Geduldsprobe oder Leserquälerei?
In Sachen Milieu, gesellschaftliche Komponenten, Vorstellung der Versuchsanordnung geht Balzac methodischer vor als sein Enkel Zola, der seine Leser schon mal mitten in den Konflikt hinein wirft.
Jedenfalls bei seinen historischen oder eher soziologischen Romanen, die eine ganze Klasse ins Visier nehmen. Gleichbedeutend mit einer längeren Exposition, bei denen der Leser gewissermaßen dem Aufstellen der Figuren auf dem Spielbrett zusehen muss, sowie allerlei Eröffnungszügen ausgesetzt ist, die vergleichsweise banal wirken, ehe sich das letzte Drittel zu einer spannenden Verkettung der Umstände entwickelt.
In Les employes spielt ein ziemlich vielfältiges Ensemble mit, gleichbedeutend mit allerlei Motivationsknäueln und unzähligen Querverbindungen, sowie allerlei Aha-Erlebnissen für Auskenner.
Zum Einstieg ist der Roman, Feuerwerkfinale hin oder her, nur bedingt geeignet. Ohne das Aufspüren von bislang unbekannten Querverbindungen zum Hauptstrang kann die Exposition schon zum Geduldsspiel werden oder sich wie eine endlose Quälerei anfühlen.
Die Konfliktlage !!!Enthält leichte Spoiler!!!
Xavier Raboudin, unehelicher Sohn eines unbekannt gebliebenen Granden macht, dank eines unbekannten Gönners, schnell Fortschritte im Amt. Mit Celestine Lapierre heiratet er eine polyglotte Frau, die für glänzende Auftritte auf dem diplomatischen Parkett erzogen wurde, aber keinen passenden Kandidaten aus dem Hochadel an Land ziehen konnte. Doch der rasch aufgestiegene Karrierebeamte verspricht einen geeigneten Rahmen für ihre Talente. Entsprechende Erwartungen werden enttäuscht, der unbekannte Gönner stellt seine Förderung ein, Papa Lapierre ist eines der zahlreichen Opfer der ganz legalen Betrügereien des Finanznapoleons Nucingen (Das Haus Nucingen). Zu allem Überfluss bedankt sich Ludwig XVIII. bei einem Getreuen aus der Zeit des Vendeeaufstands mit der Stelle, auf die Xavier spekuliert hatte.
Als der Amtsinhaber seinem König ins Jenseits nachfolgt, spricht alles für den eigentlichen Macher.
Während er die ganze Arbeit für die Knallcharge leistet, entwickelt er eine Verwaltungsreform, deren Umsetzung nur zwei Angehörige seines Büros überleben würden. Zwei Drittel aller Beamten würden an die Luft gesetzt, der deutlich mehr beschäftige Rest würde dagegen drei mal so viel verdienen. Der Teufel steckt, wie so oft im Detail, der einzige Vertraute ist ein Praktikant, der das brisante Dokument über Nacht im Büro vergisst. Und leider zieht Xavier seine schlauere Frau erst ins Vertrauen, als die Streichliste mit den vernichtenden Beurteilungen schon in Umlauf gebracht wurde. Viel zu viele Leute haben ein Interesse daran, dass an seiner Stelle der unfähige Baudoyer befördert wird, um im Schatten des absehbaren Versagens des Nichtskönners die Karriereleiter schneller hinaufzufallen. So weit die Konfliktlage im Büro.
Machenschaften auf höhere Ebene !!!Verrät schon mehr!!!
Nicht nur im Büro gibt es zu viele Leute, die etwas zu verlieren haben, wenn der Tüchtige ins Amt kommt. De Lupeaulx, ein hinter den Kulissen alt gewordener Mann für schmutzige Dschobs hat sein Auge auf Celestine geworfen und will sich seinen Einfluss mit ihrer Gunst erkaufen lassen. Die Klassefrau versucht den unerwünschten Verehrer auszumanövrieren, kennt aber nicht die eigentliche Achillesferse des auf der Karriereleiter stecken gebliebenen Werkzeugs der Mächtigen.
DL ist hoch verschuldet und braucht noch viel mehr Geld, um Ländereien zu kaufen, damit er genug Grundsteuern zahlt, um für ein seriöses Amt in Frage zu kommen. Baudoyers Frau, schlauer als ihr Mann und der finanzielle Motor des Haushalts ist mit den Gläubigern von de Lupeaulx verwandt und mit den Nöten des alt gewordenen Womanizers vertraut. Alle diese Faktoren kommen in einem Showdown zusammen. Beim Empfang des Ministers für die engsten Freunde, versucht Celeste, die Bürointrige mit ihrem Charme und diplomatischem Geschick zu kontern und gewinnt das Vertrauen der, vermeintlich maßgeblichen Instanz. Der Minister verspricht ihr alles, hat aber nicht mit dem Gesinnungswechsel bei seinem Werkzeug gerechnet.
De Lupeaulx, der anfangs gedacht hatte, er würde hinterher seinen Lohn einstreichen können, bekommt nämlich indessen ein Angebot, das er nicht ablehnen kann, wenn seine Karrierepläne aufgehen sollen.
Die Moral von der Geschicht' !!!Absolut spoilerträchtig!!!
Die Finanzwirtschaft kauft sich bei dieser Gelegenheit ein williges Werkzeug mit wenig Risiko, denn die Einkünfte der Ländereien reichen nicht einmal für die Zinsen. Die Zweitverwertung des Karrieresprungbretts für die Marionette ist bereits einkalkuliert.
Hätte sich Celeste rechtzeitig auf de Lupeaulx Avancen eingelassen, wäre ihr Mann befördert worden, doch der Gewinn an Einsicht, dass man in der freien Wirtschaft oder als Unternehmer viel schneller reich werden kann, wiegt alles auf. Das Paar Raboudin geht gestärkt aus der Niederlage hervor, Xaviers eigentlicher Aufstieg beginnt erst, er wird Direktor der Eisenbahngesellschaft.
Als Raboudin ein Jahr später sein früheres Büro betritt, sind nur noch die Bürodiener im Amt, einige Kandidaten haben seine Einschätzungen ihrer wirklichen Talente für eine Karriere außerhalb des Beamtentums genutzt, die jenseits ihres Kompetenz beförderten Luschen wurden auf Posten weggelobt, wo sie keinen größeren Schaden anrichten können. In anderen Romanen lässt Balzac die Verbrecher schon mal davon kommen, ehe andernorts das Karma zurück schlägt (z.B. Eine düstere Affäre/Glanz und Elend der Kurtisanen). In den Employes gibt es keine offensichtlichen losen Fäden in Sachen Gerechtigkeit. Büroclown und Chef-Karikaturist Bixiou darf in Das Haus Nucingen allerdings die ganzen betrügerischen Machenschaften des kaltherzigen Finanznapoleons aufdröseln, den sein Karma dann auch in Glanz und Elend heimsucht, wo sich der Obertrickser zum Narren machen lässt.