Mitte der neunziger Jahre, Frühling in Albany, Hauptstadt des Bundesstaats New York; Genre: Privatdetektiv-Krimi aus der Donald-Strachey-Serie. Hier geht es um einen Therapeuten, der aus Schwulen Heteros u.a. mittels Elektroschocks machen will. Siehe den Originaltitel: „Shock to the System“. („Umgepolt“, wie es der deutsche Titel sagt, wird hier allerdings kaum einer.)
Polizei und Leichenbeschauer sagen, der junge Schwule Paul Haig hat sich mit einer Überdosis Whiskey und Beruhigungsmitteln selbst getötet, entweder weil seine Beziehung zu Larry Bierly nicht lief oder weil Larry ihn nicht dabei unterstützte, finanzielle Schwierigkeiten zu meistern, die sich aus einem von Haig geführten Geschäft für Geschenkartikel ergeben hatten. Pauls Mutter Phyllis, „eine Kundin aus der Hölle“, eine homophobe und ständig Ungereimtheiten nuschelnde Süchtige, ist es, die den privaten Ermittler Strachey engagieren möchte, weil sie sich weigert, an den Suizid ihres Sohns zu glauben. Damit wären wir wieder mal bei einem Charakteristikum der Strachey-Krimis: Oft wird er von der „falschen“ Seite angeheuert und muss sich im Lauf der Handlung entsprechend umorientieren. Für Haigs Mutter ist Larry Bierly der Mörder, schließlich hat er ihr den Sohn weggenommen und vielleicht sogar schwul gemacht.
Es ergibt sich die komische Situation, dass der Detektiv nur wenige Unterhaltungen später noch von zwei weiteren Seiten verpflichtet werden soll – und erst einmal allen einen Korb gibt. Von Bierly erfährt Strachey, dass sich Paul nach ihrem Streit offenbar mit einem anderen Mann eingelassen hatte; im Übrigen sei er kurz vor seinem Tod guter Dinge gewesen, die Geldprobleme wären wohl vorbei. Bierly vermutet einen Mord und wittert in einem dubiosen Therapeuten den Täter, Dr. Crockwell, auf dessen Stuhlkreis sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Crockwell verkauft den Leuten eine sogenannte Aversionsbehandlung. Er arbeitet mit Elektroschocks und Pornofilmen, bei denen die möglicherweise Schwulen vom Verlangen nach Männerkörpern weg dressiert werden sollen. Kaum hat Larry versprochen, Don ein Honorar zu zahlen, wenn er diesem Dr. Crockwell auf die Finger klopft, möchte der selbsternannte Psychiater, der ebenfalls auf Mord tippt, Strachey verpflichten, den Mörder aufzutun.
Ned Bowman, Stracheys überheblicher Gegner in den Reihen der eher schwulenfeindlichen Kripo von Albany, hat inzwischen den Ort verlassen und einem wesentlich konzilianteren Beamten Platz gemacht, der sogar gespannt darauf ist, von Strachey Tipps zur mysteriösen Angelegenheit zu hören. Dann gibt ein Unbekannter Schüsse auf Bierly ab und die zugehörige Waffe wird in Dr. Crockwells Mülleimer entdeckt. Als Strachey Haigs - in ihren Stimmungen immer schwankende - Mutter mit mehr Nachdruck befragt, zieht sie den Auftrag kurzerhand zurück. Bald fangen auch Bierly und der Therapeut Streit mit Strachey an, sodass er einiges vom Selbstmord hat läuten hören, der ein Mord war, aber keinen Kunden mehr hat, der ihn fürs Finden der Wahrheit bezahlen wird. Dennoch macht er sich auf, den dritten Mann zu finden, den Haig wohl noch hatte, und mit den restlichen Patienten Crockwells zu plauschen.
Von den zum Schluss 16 Strachey-Krimis von Stevenson sind ins Deutsche nur 5 übersetzt worden, die ersten drei waren Knaur-Taschenbücher, die letzten beiden wurden als „Pink Plots“ etliche Jahre später in der Krimireihe des Hamburger Argument Verlags nachgelegt, was weder der Buchqualität im Äußeren noch der Güte der Übersetzungen besonders geholfen hat. Man muss ziemlich tolerant sein – oder lieber gleich die englischen Ausgaben bestellen. Das hier ist der vierte übersetzte Fall, aber nicht der letzte, denn Argument, hat das eigentlich vierte Buch ausgelassen und gleich die fünfte Folge der Serie ausgesucht. Aber Achtung, das mit der Warnung vor dem inkorrekten Deutsch ist nicht nur so dahergesagt; Immer wieder fehlen die grammatischen Fall-Endungen bei Adjektiven und Nomen und dass ein sich „Kunstreich“ nennender Übersetzer die gegen Ende auftauchenden Autobahn-Klappen, „restrooms“, als „Rasträume“ verdeutscht, lässt Zweifel am Kunstreichtum aufkommen.
Was über die anderen, von mir gelesenen, Strachey-Krimis aus den achtziger und neunziger Jahren gesagt werden kann, gilt auch hier. Richard Stevenson hatte sein Händchen für den Spannungsaufbau am Buchanfang. Stets verzwirbelt er mehrere Storys miteinander und macht einen auf weitere Begegnungen mit den zugehörigen Figuren neugierig. Selbst durch den alsbald, gefühlt, stetig sich verlangsamenden Mittelteil folgt man Strachey noch gern. Diese Kapitel lassen immerhin einigen Raum für die Love- und Ehe-Story von Don und dem Mann, mit dem er zusammenlebt, Timmy Callahan. Aber die Auflösungen der Fälle fallen in der Regel ziemlich ab, wirken gleichzeitig überkonstruiert, unwahrscheinlich und zu brutal.
Obwohl, die Buchenden ausgenommen, Stevenson sich mit Gewalt wohltuend zurückhält, schafft er es jedes Mal, den Leser um Leben und Gesundheit von Don und Tim bangen zu lassen, die sich in eine Sache hinein bewegen, die größer ist, als sie sie sich vorgestellt haben. Ich-Erzähler Don, obwohl in bester Chandler-Tradition so etwa der letzte echte Kämpfer für das Gute im Menschen, gibt sich oft anstößig und taktlos, wenn ihm seit der allgemeinen Verbreitung von Aids die Nebenbei-Affären des ersten Buchs auch nicht mehr gestattet sind. Strachey, der immer noch sehr gut aussieht, ist ein Taschenspieler und neigt dazu, sich zu überschätzen und leichtsinnig ins Finstere vorzupreschen. Timmy, der Rechtsberater eines Politikers im Parlament des Staates New York, ist dagegen sehr rechtschaffen, loyal, fair und geradeaus. Was vielleicht nicht die beste Autorenentscheidung war. Callahan kann zur Lösung dieser Rätsel so gut wie nie etwas beisteuern und muss für die interessantesten Kapitel dann aus der Schusslinie entfernt werden.
Die rezeptgemäße Figurenkonstellation zusammenzubekommen, dürfte für Stevenson gar nicht so leicht gewesen sein. Seit den achtziger Jahren braucht dieser Autor nämlich nicht nur eine Menge Schwuler fürs Buch, einerseits welche, die entführt oder ermordet werden könnten, andererseits jedoch auch mal Mörder, sondern er braucht dazu noch Lesben. Er braucht unsympathische Heterosexuelle, damit die Homophobie der Gesellschaft, gegen die sich seine Romane richten, anschaulich wird. Nur passt es schlecht zu den Regeln des Whodunit-Genres, dass die, die gleich schon unsympathisch waren, die wirklich Bösen sind. Die konfuse Haig-Mutter mit ihrem aus dem Ruder gelaufenen Leben ist eine Stevenson-typische Figur, wie auch der Leid verursachende Schwindler Crockwell. Beide ekeln sich vor dem Perversen im Schwulen. Beide sind verdächtig, können es aber eher nicht gewesen sein. Da würde der Leser sich doch betrogen fühlen.
Schon ergibt sich die Notwendigkeit, dass gewisse Spuren noch ganz woanders hinführen und zur Aufdeckung einer gut versteckten fatalen Geschichte. Hiermit geht dann meist ein Aspekt von „an den Haaren herbeigezogen“ einher, der bei „Strachey 5“ schlicht nicht geleugnet werden kann. Nicht zum ersten Mal wäre Don viel schneller zur Lösung gekommen, wenn er gleich am Anfang die richtigen Leute befragt hätte, die er auch schon auf seiner Liste hatte, aber dann waren sie mal nicht zu Hause oder er hatte sie kurz wieder vergessen.
So dauerhaft vom Autor hingehalten zu werden, ist nicht jedermanns Sache. Und, was das Buch eben auch schwächer macht als „Der Tod stand nicht im Bauplan“ (Folge 2) oder „Verraten und verkauft“ (Folge 6): die durchgedrehte Action-Nummer, die sich Stevenson auf seinen letzten Seiten noch schuldig zu sein glaubte. Warum einen Krimi mit gemächlichem Tempo nicht so mal sein lassen? Und: Musste das stramme Moralisieren in den letzten Absätzen wirklich sein?