Tragisch-antikische Intensität durchmischt mit dümmlichem Klamauk
Inhalt: 4/5 Sterne (intensives Rachedrama)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (mitreißend, an Stellen seicht)
Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame beforscht das Thema Rache, Vergeltung und Korruption mit schlichter, fokussierter Intensität. Eine aus der Kleinstadt Güllen in Unehren verjagte Frau, Claire Zachanassian alias Klärchen Wäscher, kehrt zurück als schwerreiche Dame von Welt und stellt eine Milliarde in Aussicht unter der Bedingung, dass ihre Jugendliebe, Alfred Ill, der Schuld an ihrem anfänglichen Unglück trägt, getötet wird. Empört lehnt die Bevölkerung dieses unmoralische Angebot ab und verschafft Alfred Ill so seine schönste Stunde im Leben:
[Claire] hat sich verrechnet. Ich bin ein alter Sünder, Hofbauer, wer ist dies nicht. Es war ein böser Jugendstreich, den ich ihr spielte, doch wie da alle den Antrag abgelehnt haben, die Güllener im ›Goldenen Apostel‹, einmütig, trotz dem Elend, war’s die schönste Stunde in meinem Leben.
Aber hält diese Stimmung in der Kleinstadt? Hierum dreht sich vordergründig das Stück von Friedrich Dürrenmatt, das seit siebzig Jahren weltweit auf den Theaterbühnen der Welt rauf und runter gespielt wird. Die Rachegeschichte zieht. Sie wird aufgepeppt mit theaterwirksamen Szenen, bspw. ein entlaufener schwarzer Panther, oder ein siebter, achter, neunter dümmlicher Ehemann Claire Zachanassians, die in Windeseile heiratet und sich scheiden lässt, als gäbe es kein Morgen. Diese Szenen nehmen dem Stück leider stellenweise allen Ernst, wie auch die Namen der Diener: Toby, Roby, Koby, Loby, die sowieso niemand wirklich ernsthaft auseinanderhalten will. Heimlicher Höhepunkt bleibt aber das Ende des zweiten Aktes:
Ill fällt auf die Knie.
ILL Warum seid ihr so nah bei mir!
DER ARZT Der Mann ist verrückt geworden.
ILL Ihr wollt mich zurückhalten.
DER BÜRGERMEISTER Steigen Sie doch ein!
ALLE Steigen Sie doch ein! Steigen Sie doch ein!
Schweigen.
ILL leise Einer wird mich zurückhalten, wenn ich den Zug besteige.
ALLE beteuernd Niemand! Niemand!
ILL Ich weiß es. […] Ich bin verloren.
Interessanterweise, und still, durch die Hintertür eingeführt, verhandelt Dürrenmatt ein viel komplexeres Schuld- und Sühneverständnis. Ja, Güllen erscheint korrumpierbar, aber wieso flieht Ill nicht? Er flieht nicht, weil er die Vorstellung nicht erträgt, dass seine Mitmenschen sind, wie sie sind. Er hofft auf eine Kehrwendung, auch wenn diese seinen Untergang bedeutet. Er hofft, dass sie sich nicht verleiten lassen. Er muss dies hoffen, denn die Widerspiegelung, das Sehen und Gesehen-Werden durch den anderen auf sich selbst erscheint als leitende Kraft in seinem Leben, denn genau deshalb hat er damals die reiche Krämertochter Mathilde geheiratet und nicht die arme Klärchen, die er liebte. Und genau deshalb, als Klärchen als schwerreiche Claire zurückkommt, kann er nicht fliehen, sich in Sicherheit bringen. Er harrt der Dinge. Er hofft, und die Tragik nimmt als selbstverschuldeter Eingang in die Unmündigkeit seinen Lauf. Ein viel zu oft oberflächliches gelesenes Theaterstück, das nur durch seine dümmlich theatralen Beckettschen, Jean Anouilh-Reminiszenzen stellenweise irreparabel in der Dynamik geschädigt wird.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Alfred Ill (AI), 62 Jahre alt, mittelloser Krämerladenbesitzer. Claire Zachanassian (CZ), ebenfalls 62, schwerreiche Multimilliardärin.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. Akt: Rückkehr von CZ. Sie wirkt alt und gebrechlich. Sie ist bekannt, große Spenden, als Wohltäterin zu wirken. Sie wird empfangen und verspricht eine Milliarde unter der Bedingung, dass AI, Bürgermeisterkandidat, getötet wird. AI hat CZ als junger Mann geschwängert, dann aber vor Gericht gelogen, zwei Zeugen gekauft, und sie als Hure darstellen lassen. Die Bevölkerung lehnt das Angebot empört ab. CZ sagt nur, sie warte.
2. Akt: AI zufrieden, dass die Bevölkerung hinter ihm gestanden hat (schönste Stunde im Leben). Die Stimmung in der Stadt beginnt sich aber langsam gegen AI zu wenden. Viele beginnen Dinge auf Kredit zu kaufen. CZ hat eine schwarzen Panther mit sich, der ausbüchst und gejagt wird (AI wurde damals von CZ „schwarzer Panther“ genannt) – Jagd erinnert an Instinkte, Jagdfieber wird angeheizt, desublimiert die Kleinstadt. AI fühlt sich bedroht, sucht Schutz bei der Polizei, die wehrt ab. Er will sich mit dem Lehrer, Bürgermeister und dem Pfarrer aussprechen, aber sie wirken ausweichend. Selbst der Pfarrer hat nun ein Gewehr. Er geht zu CZ, bedroht sie, sie bleibt aber unnachgiebig. Er geht zum Bahnhof, um zu fliehen. Dort versammeln sich die Bürger, ohne ihn aufzuhalten. AI schafft es nicht, Güllen zu verlassen. Er bleibt aus Resignation. Die Stimmung wendet sich nun klar gegen ihn. Er steht als Schuldiger gegen CZ da.
3. Akt: Es kommt raus, dass CZ die Industrie Güllens mit Absicht zerstört hat. Sie lässt sich auf keine Lösung, keine Anlagestrategie ein. Sie will Rache. Die Presse erscheint. Der Lehrer wird wankelmütig. AI beginnt sich zunehmend schuldig zu fühlen, stellt sich aber nicht der Presse. Bürgermeister wünscht sich, dass AI Selbstmord begeht. Er lehnt ab, fährt mit seiner Familie Auto, lässt sich von ihnen im Wald absetzen, während diese ins Kino nach Kalberstadt fährt. AI nimmt sein Schicksal an. Es herrscht Kälte und Entfremdung in seiner Familie. Er trifft CZ. Sie unterhalten sich. Sie erzählt von ihrer gemeinsamen Tochter, die nach einem Jahr starb. Es ist klar, dass es kein Zurück mehr gibt. Auf der Gemeindeversammlung werden große Reden über die Moral und die Gerechtigkeit geschwungen, anschließend stirbt AI bei einem Menschenauflauf im Saal. Sie erhalten die Milliarden.
●Kurzfassung: CZ kehrt nach Güllen zurück, nach über 45 Jahren. Sie hat als schwerreiche Millionärserbin dafür gesorgt, dass die Kleinstadt den Bach runtergeht. Die wenige Industrie hat sie aufgekauft: die Güllenbahn, die Wagnerwerke und das Bockmannsche Werk. Nun hofft die Bevölkerung auf eine große Spende durch ihre einstige Bewohnerin Klärchen Wäscher, aus der Unterschicht. Alfred Ill, ihr einstiger Geliebte, als sie siebzehn Jahre alt waren, soll dabei helfen. Es zeigt sich, dass CZ an AI Rache nehmen will für seinen Verrat. Er hat sie öffentlich verleumdet, sie habe mit vielen geschlafen, CZs Schwangerschaft sei nicht durch ihn bewirkt worden, und zudem hat er diese Lüge richterlich per Meineid bezeugen lassen. Nun will sie seinen Kopf und stellt der Kleinstadt eine Milliarde in Aussicht. Zuerst geben sich alle empört, aber nach und nach gewöhnt sich die Bevölkerung an den Gedanken, zumal AI ihnen von Tag zu Tag schuldiger vorkommt. Am Ende kommt es zu einem Prozess, zu einer Gemeindeversammlung. Er wird schuldig gesprochen und stirbt bei einem Auflauf aus unklaren Gründen. Die Stadt bekommt ihre Milliarde.
… eigenartig wirkt die Sache, dass AI nicht flieht, nicht den Zug nimmt nach Kalberstadt, obwohl alle ihm irgendwie zureden, dies zu tun, ihn nicht wirklich aufhalten. Hier steckt eine Angst vor sich selbst, eine Angst der Stadt, zu erkennen, wie weit sie für das Geld gehen. Sie wollen vielleicht sogar, dass er flieht, um dieser Entscheidung enthoben zu sein.
… auch eigenartig, wie AI stirbt. Es scheint fast so, als würde er an einem Infarkt sterben, herbeigeführt durch den Menschenauflauf, aber auch ein Tuch wird über ihn gelegt, als würde ein Stichwunde versteckt werden, etc …
… wichtig ist die Asymmetrie in dem Stück zwischen Tat und Vergeltung. AI hat gelogen, hat Claire sozial geächtet, aber sie nicht physisch verletzt. Auch trägt er nicht Schuld am Tod des Kindes, nur indirekt, indem er es nicht anerkannt und somit auch der sozialen Ächtung anheim gegeben hat. Claire will nun seinen physischen Tod. Gerechtigkeit erscheint hier ein sehr dehnbarer Begriff.
… die Parallele mit „schwarzer Panther“ so, dass sich die Menschen auf die Jagd vorbereiten, wirkt etwas gewollt (erinnert auch an Karl Mays „Der Schatz im Silbersee“).
… diese Sache mit den Ehemännern trägt nichts bei, purer Klamauk, wie auch die Sache mit den Dienern. Völlig überflüssig.
●Diskurs: Fortschritt, Kapitalismus, Korruption.
--> 4 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein
●Geärgert: ein paar Stellen diffus, unnötig
●Amüsiert: schon
--> 4 Sterne