MEIN GRÖSSTER UND IN WIRKLICHKEIT EINZIGER WUNSCH: MIT NACKTEM OBERKÖRPER HOLZ HACKEN, OHNE DASS ES SCHEISSE AUSSIEHT. GLÜCK KÖNNTE SO EINFACH SEIN. NICHTS SCHMECKT SO GUT, WIE DÜNNHEIT SICH ANFÜHLT. Markus Erdmann ist Gagschreiber und hasst seinen Job. Sein Leben hasst er auch. Öde Sonntage bei den Großeltern, der Rest der Woche ist auch nicht spannender. Dann trifft Markus im Zug Janne. Die ist mit ihm zur Schule gegangen und spielt in einer ganz anderen Liga. Überraschenderweise scheint sie sich für ihn zu interessieren. Kann sie Markus aus seinem Elend erretten? Oder eher Onkel Friedrich, der legendäre Kaffeekoster aus dem Hamburger Freihafen, den sie die «Zunge Europas» nennen?
The musician, actor and writer Heinz Strunk (legal name Mathias Halfpape) was born in Hamburg in 1962. His memoir "Meat is my Veg" has sold half a million copies. It has since been adapted into a prize-winning radio play, an operetta at the Hamburger Schauspielhaus and also a feature film. "The Golden Glove" topped the bestseller lists for months and was nominated for the Leipzig Book Fair Prize 2016. In autumn 2016, he received the Wilhelm Raabe Prize. Strunk is a founding member of the cult comedian trio "Studio Braun" and had his own television show on VIVA.
Ich gehe ja in meinen Reviews eher selten allzu ausführlich auf Inhalte ein, hier ist das schnell erledigt: Das Buch schildert eine ganz normale Woche im Leben des Gagschreibers Markus Erdmann. Markus ist übergewichtig, von der Grundstimmung her unzufrieden mit sich und seinem Leben, seine Beziehung ist auch eher von gepflegter Langeweile geprägt - alles ist sehr mittelmäßig bis bedrückend und öde - und das war's eigentlich auch schon.
Aber es ist eben Strunk, und da spielt sich die wahre Geschichte meist im Hintergrund ab, an den Stellen, die sonst kaum beleuchtet werden. Menschen, die z.B. im Medium Film als nicht sprechende Statisten einmal kurz durchs Bild huschen würden, stehen hier unvermittelt im Scheinwerferlicht. Markus/Strunk beobachtet und kommentiert, alles und jeden: Die Bedienung in seinem Stammcafé, die Menschen und Tiere einer Hundeschule im Park, die Partypeople auf der Reeperbahn. Und es sind diese kleinen Geschichten "nebenbei", bei denen Strunk zu Höchstform aufläuft und ganz tief in die Abgründe trauriger Gestalten blickt.
Insofern schlägt dieses Buch eine gute Brücke zwischen Fleisch ist mein Gemüse, in dem er die Trostlosigkeit seiner eigenen Jugend verarbeitet, und Der goldene Handschuh, in dem er den Blick in die Tiefen der Unmenschlichkeit perfektioniert hat.
Typisch Strunk eben, schnodderig vorgetragen wie immer und für mich mit vielen komisch-abstrusen Momenten. Vor allem die Reeperbahnszenen, Stichwort Nike und seine Gang, sind ganz großes Kino und feinste Unterhaltung.
(P.S.: Nach Kaffee und Zigaretten von Ferdinand von Schirach war das das zweite Buch innerhalb weniger Wochen mit einem plötzlichen Rolling Stones/Mick Jagger-Cameo: Dort war der Erzähler mit Mick Jagger im Kino, hier spinnt Markus sich eine Hochzeit beim Konzert der Stones zurecht. Interessanter Trend, geht da noch mehr? ;))
Heinz Strunk ist einfach großartig: Er macht die Ereignislosigkeit selbst zum Mittelpunkt der Handlung, wenn er davon erzählt, wie der erfolglose Gagschreiber Markus Erdmann mit den alltäglichen Widrigkeiten seines Lebens kämpft - und dabei ist der Text keine Sekunde langweilig. An der Grenze zwischen Tragik und Komik määndern die Handlung und die Hauptfigur durch die Story voller abstruser Sprüche und nerdiger Figuren, und wenn diese auf real existierende Medieninhalte, Paarungsrituale auf St. Pauli oder private Tragödien wie eine Demenzerkrankung in der Familie treffen ist man als Leser auf einmal gar nicht mehr so sicher, wer oder was hier völlig außer Kontrolle geraten ist.
Strunk hat eine interessante Art zu erzählen. Obwohl vollständig in der Ich-Form gehalten, schweift er plötzlich ab und erzählt Geschichten von und über Menschen, die der Icherzähler eigentlich nur beiläufig wahrnimmt. Wie NIKE und BABE, die er in einer Disco von Weitem sieht, haben unvermittelt einen Namen, eine Haltung, eine Vorgeschichte. Perspektivwechsel oder bildet sich der Icherzähler das alles nur ein? Sind es seine Vorurteile, oder sind die frei erfundenen Geschichten genauso gut wie die (natürlich auch erfundene) Hauptgeschichte? Man weiß es nicht, aber man liest es gern.
Strunk hat eine interessante Art, Dingen auf den Grund zu gehen. Je banaler und langweiliger eine Beobachtung, desto gründlicher und detaillierter seine Analyse. Ob ein einzelner Socken frisch gewaschen oder schon benutzt ist, ist für die meisten Mitmenschen ziemlich egal. Man wäscht ihn entweder oder wirft ihn weg. Basta. Nicht so Strunk:
„Ich roch an der Socke, um herauszufinden, ob sie noch sauber war oder in die Schmutzwäsche gehörte. Dazu braucht es eine echte Hundenase. Langes Liegen neutralisiert schlechten Geruch. Ich befühlte den Söckling (haptischer Test), schmutzigen Sachen mangelt es nämlich gemeinhin an Spannkraft. Schwer was zu sagen, ganz schwer, was zu sagen. Ich ließ sie fallen.“ Ok., paar Punktabzüge für „es braucht“, „Söckling“ und „gemeinhin“, aber ansonsten tip-top recherchiert.
Das Buch eignet sich auch hervorragend zur Erweiterung des eigenen Wortschatzes: - abgegnabbelt - spakig - undrainierbar - Schnacks - Klüten - sappschen - oinken
Man weiß nicht, was die Worte bedeuten, aber man ahnt es, und das reicht.
Trotzdem nur 4 Sterne, und das für zwei billige und leicht durchschaubare Tricks, die ich Strunk einfach nicht durchgehen lasse:
1. Der Roman hat keine Handlung. Er besteht im Wesentlichen daraus, dass der Icherzähler (Erdmann) ein lustiges Buch schreiben will, paar Sachen ausprobiert, aber dann doch wieder verwirft. So kann man nicht ausgegorene Ideen zwar prima zweitverwerten und verwursten, aber der Leser fühlt sich nun mal verarscht. 2. Besser schon der Trick, eine vernichtende Kritik über das Buch selbst in das Buch zu integrieren („Der durchgängig kolportagehafte Ton, die verhaspelten Satzperioden und unsinnigen Steigerungen, Erdmanns peinlicher durchschaubarer Versuch, durch pathetischen Überschwang so etwas wie Weltläufigkeit vorzutäuschen, ist in seiner offensichtlichen Dreistigkeit in der jüngeren Literatur ohne Beispiel.…“, S.231). Das Schlimme (oder vielleicht doch nicht so schlimm?) daran ist: Ein bisschen was ist dran.
4,5 Sterne Strunk-Fans kommen hier wieder voll auf ihre Kosten! Mich persönlich fasziniert ja immer wieder, wie er diese Einblicke in die Gedanken des Protagonisten hinbekommt, den inneren Monolog, wie man das wohl nennt. Das geht nahtlos von Beobachtungen bei den Mitmenschen ins aufgeilen an irgendwelchen Dingen (bevorzugt Hässlichem) über zu seitenlangen Ausflügen, was fremde Menschen beim Weggehen denken und erleben. Grade Letzteres (Nike/Babe) war ein totales Highlight des Buches. Strunk kann sich so wunderbar in verschiedenste Typen reindenken und plastische Anekdoten aus der (fiktiven) Kindheit einbauen, dass es eine Wucht ist. Punktabzug gibts nur für ein paar Längen zu Anfang.
Das war es jetzt für mich mit Heinz "Heinz" Strunk, zumindest seinem schriftstellerischen Werk. Kommt er persönlich in Interviews und podcasts immer grundsympathisch rüber, sogar etwas verunsichert, schüchtern, jedenfalls menschenliebend,sind seine Hauptfiguren/Alter Egos in den Romanen größtenteils bemitleidenswerte, mittelalte , oberflächliche Chauvis. Und das permanente Fat shaming, die Bewertung von Äußerlichkeiten und Abwertung "normaler" Menschen kotzt mich einfach nur noch an. Das Buch geht auch nicht ins Büchertauschregal zurück.
„Um eine Kladde vollzumachen, brauche ich ca. ein halbes Jahr. Ein Drittel ist Schrott, ein weiteres Drittel Halbschrott, und im Restdrittel tummelt sich die eine oder andere gute Idee. Faustregel: Quantität schafft Qualität.“ (S. 78) Auch wenn ich diese Stelle im Buch noch einigermaßen interessant um ihres Einblickes in ein Schreiberdasein fand, muss ich resümierend sagen: Nun ja, auf einer Quantität von 317 Seiten wurde mir die Qualität in diesem Roman (?) nicht häufig genug ersichtlich. Zu viel Text war für meinen Geschmack redundant – weder informativ noch witzig oder originell genug, sodass schnell klar wurde: Dieses Buch würde ich, wenn überhaupt, nur querlesen und sicher nicht zurück in mein Bücherregal stellen. Wenngleich Strunk stellenweise durchaus interessante philosophische Ansätze hat (S. 192 oder S. 303), erschien mir der Großteil doch sehr trivial bis hin zu vulgär (z. B. S. 177). Auch die zahllosen Kommentare in Klammern fand ich vorrangig nur nervig.
Eigentlich als Ich-Erzähler, der aber immer wieder auch in die auktoriale Erzählweise rutscht (etwa wenn der Protagonist zu wissen vorgibt, was in den Menschen um ihn herum vorgeht), porträtiert Heinz Strunk alias Markus Erdmann seine gesamte Umwelt sowie seinen unaufgeregten, eher produktionslosen Normalo-Alltag. Sonst passiert nicht allzu viel (die meiste Handlung findet sich wahrscheinlich noch im Klappentext).
Für Fans von Heinz Strunk ist dieses Buch mit dem großspurigen Titel wahrscheinlich erträglich bis sogar unterhaltsam, aber ich als jemand, der weder mit seiner Musik noch seinem anderen Vorwerk vertraut ist, konnte dieser Lektüre nicht genug Substanz abgewinnen. Und nein: Heinz Strunk hat in meinen Augen keine interessante Art zu erzählen.
Das Buch ist im typischen "Heinz-Strunk-Stil" geschrieben. Ein Mensch (Markus Erdmann), der sich selbst nicht viel Wert zu sein scheint, lebt ein Leben, das nicht erwähnenswert ist und führt eine Beziehung, die schon lange jede Leidenschaft verloren hat - wenn es sie denn je gegeben hatte. Ein bisschen kennt man das auch von sich selbst, normalerweise ist das Leben nun mal auch nicht spannend und jeden Tag neu. Es ist eben auch mal trostlos, ekelig und langweilig, man will es hinter sich haben.
Sein Beruf ist es, sogenannte "Comedy" zu schreiben. Texte für ein Bühnenprogramm und dergleichen. Das Dumme: Diese Texte sind einfach unlustig und zuweilen auch geschmacklos (in my humble opinion). Ganz anders ist es jedoch mit seinen Alltagsbeobachtungen, wenn er z. B. die Gestalten des Hamburger Nachtlebens und deren Hintergründe phantasievoll beschreibt, da musste ich doch wieder lachen.
Einige seiner Gedanken, die er im Laufe des Buches äußert, verloren sich in Tiefgründigkeit. Ich schreibe deshalb, dass sich dich darin "verloren", weil man diese Gedankengänge gar nicht ernsthaft verfolgen kann/ will, wenn man sich auf ein eher beschwingtes Leseerlebnis eingestellt hat. Wenn man sich jedoch darauf einlässt, wird einem wieder die depressiv-verzweifelte Situation bewusst, in der auch diese Romanfigur sich befindet. Man könnte sagen: Markus Erdmann ist der dicke Bruder, den Heinz Strunk in "Fleisch ist mein Gemüse" (noch) nicht hatte.
Das Ende des Buches ist konsequent, richtig und vollendet einen Prozess, der am Anfang des Buches holperig und konufus schien, jetzt aber konsequent und verständlich wurde. (Ich drücke mich bewusst kryptisch aus, damit es für jeden, der das noch lesen will, ein eigenes Erlebnis ist.)
Eigentlich könnte man den ganzen Roman als Einstiegskapitel in eine verheißungsvolle Geschichte betrachten, da noch vieles offen bleibt. Realistisch betrachtet geht das Leben des Markus Erdman aber sicherlich nicht allzu aufregend weiter. Also muss man sich damit abfinden, dass da Schluss gemacht wurde, wo auch endgültig Schluss ist - das ist Schade, weil es gerade am Ende begann, gut zu werden.
Heinz Strunk bewegt sich im selben Kosmos wie Rocko Schamonis "Sternstunden der Bedeutungslosigkeit" - nicht nur ist das Cover der beiden Bücher nahezu identisch die beschriebenen Charaktere sind sicherlich Brüder im Geiste. Strunks Tragikkomödie ist gewohnt wortgewaltig und erfreut mit absurd komischem Sprachwitz - diesmal jedoch gegenüber dem Erstling "Fleisch ist mein Gemüse" deutlicher der tragischen Seite zugewandt. Stellenweise großartig, im Ende sehr unbefriedigend und ab und an mehr ein Sammelsurium von Text- und Gedankenfragmenten als eine wirklich kohärente Geschichte. Strunk mag man entweder oder nicht. Dazwischen ist nicht viel Platz.
Heinz Strunk ist großartig. Die Zunge Europas ist dabei nicht ganz so super wie 'In Afrika', aber trotzdem lesenswert, wenn man auf schwarzen Humor und Misanthropie steht.
Wenn man Strunks Humor mag und verträgt, kommt man auch bei diesem Buch wieder voll auf seine Kosten. Ich habe mich jedenfalls mehrfach weggeschmissen :)