Edensburg im Norden des Staats New York, eine erholsame Stadt im Einzugsgebiet von Albany, einige Augusttage Mitte der neunziger Jahre. Genre: Privatdetektiv-Krimi, Donald Strachey stellt den Mörder im Clan einer vom Konkurs bedrohten Zeitungsverleger-Familie. Von den 16 zwischen 1981 und 2019 erschienen Detektiv-Krimis um Don Strachey (mit seinem Partner Timothy Callahan lebt er offen schwul im eher provinziellen Albany zusammen) ist dieses das sechste Buch gewesen (und das dritte, das mich erreichte). Ins Deutsche hat man fünf von den ersten sechs Fällen übersetzt. Dies war der letzte, Fall 4 wurde übersprungen.
Es geht um einen Aufenthalt von Don und Timmy in einer Kleinstadt am Rande des Naturparadieses Adirondacks. Sie rutschen in den seit langem schwelenden Zwist innerhalb der einst liberalen Familie Osborne, der eine Regionalzeitung gehört, die mittlerweile in Geldschwierigkeiten geraten ist und demnächst von gewissenlosen Spekulanten übernommen werden könnte. Überraschende Ausbrüche von Gewalt und Zerstörungswut scheinen in der Familie erblich zu sein und neuerdings geht man wohl über Leichen. Im Zuge des Reagan'schen Kapitalismus-Aufschwungs hatte der bislang stets zuverlässige und erfolgreiche beste Freund der Osbornes die etwas realitätsblinden Bildungsbürger in ein größenwahnsinniges Tourismus-Investment gelotst. Dann platzte die Blase. Jetzt hängen sie drin, keine Bank gibt ihnen Kredit. Nur eine Rettung scheint es zu geben: Verkaufen an ein bundesweit die kleineren Häuser schluckendes Pressekonglomerat, das dafür berüchtigt ist, Know-how abzuziehen und die Blätter nach und nach zu reinen Werbeblättern umzumodeln.
In diesem Fall kann der aufrechte Timmy Callahan endlich eine tragende Rolle übernehmen und ist mehr als schmückendes Beiwerk zum Macho-Schwulen Don Strachey. (Den Stevenson mal als schwulen Tom Selleck angelegt hatte, doch die Achtziger und „Magnum“ sind Geschichte.) Timmys Jugendschwarm Eldon lebt hier oben und kämpft gegen den Virus, HIV. Um so härter hat es ihn getroffen, dass sein Mann, einer von den Osbornes, der ewige Außenseiter, nicht nur schwul, sondern auch ein besessener Naturbursche und Naturschützer, im Nationalpark zu Tode gekommen ist. Offiziell ein Unfall, aber daran glauben weder Eldon noch seine Besucher aus der Hauptstadt. Die Polizei fahndet nach einem psychisch kranken Tramp, der vom Erdboden verschluckt ist.
Zu den Stevenson-Krimis muss man wissen, dass er ab etwa dem zweiten oder dritten Buch sich verpflichtet gefühlt hat, seine „queer people“ zu bedienen, das heißt, es müssen jedes Mal auch Lesben ein Wörtchen mitzureden bekommen. Somit haben wir hier dann auch Janet Osborne samt ihrer lesbischen Freundin Dale, die wiederum eine alte Bekannte von Timmy zu sein scheint. Ein zumindest extrem fahrlässiger Jetski-Pilot nimmt sie während einem Spaziergang am See aufs Korn, bringt Janet beinahe um und verursacht einen Beinbruch bei Timmy. Die Polizei kann diesen Raser dann nicht aufspüren.
Die übrigen Osbornes weisen alle Hypothesen, damit hätte schon der zweite Osborne-Erbe ausgelöscht werden sollen, jemand von ihnen könnte damit was zu tun haben, empört sehr weit von sich. Don lernt die Mutter von Janet kennen, die alte Witwe jenes liberalen Patriarchen, unter dem die Zeitung einen Ruf zu verlieren hatte. Diese Frau ist mal so, mal so, an dem einen Tag links engagiert, aufmüpfig und rebellisch, am nächsten total von der Rolle, unfähig, ihren Haushalt zu führen. Alzheimer. Das heißt, falls jemand daran arbeitet, die Partei der liberalen Humanisten im Aufsichtsrat des Unternehmens zu schwächen, kann der sich freuen.
Es gäbe auch noch einen flippigen Jungen aus der Enkel-Generation. Aber der soll irgendwo im Südpazifik beim Surfen sein und ist offenbar unerreichbar. Oder ist er ganz nah und hat diesen Killer-Flitzer über den See gesteuert? Dann gibt es auch noch einen Osborne, der im Knast sitzt, eine Verurteilung wegen Körperverletzung im Affekt mit Todesfolge. Don erfährt, dass dieser Osborne schon länger seinen Racheplan gegen seinen Vater schmiedet. Dieser Vater ist einer der zwei Osbornes, die von jeher mit dem erwähnten Freund der Familie an der finanziellen Wiedergeburt ihres gebeutelten Hauses arbeiten und also momentan für den Verkauf stimmen wollen.
Ein durchgehender Faden im Buch, wenn auch nicht so bedrohlich wie die Machenschaften der Osbornes, ist die ewige Frage, wo Dale und Timmy sich schon mal begegnet sind und wieso sie ihn, den wir Leser dieser Serie als extrem integren Charakter, fast schon langweilig in seinem Gut-Sein, kennen gelernt haben, als doppelzüngiges Verräterschwein madig zu machen sucht, ohne jemals die Fakten auf den Tisch zu legen. (Es scheint um eine Differenz innerhalb der Queer Community zu gehen.)
Wo es für mich der fünfte und letzte der auf Deutsch gelesenen Strachey-Krimis gewesen ist, möchte ich folgenden Zwischenstand loswerden: So richtig voll und ganz gelungen habe ich keines dieser fünf Bücher gefunden. Wie bereits angedeutet, sagt mir das, natürlich nie artikulierte, Proporz-Gebot Stevensons nicht so recht zu. In jedem Buch müssen schwule Figuren und Verhältnisse eine Rolle spielen und, vor allem am Anfang (und in der Vorgeschichte, ihrer Jugend), müssen die Homosexuellen Opfer gesellschaftlicher Diskriminierung (gewesen) sein. Dem entspricht, dass oft Homosexuelle der Morde verdächtigt werden, die es nachher natürlich nicht gewesen sind. Die besonders Unsympathischen sind meistens heterosexuelle Männer. Die letztlich aber auch nicht als Täter in Frage kommen, sonst wäre alles zu einfach. Und immer müssen Lesben dabei sein, obwohl sie weder Opfer, noch Täter, noch Aufklärer sind.
Was Richard Stevenson von Anfang an sehr gut konnte, auch hier wieder: Am Beginn des Romans recht zügig eine sehr rätselhafte Stimmung erzeugen, wo man, je mysteriöser es aussieht, umso neugieriger wird. Dann aber folgt ein etwas zu langer Mittelteil, bei dem man schließlich Zweifel bekommt: Schaue ich hier den Fortschritten meines Detektivs zu oder werde ich von einem falschen Verdacht in den nächsten geschickt, damit das Buch Masse bekommt? Zum Ende hin stellt sich heraus, dass der Autor offenbar etwas zu viele verschiedene Fäden ineinander verwickelt hat. Was es letztlich dann auch unglaubwürdig macht. Und endlich, dies meist der enttäuschendste Part, kommt ein unfassbar gewalttätiger Schluss, bei dem aus einer Art schwulem Marlowe ein um sich ballernder James Bond wird.
Ich ordne die Don-Strachey-Serie qualitativ oberhalb der Serien von John Morgan Wilson, Larry Townsend und Grant Michaels ein, eindeutig aber unter denen von Michael Nava und Joseph Hansen (so altbacken er oft ist, er war und bleibt der Beste). Für mich war der beste Don-Fall der zweite „On The Other Hand, Death / Der Tod stand nicht im Bauplan“, gefolgt vom ersten, „Death Trick / Todesnummer“. Nicht so gelungen fand ich Buch 3 („Ice Blues / Winter Blues“) und Buch 4 („Shock to the System / Umgepolt“). Und dieses Buch hier (deutscher Titel: „Verraten und verkauft“) würde ich in die Mitte schieben.
Anmerkung: Die genannten fünf deutschen Übersetzungen sind nicht mehr im Buchhandel zu bekommen, sondern müssen antiquarisch bestellt werden. Das ist im Internet allerdings kein Problem und auch nicht teuer. Die deutsche, schwule Leserschaft hat diesen Autor niemals in ihr Herz geschlossen – und mittlerweile leider vergessen. Auch die Übersetzungen sind alle nicht wirklich gut, aber deutsch lesen sich die Bücher natürlich bequemer.