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Less Than One: Selected Essays
This collection of essays thrusts Brodsky--heretofore known more for his poetry and translations--into the forefront of the "Third Wave" of Russian emigre writers. His insights into the works of Dostoyevsky, Mandelstam, Platonov, as well as non-Russian poets Auden, Cavafy and Montale are brilliant. While the Western popularity of many other Third Wavers has been stunted by their inability to write in English, Brodsky consumed the language to attain a "closer proximity" to poets such as Auden. The book, which won a National Book Critics Circle Award, opens and closes with revealing autobiographical essay.
512 pages, Paperback
First published January 1, 1986
About the author
Joseph Brodsky
331 books751 followersJoseph Brodsky (Russian: Иосиф Бродский) was a Russian-American poet and essayist. Born in Leningrad in 1940, Brodsky ran afoul of Soviet authorities and was expelled from the Soviet Union in 1972, settling in America with the help of W. H. Auden and other supporters. He taught thereafter at several universities, including Yale, Columbia, and Mount Holyoke. Brodsky was awarded the 1987 Nobel Prize in Literature "for an all-embracing authorship, imbued with clarity of thought and poetic intensity." A journalist asked him: "You are an American citizen who is receiving the Prize for Russian-language poetry. Who are you, an American or a Russian?" Brodsky replied: "I'm Jewish; a Russian poet, an English essayist – and, of course, an American citizen." He was appointed United States Poet Laureate in 1991.
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Community Reviews
Displaying 1 - 4 of 4 reviews
March 19, 2020
Das schmale Büchlein „Erinnerungen an Leningrad“ besteht aus zwei Essays - „Weniger als man“ und „In eineinhalb Zimmern“. In diesen Aufsätzen setzt sich Brodsky mit seiner Vergangenheit, seiner Kindheit, seinen Eltern und seinem Heimatland - der UdSSR - auseinander.
Schon früh wird Joseph Brodsky klar, dass dieses totalitäre System in das er als Kind jüdischer Eltern rein geboren wurde nicht zur freiheitlichen Gestaltung des eigenen Lebens taugt. Anders als seine Eltern, die sich „arrangiert“ haben, die die Kulturrevolution unbeschadet überstanden, der Belagerung St. Petersburg und der damit verbundenen Hungersnot im zweiten Weltkrieg trotzten und nun, nach all diesen Strapazen, sich einem stetig wachsenden Antisemitismus ausgesetzt sahen, ist dieses Land, dieses System mit all seinen kleinen und großen Hindernissen keine lebenswerte Option. Brodsky eckt an und wird schließlich des Landes verwiesen. In den USA findet er eine neue Heimat. Dort kann er ein unbeschwertes Leben führen, jedoch mit dem Verzicht erkauft - die eigenen Eltern niemals wiederzusehen. Er selbst kann nicht zurück, seine Eltern dürfen nicht raus. Der letzte Wunsch der Eltern, den Sohn vor dem eigenen Tode noch einmal wiederzusehen bleibt verwehrt. Der ungeliebte Staat gewinnt am Ende.
>>Ach, jene wöchentlichen Anrufe in die UdSSR! Der ITT ist es noch nie so gut gegangen.
Wir konnten bei diesen Gesprächen nicht viel sagen; wir mußten entweder zurückhaltend oder unaufrichtig euphemistisch sein. Es ging meistens um das Wetter oder die Gesundheit, nie um Namen, sehr viel um gesunde Ernährung. Die Hauptsache war, gegenseitig die Stimme des anderen zu hören und uns somit auf animalische Weise unserer Existenz zu versichern. Das meiste war ohne Bedeutung, und es ist ein Wunder, daß ich ich mich an keine Einzelheiten erinnere, außer an die Antwort meines Vaters am dritten Tag des Krankenhausaufenthalts meiner Mutter. „Wie geht es Masja?“ fragte ich. „Na ja, Masja wird nicht mehr, weißt du“, sagte er. Das „weißt du“ sagte er, weil er selbst bei diesem Anlaß euphemistisch sein wollte.<<
Brodskys Erinnerungen sind klar, glaubhaft und von solch einer Natürlichkeit durchzogen, die einen auch schon mal den Boden unter den Füßen weg ziehen kann. Erinnerungen an ein Leben, ein Schicksal, an geliebte Menschen und Orte, denen jedoch bis zu Brodskys eigenem Lebensende jedwede Möglichkeit eines Wiedersehens verwehrt wurde. Absolut lesenswert!
Schon früh wird Joseph Brodsky klar, dass dieses totalitäre System in das er als Kind jüdischer Eltern rein geboren wurde nicht zur freiheitlichen Gestaltung des eigenen Lebens taugt. Anders als seine Eltern, die sich „arrangiert“ haben, die die Kulturrevolution unbeschadet überstanden, der Belagerung St. Petersburg und der damit verbundenen Hungersnot im zweiten Weltkrieg trotzten und nun, nach all diesen Strapazen, sich einem stetig wachsenden Antisemitismus ausgesetzt sahen, ist dieses Land, dieses System mit all seinen kleinen und großen Hindernissen keine lebenswerte Option. Brodsky eckt an und wird schließlich des Landes verwiesen. In den USA findet er eine neue Heimat. Dort kann er ein unbeschwertes Leben führen, jedoch mit dem Verzicht erkauft - die eigenen Eltern niemals wiederzusehen. Er selbst kann nicht zurück, seine Eltern dürfen nicht raus. Der letzte Wunsch der Eltern, den Sohn vor dem eigenen Tode noch einmal wiederzusehen bleibt verwehrt. Der ungeliebte Staat gewinnt am Ende.
>>Ach, jene wöchentlichen Anrufe in die UdSSR! Der ITT ist es noch nie so gut gegangen.
Wir konnten bei diesen Gesprächen nicht viel sagen; wir mußten entweder zurückhaltend oder unaufrichtig euphemistisch sein. Es ging meistens um das Wetter oder die Gesundheit, nie um Namen, sehr viel um gesunde Ernährung. Die Hauptsache war, gegenseitig die Stimme des anderen zu hören und uns somit auf animalische Weise unserer Existenz zu versichern. Das meiste war ohne Bedeutung, und es ist ein Wunder, daß ich ich mich an keine Einzelheiten erinnere, außer an die Antwort meines Vaters am dritten Tag des Krankenhausaufenthalts meiner Mutter. „Wie geht es Masja?“ fragte ich. „Na ja, Masja wird nicht mehr, weißt du“, sagte er. Das „weißt du“ sagte er, weil er selbst bei diesem Anlaß euphemistisch sein wollte.<<
Brodskys Erinnerungen sind klar, glaubhaft und von solch einer Natürlichkeit durchzogen, die einen auch schon mal den Boden unter den Füßen weg ziehen kann. Erinnerungen an ein Leben, ein Schicksal, an geliebte Menschen und Orte, denen jedoch bis zu Brodskys eigenem Lebensende jedwede Möglichkeit eines Wiedersehens verwehrt wurde. Absolut lesenswert!
July 9, 2015
Der in der Edition Akzente erschienene Band ERINNERUNGEN AN LENINGRAD enthält zwei der Texte, die im amerikanischen Essayband LESS THAN ONE enthalten sind; es sind dieses beides "Erinnerungstexte", wobei der erste, WENIGER ALS MAN, sich nicht so sehr konkret mit der Kindheit des russischen Nobelpreisträgers als vielmehr mit der Frage beschäftigt, wie Erinnerung an sich überhaupt vermittelt werden kann. In IN EINEINHALB ZIMMERN schildert Brodksky das gemeinsame Leben mit Vater und Mutter nach dem Krieg in einer 40 Quadratmeter-Wohnung in einem ehemaligen Prachtbau in Leningrad.
Brodskys Schicksal ist leider nicht untypisch für jemanden, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geboren wurde (1940, um genau zu sein): Als Kind jüdischer Eltern gehörte er auch in Leningrad zu einer diskriminierten Minderheit. In Kombination mit seinem unbeugsamen Wesen führt dieses dazu, dass schon das Grundschulkind jeder Propagande kritisch gegenüber steht und kein Vertrauen zu Staat und Schule hat. Schon mit 15 Jahren geht Brodsky vorzeitig von der Schule ab, um in einer metallverarbeitenden Fabrik Geld zu verdienen. Denn die Lebensbedingungen im Nachkriegsrussland sind kaum rosiger als in Deutschland.
Aber wie Nabokov ist Brodsky, der 1972 aus der Sowjetunion ausgebürgert wird und fortan in den USA lebt, kein Freund von Larmoyanz. Unprätentiöse und gegen den Strich gebürstet begegnen uns hier die Erinnerungen eines Menschen, der schon als Kind nicht geeignet ist, sich dem Staat und der herrschender Meinung (=Propaganda) zu beugen.
Viele Gedanke, die Brodsky hier formuliert, verblüffen auf den ersten Blick. Das hängt vor allem damit zusammen, dass er als "Selbstdenker" keine vorgefertigten Meinungen übernimmt, sondern immer von seinen eigenen Erfahrungen und Sinneseindrücken ausgeht. Alles, was Brodsky schreibt, ist wahr, zumindest für einen bestimmten Typus Mensch, den Künstler und Individualisten, der nicht um einen festen Platz in der Gesellschaft kämpfen will. Denn das, was man besitzt, weckt bei anderen Begehrlichkeiten; was andere aber begehren, kann schon nicht mehr passgenau aufs eigenen Leben zugeschnitten sein.
Wie Nabokov hält auch Brodsky nichts von Freuds Psychoanalyse:
"Mäntel und Unterwäsche waren von unseren Müttern aus den Uniformen und geflickten Unterhosen unserer Väter geschneidert: exit Sigmund Freud."
Überhaupt hält er nicht allzu viel von Symbolen, denn im harten russischen Alltag ist dafür kaum Raum. Und doch kommt es, wie es kommen muss: "Bücher wurden die erste und einzige Realität, wohingegen die Realität uns als unsinnig oder lästig galt."
Und: "Liberté, Egalité, Fraternité...Warum fügt niemand hinzu: Kultur?""
Doch, wie schon erwähnt, ist dieser erste Essay vor allem ein Text über das Erinnern:
"Das Gedächtnis ist meiner Meinung nach ein Ersatz für den Schwanz, den wir in dem glückseligen Evolutionsprozeß ein für allemal verloren haben. Er lenkt unsere Bewegungen, Migration eingeschlossen."
Obschon Erinnerung für das Menschsein so wichtig ist, könnte der Essay doch fast als Studie in Sachen Vergeblichkeit gelesen werden, denn Brodsky macht immer wieder deutlich, dass über die Grenzen von Sprache und Kulturräumen hinaus kaum ein Eindruck von Vergangenem vermittelt werden kann:
"Ein wie kunstvolles Gebilde jemand auch immer ersinnen mag, am Ende steht er da mit einem Netz voller Fische, aber ohne Wasser."
Nachdem diese Problematik im ersten Teil erörtert wird, berichtet Brodsky in 45 sehr kurzen Kapiteln dann von seinen Kindheits- und Jugendjahren und vom Aufwachsen in engster räumlicher Bedrängnis mit der Familie, die er nach seiner Ausweisung aus der SU niemals wieder sieht:
"Jetzt sind meine Mutter und mein Vater tot. Ich stehe an der Küste des Atlantischen Ozeans: eine Riesenmasse Wasser, die mich von zwei Tanten, die noch leben, und meinen Vettern und Kusinen trennt; ein regelrechter Abgrund, der tief genug ist, selbst den Tod durcheinanderzubringen."
Seine Erinnerungen sind sehr anschaulich und berühren mich sehr, obgleich ich den ersten Essay unter literarischen Aspekten vorgezogen habe.
In jedem Fall sind die ERINNERUNGEN AN LENINGRAD ein sehr lesenswertes, leider schmales Büchlein, dass uneingeschränkt allen zu empfehlen ist, die etwas über das Leben Brodskys oder etwas über den Leningrader Nachkriegsalltags erfahren möchten.
Brodskys Schicksal ist leider nicht untypisch für jemanden, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geboren wurde (1940, um genau zu sein): Als Kind jüdischer Eltern gehörte er auch in Leningrad zu einer diskriminierten Minderheit. In Kombination mit seinem unbeugsamen Wesen führt dieses dazu, dass schon das Grundschulkind jeder Propagande kritisch gegenüber steht und kein Vertrauen zu Staat und Schule hat. Schon mit 15 Jahren geht Brodsky vorzeitig von der Schule ab, um in einer metallverarbeitenden Fabrik Geld zu verdienen. Denn die Lebensbedingungen im Nachkriegsrussland sind kaum rosiger als in Deutschland.
Aber wie Nabokov ist Brodsky, der 1972 aus der Sowjetunion ausgebürgert wird und fortan in den USA lebt, kein Freund von Larmoyanz. Unprätentiöse und gegen den Strich gebürstet begegnen uns hier die Erinnerungen eines Menschen, der schon als Kind nicht geeignet ist, sich dem Staat und der herrschender Meinung (=Propaganda) zu beugen.
Viele Gedanke, die Brodsky hier formuliert, verblüffen auf den ersten Blick. Das hängt vor allem damit zusammen, dass er als "Selbstdenker" keine vorgefertigten Meinungen übernimmt, sondern immer von seinen eigenen Erfahrungen und Sinneseindrücken ausgeht. Alles, was Brodsky schreibt, ist wahr, zumindest für einen bestimmten Typus Mensch, den Künstler und Individualisten, der nicht um einen festen Platz in der Gesellschaft kämpfen will. Denn das, was man besitzt, weckt bei anderen Begehrlichkeiten; was andere aber begehren, kann schon nicht mehr passgenau aufs eigenen Leben zugeschnitten sein.
Wie Nabokov hält auch Brodsky nichts von Freuds Psychoanalyse:
"Mäntel und Unterwäsche waren von unseren Müttern aus den Uniformen und geflickten Unterhosen unserer Väter geschneidert: exit Sigmund Freud."
Überhaupt hält er nicht allzu viel von Symbolen, denn im harten russischen Alltag ist dafür kaum Raum. Und doch kommt es, wie es kommen muss: "Bücher wurden die erste und einzige Realität, wohingegen die Realität uns als unsinnig oder lästig galt."
Und: "Liberté, Egalité, Fraternité...Warum fügt niemand hinzu: Kultur?""
Doch, wie schon erwähnt, ist dieser erste Essay vor allem ein Text über das Erinnern:
"Das Gedächtnis ist meiner Meinung nach ein Ersatz für den Schwanz, den wir in dem glückseligen Evolutionsprozeß ein für allemal verloren haben. Er lenkt unsere Bewegungen, Migration eingeschlossen."
Obschon Erinnerung für das Menschsein so wichtig ist, könnte der Essay doch fast als Studie in Sachen Vergeblichkeit gelesen werden, denn Brodsky macht immer wieder deutlich, dass über die Grenzen von Sprache und Kulturräumen hinaus kaum ein Eindruck von Vergangenem vermittelt werden kann:
"Ein wie kunstvolles Gebilde jemand auch immer ersinnen mag, am Ende steht er da mit einem Netz voller Fische, aber ohne Wasser."
Nachdem diese Problematik im ersten Teil erörtert wird, berichtet Brodsky in 45 sehr kurzen Kapiteln dann von seinen Kindheits- und Jugendjahren und vom Aufwachsen in engster räumlicher Bedrängnis mit der Familie, die er nach seiner Ausweisung aus der SU niemals wieder sieht:
"Jetzt sind meine Mutter und mein Vater tot. Ich stehe an der Küste des Atlantischen Ozeans: eine Riesenmasse Wasser, die mich von zwei Tanten, die noch leben, und meinen Vettern und Kusinen trennt; ein regelrechter Abgrund, der tief genug ist, selbst den Tod durcheinanderzubringen."
Seine Erinnerungen sind sehr anschaulich und berühren mich sehr, obgleich ich den ersten Essay unter literarischen Aspekten vorgezogen habe.
In jedem Fall sind die ERINNERUNGEN AN LENINGRAD ein sehr lesenswertes, leider schmales Büchlein, dass uneingeschränkt allen zu empfehlen ist, die etwas über das Leben Brodskys oder etwas über den Leningrader Nachkriegsalltags erfahren möchten.
September 29, 2020
Leider nicht in Originalsprache gelesen, aber nichstdestotrotz hat Brodsky auch auf Deutsch mit Erinnerungen an Leningrad ein wahres Meisterwerk geschrieben. Ein philosophischer, nachdenklicher, reflektierender Text darüber was es heisst, aus dem Russland seiner Nachkriegskindheit emigiriert zu sein; was es hiess, damals ein Kind und Jugendlicher zu sein. Obwohl der Text mit dem politischen Kontext der Mitte des 20. Jahrhunderts getränkt ist, versteht es Brodksky in diesem Werk, dies als einen Hintergrund für seine Überlegungen zu verstehen - es ist genug da, um die Situation verständlich zu machen, aber es bleibt der Hintergrund für seine persönliche und familiäre Entwicklung. Als Emigrant in Amerika sieht Brodsky auf sein Leben und seine Eltern zurück, und denkt dabei darüber nach, wie das Gedächtnis funktioniert, wie wir uns erinnern, woran wir uns je werden erinnern können; was es heisst zu schreiben; was Freiheit wirklich bedeutet und wem sie zusteht; wie sehr das Leben von der eigenen Kultur geprägt ist, die ausserhalb doch kaum einer verstehen kann. Ein wirklich poetisches, kraftvolles Werk, welcher von wahrhaft meisterhaften Zitaten und Ideen nur so strotzt. Mein Lieblingsbeispiel ist wohl, dass alles, vowon es zu viel gibt, Propaganda sein muss - Lenin und sein Abbild, die Zukunft, Gras. Mein erster Brodsky, und bestimmt nicht mein letzter.
October 19, 2019
Noch so ein Genie, das man unbedingt gelesen haben muss. Angeblich. Man kann die Liebe zur Literatur auch übertreiben. Der stellt selbst Nabakov in den Schatten.
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