Katastrophe, größter anzunehmender Unfall, Machtlosigkeit, Wut – Krankheit, Tumor, Hoffnung, Schicksal.
So könnte man grobkörnig die Gedanken und philosophischen Ansätze in Christa Wolfs Werk beschreiben. Die Autorin beschreibt die Ereignisse eines Tages im Leben einer fiktiven Schriftstellerin, die mit der Nachricht eines Reaktorunfalls in der Nähe Kiews zum Einen und als wäre das nicht genug, zum Anderen mit einer riskanten Hirnoperation ihres Bruders konfrontiert wird.
Ausgehend von diesem Vorfall in der Sowjetunion, über den nur ganz allmählich und tröpfchenweise mehr Details bekannt gegeben werden (zumindest in der DDR), überlagern sich die Gedanken und Eindrücke der Erzählerin mit der zur gleichen Zeit stattfindenden Operation ihres Bruders, deren Ausgang ungewiss ist.
Immer wieder werden Gedanken und Überlegungen in Beziehung zu diesen anormalen Ereignissen gesetzt und dadurch stetig neue Blickwinkel auf die jeweiligen Problematiken geworfen. Die Abhängigkeit von moderner Wissenschaft und die damit verbundene Weiterentwicklung der Menschheit, ob positiv oder negativ, als auch die Unfehlbarkeit der Technik und die Möglichkeit menschlichen Versagens, spielen in den Gedankenwelten der Protagonistin eine entscheidende und immer wiederkehrende Rolle.
Doch auch viele andere Thematiken und Ereignisse werden innerhalb der Geschichte aufgenommen und verarbeitet. Mit einer enormen Tiefe und Emotionalität gelingt es Christa Wolf den Leser völlig einzunehmen und jenen "Störfall" persönlich wahrzunehmen und zu empfinden.
Das vorliegende Werk entstand innerhalb weniger Wochen, unmittelbar nach der Katastrophe von Tschernobyl. Aufgrund der Tatsache, dass es sich für eine DDR-Schriftstellerin nicht ziemte die Sowjetunion in jedweder Weise anzugreifen, fällt der kritische Teil am Reaktorunglück auch relativ knapp aus. Häufig war und ist dieser jedoch dieser Umstand eine willkommene Möglichkeit westlicher Kritiker, Christa Wolfs Werke zu beanstanden. Doch wie in nahezu jedem künstlerischem Medium, welches die Zensur der zuständigen DDR-Organe überstand und überlebte, muss zwischen den Zeilen gelesen, gehört oder gesehen werden, um alle Aussagen und Bedeutungen zu ergründen. Es lohnt sich in jedem Fall!