henkers vergleichen?
Nein, mein Lämmchen. Das werde ich nicht tun. Und deshalb sage ich jetzt zu dir: Dein Vater hat sensible Hände, aber sie sind ganz anders als die Hände Enver Paschas. Es sind traurige und gequälte Hände, denn Hände haben einen Ausdruck, wie Augen.“ S.76
„Ich sehe ein Kreuz, mein Lämmchen. Und am Kreuz hängt nicht Jesus Christus, sondern das Auge eines Armeniers. Ein Türke nagelt es fest.“ S.77
„Und plötzlich platzten die großen Milchsäcke seiner Mutter. Und ganze Milchbäche flossen die Berge hinunter und ergossen sich in die anatolischen Täler. Und es floß mehr und mehr Milch. Und Bäche wurden zu Flüssen. Und Flüsse zu Meeren. Die ganze Welt ertrank in der Milch seiner Mutter. Nur die Weinrebe, dort, wo der kleine Wartan lag, blieb im Trockenen. Und der kleine Wartan schrie und schrie. Er schrie nach der Milch seiner Mutter, die überall war, nur nicht bei ihm.“ S.137
„Daß die Ausrottung der Armenier in der Türkei - die Hinrichtung eines ganzen Volkes - letzten Endes nicht nur von den Ausrottern abhängt, sondern auch vom Schweigen ihrer Verbündeten.“ S.174
„Ist vielleicht nur das Leben ein Kunstwerk, nicht aber das, was zu seiner Vernichtung führt... da ja das Leben komplizierter ist als der Tod, und weil es viel schwieriger und genialer ist, Leben zu erwecken, als es einfach zu löschen?“ S.394
„…irgendwann werden wir aus den Kurden echte Türken machen. Das geht aber nicht bei den Armeniern. Der Armenier ist ein Fremdkörper in unserem Fleisch, ein zynischer Stachel, der nicht zu belehren, aufzusaugen oder umzumodeln ist, der dem türkischen Wesen ewig fremd und verständnislos gegenübersteht, oder sagen wir so: nicht gegen-übersteht, sondern hartnäckig in uns steckt, und dessen einzige Absicht es ist, den Körper, der ihn nährt, zu vergiften.“ S.407
„die Besitzer dieser Füße hatten eine zarte Haut. Das waren nicht die abgehärteten, schwieligen, durch Hornhaut gefeiten Füße der unteren Stände von Bakir, der Türken und Kurden. Diese Füße waren es gewohnt, gutes Schuhwerk zu tragen, sogar Seiden-strümpfe, die zu allem Uberfluß auch noch gewaschen und gewechselt wurden. Zimperliche Füße waren das, und zimperlich waren die Schreier.“ S.408
Eine Geschichte wie ein Mythos, überall bekannt, doch nie wirklich restlos in der Welt sämtliche Zweifel beseitigt. Eine traurige Geschichte, mitleiderregend, ein Genozid folgt auf den nächsten, die Sprache klar und doch manchmal mystisch, vulgär und angemessen. Hilsenrath weiß, wie man seine Leser einfängt. Dieses Werk lässt einen schaudern ob der Fiktion, wie es womöglich hätte abgelaufen sein können. Und dass Jahrzehnte danach noch immer Diskussionen über das Ob geführt werden, lässt einem die Stimme versagen. Manchmal im Witz verpackt, erzählt Hilsenrath über ein vergessenes Volk, das sicher mehr Solidarität verdient hätte, in einer Zeit des Chaos und Wahnsinns in der Welt jedoch nicht beanspruchen konnte. Manchmal ein wenig verworren, schafft die Geschichte Betroffenheit und ein Gefühl des Erstickens ob der von langer Hand geplanten Ungerechtigkeit.