Leipzig im 18. Jahrhundert, in seiner glänzendsten Zeit. Von den Messen tragen die Händler nicht nur Waren, sondern auch Ideen nach ganz Europa. Johann Sebastian Bach vermisst das Universum in Tönen, unterstützt von seiner Frau, der Kammersängerin Anna Magdalena, und seiner ältesten Tochter Dorothea. Derweil erforscht das Ehepaar Gottsched die deutsche Sprache und verbreitet unermüdlich das Licht der Aufklärung. Empört über die Biographie, die Johann Christoph Gottsched nach dem frühen Tod seiner Frau Luise veröffentlicht, beschließt Dorothea Bach, ihre eigenen Erinnerungen zu Papier zu bringen. Es war doch alles ganz anders mit Voltaire, Lessing und dem jungen Goethe! Schließlich leben wir im Zeitalter des »hochgelahrten Frauenzimmers«!
Leichthändig und heiter zeichnet Angela Steidele in ihrem Roman ein gewitztes Porträt der Aufklärung aus Frauensicht. Mitreißend erzählt sie von Musikern und Buchdruckern, Dichterinnen und Schauspielerinnen, von Turbulenzen des Geistes, wissenschaftlichen Höhenflügen und von der Weltweisheit in der Musik. Historisch versiert, unsere Gegenwart im Blick, schildert sie Schicksalsjahre einer Epoche, in der es kurz möglich schien, Frauen und Männer könnten gemeinsam die Welt zur Vernunft bringen.
Das zweite Buch von Angela Steidele, das ich in diesem Jahr las, diesmal mit der Aufschrift „Roman“. Die älteste Tochter Johann Sebastian Bachs, Dorothea Bach, beschreibt ihre Erlebnisse mit Luise Gottsched und das Leben in ihrem Leipziger Umfeld von der Ankunft Luises in Sachsen bis etwa nach Ende des siebenjährigen Krieges. Wieder sind die geschichtlichen Hintergründe akribisch recherchiert, nur ist über Bachs Tochter nahezu nichts bekannt, so dass ihre Figur aus dem Buch einen Roman macht. Insgesamt entsteht ein beeindruckend konkretes Bild von der gebildeten Leipziger Stadtgesellschaft. Neben den Mitgliedern der Familie Bach begegnet man im Buch natürlich Luise Gottscheds Ehemann, dem Professor Johann Christoph Gottsched und einigen anderen Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft wie dem sehr wehleidig dargestellten Christian Fürchtegott Gellert. Es gab immer wieder Berührungspunkte zu Caroline Neuber und ihrem Theater, zu Gotthold Ephraim Lessing, der sehr überzeugt von sich gewesen sein muss, zu dem Verlag Breitkopf und später zum jungen Goethe. Dabei entwirft Angela Steidele eine Freundschaftsgeschichte zwischen Dorothea Bach und Luise Gottsched, die in eine ganz zarte Liebesgeschichte übergeht.
Der Detailreichtum führte dazu, dass ich sehr plastisch Leipzig im 18. Jahrhundert erlebte – ich war praktisch bei Bachs zu Hause. Selbst solche Alltagsverrichtungen wie Bier brauen oder die Vorbereitung von Festmenüs war recherchiert, obwohl ich an manchen Stellen nicht glauben konnte, welches Pensum Dorothea Bach bewältigt haben sollte. Detailreich und mit Sachkenntnis wurde ebenso das Thema Musik angegangen, manchmal stieg ich gedanklich aus, weil mir musikalische Grundlagen zum Verständnis fehlten, manchmal ließ ich Bachs Musik nebenher laufen. Die Entwicklungen in der Deutschen Gesellschaft nehmen einen nicht minder großen Raum ein, Luise Gottscheds Anteil am Wirken ihres Mannes gehört dabei wohl eher ins Reich der Spekulation.
Steidele gelingt es an vielen Stellen gut, die Historie mit der Fiktion zu verbinden, die Nahtstellen wären kaum zu merken, wenn nicht an vielen Stellen Verweise auf die Quellen gewesen wären. Da setzt meine Kritik an: Die Unentschiedenheit zwischen Sachbuch und Roman. Eine deutlich stärkere Lösung vom Detail und dem historischen Kontext hätte dem Buch gut getan. Seitenweise wurde z. B. über Rosseaus geschrieben, weil dieser zu der Zeit Leipzig einen Besuch abstattete. Seine Person trägt nichts zur Handlung bei, die Informationen entsprechen etwa dem Wikipedia-Artikel – sein Auftritt ist völlig überflüssig. Dabei ist er nicht der Einzige. Als Leserin steckt man in der Klemme: War es so in Leipzig zu Bachs Zeiten oder soll ich das nicht so ernst nehmen, weil es ein Roman ist? Aber warum dann diese Masse an belegten Informationen?
Mein Fazit daher: informativer historischer Roman, der literarisch nicht überzeugt.
Was für ein Ritt 😄 Die älteste Tochter von Johann Sebastian Bach, Dorothea Bach, schreibt ihr Leben auf. Dabei begegnen ihr unzählige DichterInnen, WissenschaftlerInnen, MusikerInnen, deren echte Werke verhandelt werden. Das Buch hätte ich gern gelesen, als ich noch im Germanistikstudium war. So viele Zusammenhänge wären mir klar geworden. Vor allem habe ich mal Die Pietisterey im Fischbein-Rocke lesen müssen und es hat mir nix gegeben. Jetzt, mit dem Hintergrundwissen, find ich es viel interessanter. Hier und da hatte der Roman ein paar Längen, daher war er nicht perfekt für mich. Aber insgesamt wirklich toll 💕
Es ist herrlich nerdig. Fantastisch ist die Hommage an Luise Gottsched und wie sich Angela Steidele die Menners im 18 Jh vorstellt. Ich wünschte, Auszüge davon könnten am besten schon im Deutsch LK und mindestes im Germanistik-Grundstudium gelesen werden.
Für Leute wie mich, die keine Ahnung von Musiktheorie haben, zieht es sich nur etwas.
In den 1730er Jahren beginnt die Tochter von Johann Sebastian Bach aus ihrem Leben zu berichten. Catharina Dorothea ist da noch in ihren Zwanzigern. Ihr Vater hat ein zweites Mal geheiratet und er und Anna Magdalena haben auch schon Nachwuchs bekommen. Viel wird musiziert im Haushalt und das Tagesgeschehen wird diskutiert. Da die Luise Gottsched, die Frau eines Professors, in ihrer aller Leben. Luise ist ausgesprochen intelligent und vielseitig interessiert. Sie hat Stücke geschrieben, Übersetzungen ausgeführt. Nur ihr Mann belächelt ihre Fähigkeiten eher und setzt sie auch als Assistentin ein. Doch natürlich ist Luise eine Bereicherung für den kleinen Kreis, der sich in Leipzig gebildet hat.
Aus der Erinnerung und auch mit Hilfe von Luises Aufzeichnungen entfaltet Dorothea ihren Bericht. Es wird Hausmusik gespielt. Man bereitet sich auf Auftritte vor. Und Dorothea tritt manchmal als Assistentin ihres Vaters auf. Doch auch Luises pfiffige Ideen bereichern Bachs Werk. Dorothea merkt schnell, dass sich Luise fast an jede Situation anpassen kann und mit ihrem Witz jedes Gespräch erfreut. Einzig ihr Mann weiß anscheinend nicht, was für einen Schatz er hat. Er findet seine eigenen Gedanken herausragend und merkt nicht, wenn er doch ein wenig belächelt wird.
Ein historischer Roman, der sich zwar dichterische Freiheiten nimmt, aber auch die Zeit der Aufklärung lebendig darstellt. Unter Überschriften gestellt entfalten sich tagebuchartige Aufzeichnungen. Gleichzeitig bezieht sich Dorothea auch auf Entdeckungen aus Luises Aufzeichnungen. Man fühlt sich fast so als ob man dabei wäre. Wörtliche Rede wechselt mit Beschreibungen ab. Nach Artikeln im Internet über die Familie Bach ist von Dorothea nicht viel mehr bekannt als ihr Geburts- und Todestag. Das gibt der Autorin natürlich eine große Leerstelle, die sie mit viel Akribie und leichten Worten füllt. Zwar ist das Ganze manchmal etwas sehr ausführlich und ausschweifend, so dass man irgendwann kaum noch anders kann als nicht mehr jedes Wort zu lesen, weil man sonst einfach nicht weiterkommt. Knapp sechshundert Seiten, relativ klein gedruckt, vereinzelt Fußnoten, das ist einfach viel. Dennoch passt das Buch gut zum Jahr mit Bach, dessen Todestag sich im Jahr 2025 zum 275. Mal jährt.
Das Buch beginnt mit Bachs Kaffeekantate "Schweigt Stille, plaudert nicht", nur um dann genau das 600 Seiten lang zu machen. Es wird durchgehend geschnackt, gelabert, gequatscht, geredet, gestritten und diskutiert. Durch die Augen von Dorothea Bach erleben wir die Zeit, in der das Tor zum Bürgertum aufgestoßen wird und die Ideen der Aufklärung durch die Gesellschaft strömen. Die älteste Bach-Tochter wird, angezündet von ihrer Freundin, Mentorin, Vorbild und heimlichem Crush, Luise Gottsched selbst zu einem Leuchtturm der (feministischen) Aufklärung und der Reihe nach taucht von Rousseau über Lessing bis Voltaire die gesamte europäische Denker-Prominenz in Leipzig auf und zerschellt an Dorothea. In einem letzten Zwiegespräch mit Goethe wird dann selbst vor der Dekonstruktion des wohl berühmtesten Ausspruchs von Immanuel Kant nicht halt gemacht. Das klingt nach furchtbar schwierigem Stoff, funktioniert aber deswegen so toll, weil Steideles Version von Leipzig in der Mitte des 18. Jahrhunderts unheimlich lebhaft, lustig, gesellig und herzlich ist.
Abseits davon ist das gesamte Buch durchzogen von Bachs musikalischem Werk, der als Charakter, wie er es auch für uns trotz Unmengen an Forschung immer geblieben ist, eine oberflächliche Randfigur ist. Stattdessen ist seine Frau Anna Magdalena der Star und wird von Steidele in einem der besten Kapitel kurzerhand zur Dirigentin der Uraufführung von Johann Sebastians großer h-Moll Messe gemacht. Das ist natürlich alles so nie passiert, aber wer so schön über Musik schreibt, darf gerne sämtliche Fakten verdrehen.
[Dieses Buch hätte auch 6, ach was, 7 Sterne verdient!!!]
Gerade in Zeiten, in denen sich in Europa – nimmt man es genau gar weltweit – eine antiaufklärerische Stimmung breit macht in dem Sinne, dass das Rationale, die Vernunft, die Wissenschaft und deren Erkenntnisse, letztlich evidente Wahrheit in Frage gestellt werden und stattdessen plötzlich Gefühle, Meinungen und Verdächtigungen die Haltung und Handlungen der Menschen bestimmen wollen und sollen, tut es wohl Not, einmal mehr an jenes Zeitalter zu erinnern, dass dem Begriff „Aufklärung“ seine Bedeutung gab. Jene Epoche, die in den Jahrzehnten nach dem Dreißigjährigen Krieg langsam begann, mit dem heute so genannten Zeitalter der Bürgerlichkeit in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ihre erste Hochphase erlebte, ihren politischen Ausdruck in den Vereinigten Staaten in der ersten demokratischen Verfassung der Neuzeit und in Frankreich schließlich mit der Revolution von 1789 und der damit verbundenen Überwindung des Absolutismus fand; eine Epoche, die nicht nur philosophisch, politisch oder naturwissenschaftlich, sondern auch in der sehr genauen Ausarbeitung kultureller Codes und Signaturen relevant war und bis heute ist. Oder es zumindest war, denn wie bereits oben angemerkt, erleben wir mittlerweile eine neue Ära, die die Errungenschaften dieses Zeitalters in Frage stellt und es als Ausgangspunkt all der angeblichen Übel linken Denkens, der sogenannten „Wokeness“, der „politischen Korrektheit“, der Diversität, des liberalen und also pluralistischen Denkens diffamiert. Im eigentlichen Sinne des Wortes erleben wir einen epochal reaktionären Umbruch, eine zutiefst antiaufklärerische Gesinnung, die sich auch noch anmaßt, im Sinne eben dieser Aufklärung zu sprechen, sie gleichsam vom Kopf auf die Füße zu stellen. Und das exakte Gegenteil tut.
Da kommt ein Buch wie Angela Steideles AUFKLÄRUNG. EIN ROMAN (2022) gerade recht, rückt er doch nicht nur einige Perspektiven wieder gerade, sondern birst in seiner schieren Lust an der kulturellen Bildung, an Wissen und der Vermittlung desselben, am Spiel mit Perspektiven und (literarischen) Versatzstücken, mit seinen Verweisen und Durchwirkungen hin zur Gegenwart als historischer Roman geradezu aus allen Regeln und Konzepten dessen, was ein Roman zu sein hätte. Und beschäftigt sich im Kern doch u.a. gerade mit jenem Mann, der in der deutschen Frühaufklärung eine so wesentliche Rolle als strenger Richter über die literarische Konvention, die Form, die Regeln des Theaters, des Romans und des Gedichts, der Lyrik generell, einnahm – dem Professor für Weltweisheit, dem Sprach- und Literaturwissenschaftler Johann Christoph Gottsched (1700-1766).
Und schon in dieser Beschreibung beginnt das Elend einer Besprechung dieses so gebildeten wie gewitzten Texts, denn es stimmt ja gar nicht, eigentlich geht es nicht um Gottsched, sondern vielmehr um dessen Frau, Luise Adelgunde Victorie Gottsched, geborene Kulmus (1713-1762), die als die gebildetste Frau ihrer Zeit galt und als Übersetzerin, Dramatikerin und vor allem federführende Mitarbeiterin ihres Gatten in die deutsche Geistesgeschichte eingegangen ist. Die aber, folgt man Steideles so informierten Text, der sich dennoch allerlei künstlerische Freiheiten erlaubt, viel mehr war als eine „Mitarbeiterin“, sondern oftmals die eigentliche Kraft hinter den Texten, die Gottsched auch heute noch zu einem so wesentlichen Vertreter der deutschen Kultur und gerade dieser so wichtigen Epoche machen. Und so liegt diesem Roman eben auch – subtil – eine Entwicklung zugrunde, die er selbstredend anprangert: Frauen in der deutschen Geschichte – gerade in der Geistesgeschichte, abgesehen von wenigen Ausnahmen – wurden und werden gern als Supplement behandelt, als das Anhängsel gebildeter und berühmter Männer. Ganz gleich, welche Rolle sie wirklich gespielt haben. So beginnt das Spiel mit Wahrheit und Evidenz und der vermeintlichen wissenschaftlichen Genauigkeit schon genau in dem Moment, da diese Fragen ins Licht der Erkenntnis gehoben wurden: Mit der Aufklärung (im Englischen Enlightenment) selbst.
Doch auch Gottscheds – des Mannes – Name, sein Wirken, dürfte heute nur noch wenigen , vor allem Germanisten, vertraut sein; ebenso die Namen von Schriftsellern, Wissenschaftlern und Gelehrten wie Christiane Mariane von Ziegler, geborene Romanus (1695-1760), Christian Fürchtegott Gellert (1715-1771), Christian Gottlieb Ludwig (1709-1773), Johann Adolf Scheibe (1708-1776) oder Lorenz Christoph Mizler (1711-1778), Künstlern wie Friederike Caroline Neuber (1697-1760), die als Leiterin ihrer eigenen Bühne und führende Darstellerin Wesentliches für das deutsche Theater geleistet hat – und etlichen anderen. Anders sieht es natürlich mit den Namen von Geistesgrößen wie Voltaire (1694-1778), Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) und, natürlich, Johann Sebastian Bach (1685-1750) aus, die selbst einem bildungsferneren Publikum in den Kanon der nicht zu Vergessenden eingeschrieben sind.
Und damit ist man schon im Kern dieses wundersamen Romans. Denn sie alle bevölkern die Seiten dieses Buchs. Es ist Dorothea, Bachs älteste Tochter, die auf den fast 600 Seiten zu den Leser*innen spricht. Sie, die einst eine enge Vertraute von Luise Gottsched gewesen ist, mit dieser gemeinsam an etlichen derer Texte – Übersetzungen ebenso wie eigenen Theaterstücken und Gedichten, an Lexika und Enzyklopädien – gearbeitet hatte, ärgert sich zutiefst über die Biographie, die Gottsched seiner Frau nach deren viel zu frühen Tod zuteilwerden lässt, und beschließt, ihre eigenen Erinnerungen nicht nur an Luise Gottsched, sondern an jene bewegten Jahre und Jahrzehnte in Leipzig niederzuschreiben. Der vorliegende Roman ist schließlich das Ergebnis dieser Gedächtnisleistung. Es entsteht also nicht nur ein äußerst lebendiges Portrait einer der wichtigsten Frauen der deutschen Geistesgeschichte, sondern es wird hier das Panorama einer Ära geboten. Einer Ära, die in den 20er Jahren des 18. Jahrhunderts beginnt, als die Gottscheds in Leipzig eintreffen, und die sich bis weit in die 60er Jahre hineinzieht, als mit dem Siebenjährigen Krieg, dessen Auswirkungen hier ebenfalls – neben vielen anderen politischen Aspekten und Begebenheiten im kleinstaatlich zergliederten Deutschland – der erste weltweit geführte Krieg zu Ende ging. Auch dies fließt alles ein in die Erzählung Dorothea Bachs.
Steidele setzt auf sehr genaue eigene Recherchen, greift aber natürlich auf den enormen Forschungsstand zur deutschen Aufklärung zurück. Sie versteht es, ihre Erzählerin lebendig berichten zu lassen und vor allem gelingt es ihr, diesen Betrachtungen und auch dem Reigen der Figuren und ihrer Beziehungen untereinander ganz eigene, neue Aspekte und Perspektiven einzuschreiben. Das wird sicher nicht jedem gefallen, ist Steidele doch auch und vor allem an einer explizit feministischen Perspektive gelegen und schreibt Luise Gottsched sowohl bekannte, als auch wahrscheinlich fiktionale Liebesbeziehungen zu diversen Frauen zu – unter anderem ist es die Erzählerin selbst, Dorothea Bach, die eine tiefe Liebe zu dieser ungewöhnlichen Frau empfindet und auf den Seiten des Romans immer wieder darüber sinniert, ob diese Gefühle wohl erwidert wurden. Auch ihre Charakterisierung all der bekannten Figuren wird nicht jedem Leser – bewusst ist hier die männliche Form gewählt – gefallen. Doch zugleich ist dieses Buch derart geschickt, subtil und klug konzipiert und konstruiert, ohne dass man all die literarischen Winkelzüge aufzählen könnte, die Steidele nutzt, dass es keinem an Literatur Interessiertem missfallen könnte.
In Fußzeilen werden all die im Fließtext erwähnten Werke aufgeführt, die praktisch die Grundlage der Aufklärung und also des Romans bilden. Im Text selbst werden neben all den persönlichen Beziehungen eben auch etliche Fragen kultureller, dezidiert germanistischer, linguistischer oder auch politischer Natur abgehandelt. Es ist in weiten Passagen ein Dialogroman, doch gelingt es Steidele, diese Dialoge ungemein spannend, authentisch, witzig und lebensecht zu gestalten. Es entsteht nie der Eindruck, an einem gehobenen Seminar teilzunehmen, welches einfach in einen Text übersetzt wurde. Ganz im Gegenteil. Denn Steidele weiß eben auch um die weniger bekannten und doch so ungemein wichtigen Aspekte jenes Zeitalters der Bürgerlichkeit. Es war eben auch eine Zeit technischer Neurungen, wozu eben auch der sich stetig entwickelnde Buchdruck zählte, es war die Zeit der Zeitschriften und Magazine, es war, natürlich, die Epoche der Bildung auf breiter – eben bürgerlicher – Ebene. Damit einher gingen aber eben auch jene Seiten des Bürgerlichen, die auch heute noch allgemein bekannt sind, so bekannt, dass man sie gar nicht zuordnen würde: Beispielsweise die Funktion von Klatsch – und Tratsch – als sozialer Kitt und gesellschaftliches Bindemittel. Und so werden auf diesen vielen, vielen Seiten eben auch Intrigen gesponnen, wird üble Nachrede geübt, es werden Feindschaften gepflegt und Freundschaften ausgebaut. Ebenso verhält es sich mit der oft schon den Rahmen der Andeutung sprengenden Frivolität. Manche Bemerkungen – bspw. hinsichtlich der einst mit Gottsched liierten Madame Ziegler – sind schon fast obszön zu nennen. Aber auch das gehört zur geschilderten Zeit, auch diese Art der Befreiung, der Offenheit, gehört in die Epoche. Und so erzählt dieser Roman gleichsam aus dem prallen Leben. Und das auf sehr, sehr vielen unterschiedlichen Ebenen.
Steidele weiß ganz genau um die Wirkung jener, die sie beschreibt. Und so schreibt sie ihrem Roman immer wieder ironische Huldigungen ein. Gottsched galt als Pate der deutschen Germanistik, ein Mann, der glaubte, strengste Regeln definieren und bestimmen zu dürfen. Es waren später Größen wie Lessing und der sehr junge Goethe, der hier auf den letzten Seiten des Romans ebenfalls noch seinen Auftritt hat, die gegen Gottscheds Regelwerk Sturm liefen und auf Erweiterung, gar Sprengung desselben drängten. Steidele nimmt Gottscheds „Regelpoetik“, wie Goethe hier spöttelnd dessen Ansichten und Lehren diffamiert, sehr ernst und hält sich vordergründig bspw. an die Regel, dass ein jeder guter Roman auch einen Antagonisten braucht, der dem oder der Protagonist*in gleichgestellt ist. Nur ist hier eben Luise Gottsched die Protagonistin und Gottsched, den sie aufgrund ihres speziellen Verhältnisses ihren „ehelichen Freund“ nennt, selten ihren „Gatten“, muss die Rolle des Antagonisten übernehmen. So wird AUFKLÄRUNG. EIN ROMAN auch und vor allem zu einem feministischen Buch. Wie gesagt, es wird nicht jedem gefallen.
Nicht gefallen dürfte vielen auch die Metaebene – oder Metaebenen – die Steidele ihrem Text einschreibt. Nicht nur in Redewendungen – Dorothea bemerkt an einem Punkt des Texts, der „Zug sei schon angefahren“ und antwortet auf die Frage ihres Gegenübers, was das denn bedeuten solle, dass sich dies einmal von selbst erklären würde – und Aussagen – Goethe, der das Buch eines jungen Königsberger Philosophen namens Kant liest, attestiert diesem, er werde eines Tages die Aufklärung als Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit bezeichnen; in einem Gespräch über Musik und die von Gottsched missachtete Oper räsoniert einer der Beteiligten, eines Tages würden wohl noch Musikstücke über die Nibelungen und deren Schatz geschrieben, was alle Anwesenden für reinen Blödsinn halten, da das Mythengehabe doch nun endgültig vorüber sei – und darüber hinaus auch Erfindungen, bzw. deren Möglichkeit – so wird an einer Stelle des Romans über binäre Systeme gesprochen, die Rechenmaschinen ungeheuren Ausmaßes ermöglichen könnten – lässt Steidele ihren Roman immer wieder weit über sich selbst und die in ihm behandelte Zeit hinausgreifen. Eben auch in eine Zukunft, in welcher – es weiß Bescheid, wer sich mit Adornos NEGATIVER DIALEKTIK, bzw. seiner DIALEKTIK DER AUFKLÄRUNG auseinandergesetzt hat – so manche Entwicklung dieser Zeit zu Ergebnissen und Ereignissen geführt hat, die die Anliegen derer, die die Aufklärung maßgeblich geprägt haben, nahezu auf den Kopf stellten. Steidele nimmt hier eher spielerisch Bezug, eben mit den oben angemerkten Verweisen, doch sollte man sich nicht vertun, dahinter verbirgt sich eher Grauenvolles.
Dieses Spiel führt sie soweit, dass Steidele auf den letzten Seiten nahezu jeden, der im Jahr 1766, als das Buch, welches die Lesenden in Händen halten, verfasst worden sein soll, noch lebt und Zugang zu den Seiten hatte auftreten und seine Meinung dazu Kund tun lässt. Und die Meinungen sind nicht alle nett. Hier übrigens lässt Steidele dem armen Christian Fürchtegott Gellert, diesem Dichter von Fabeln und allerlei moralischen Abhandlungen, zu seiner Zeit immerhin der meistgelesene deutsche Schriftsteller, Gerechtigkeit widerfahren, denn er ist es, der Dorothea Bach den entscheidenden Hinweis gibt, wo sie ihr Buch verlegen lassen könnte. Zuvor wurde Gellert durchweg als hypochondrischer, ewig an sich selbst leidender Kauz dargestellt, ein Egozentriker vor dem Herrn.
Die prekäre Erzählperspektive reflektiert Steidele, ganz postmodern, aber auch schon zuvor im Text. Da gibt es immer wieder Passagen, in denen sie Dorothea sich fragen lässt, ob ihre Erinnerungen sie täuschen könnten, ob das, was sie da beschreibt, wirklich der Wahrheit entsprechen kann? Und ihre Halbschwester Elizabeth, die diese Seiten offenbar schon während der Entstehung mit-liest, untergräbt Dorotheas Erinnerungsvermögen immer wieder, indem sie anmerkt, hier und da könne die zeitliche Zuordnung nicht stimmen. Dies vor allem, was Luise Gottscheds Mitarbeit am Weihnachtsoratorium angehe. Dorothea/Angela Steidele wagt es hier, Luise Gottsched kurzerhand das Libretto dieses Wunderwerks deutscher Kompositionskunst zuzuschreiben. Bis heute kann sich die Wissenschaft nicht darauf einigen, wer dem großen Johann Sebastian Bach zur Hand gegangen sein könnte. Warum also nicht Luise Gottsched, die nach Dorotheas Erinnerung zu jener Zeit, da Bach sein Meisterwerk schrieb, bereits in Leipzig weilte? Es ist ein sehr schönes, subtiles Spiel mit den historischen Möglichkeiten, welches dieser Roman an solchen Stellen treibt.
Nicht ironisch und ein wesentlicher, wenn nicht der wesentliche Teil schlechthin in diesem Werk, sind die Beschreibungen von Bachs Kompositionen. Davon, wie er sie erstellt, wie leicht es ihm oft von der Hand ging, davon, wie jeder im Hause Bach, allen voran Anna Magdalena, seine zweite Frau, die der Erzählerin Dorothea Bach sehr nahesteht, wie also ein jeder in diesem Haushalt herbeigezogen und in Bachs Arbeit involviert wird. Da müssen die Kinder die Partituren abschreiben, sie müssen die Stimmen einüben und dem Vater vorsingen und sie müssen auch auftreten. Denn – so suggeriert es der Text – kaum wem, auch nicht seinen Thomanerchören, traute Bach so, wie den eigenen. Die Beschreibungen dieser Aufführungen sind ein Meisterstück moderner Prosa, denn selbst der musikalisch Ungebildete kann ihnen weitestgehend folgen und vor allem das Großartige, das dieser Musik innewohnt, ihre Wirkung und das Glück, das aus ihr hervorgeht und Hörer*innen zu verzaubern versteht, damals wie heute, nachvollziehen. Steidele findet dafür eine Sprache, die ihresgleichen sucht, geprägt von tiefem Verständnis dieser Musik. Ein Verständnis, aus dem natürlich auch und vor allem die tiefe Liebe zu dieser Musik zu den Leser*innen spricht.
So bleibt nach der Lektüre dieser 600 Seiten ein Gefühl des Glücks, das Gefühl, tief in eine Epoche eingetaucht zu sein, die uns ganz nah und doch zusehends fern erscheint, sind ihre Feinde, sind die, die eben genau das, wofür die Aufklärung in ihrer ganzen Vielfalt steht, fürchten. Sicher, man kann diese Epoche verkürzen auf Einzelaspekte und sich einbilden, damit der Geschichte gerecht zu werden. Aber wer solches tut, der irrt. Es sind Autoren wie Angela Steidele, denen es gelingt, die ganze Vielfalt, auch die Widersprüchlichkeit, die einer solchen Epoche – oder gerade dieser Epoche – innewohnt, einzufangen, den Leser*innen nahezubringen, gelegentlich zu ironisieren, zugleich aber keine Zweifel daran zu lassen, wie sehr wir durch jene Ära geprägt sind, was wir ihr zu verdanken haben und welch großes Glück es bedeutet selbst in einem Zeitalter leben zu dürfen, das all die Möglichkeiten, die die Aufklärung einst ermöglichte, in voller Entfaltung kennt. Jede/r Leser*in dieses Romans sollte das tief in sich bergen und weitertragen – und dieser Autorin danken, dass sie dieses wundervolle Buch geschrieben hat.
Die Nominiertenliste des Preises der Leipziger Buchmesse hat mich zu diesem faszinierenden Roman geführt. Es geht um Leipzig im 18. Jahrhundert, die Familie Bach und die Familie Gottsched. Dorothea Bach, die älteste Tochter Johann Sebastians aus seiner ersten Ehe ist die Erzählerin, die im Rückblick über die Leipziger Jahre ihres Vaters schreibt, ihr Verhältnis zur Gattin von Gottsched, Luise AdelgundeVictorie, die im Schatten des Gatten stehend wesentlich zu dessen Ruhm beigetragen hat. Was mich besonders begeisterte waren die Beschreibungen zu Stücken Bachs (hervorheben will ich da das Weihnachtsoratorium und die Beschreibung der Aufführung der Matthäuspassion die Steidele als Requiem auf den verstorbenen Gatten von der hochmusikalischen Anna Magdalena leiten lässt), die Steidele hier der Bachtochter und deren Stiefmutter in den Mund und in die Feder legt. Ein Roman, der vom profunden Wissen der Autorin zeugt, ohne je belehrend zu werden, ein Roman, der Lust macht, sich mehr in die Zeit er Aufklärung in Leipzig zu vertiefen, über den Konflikt zwischen Friedrich und Maria Theresia zu lesen, sich Voltaire zuzuwenden oder auch den Fabeln Gellerts. Alles das kommt vor, wird kunstvoll verwoben und mit listigen anachronististischen Anspielen auf unsere Zeit gespickt. Als angenehmen Nebeneffekt habe ich einige v.a. weltliche Kantaten Johann Sebastian Bachs kennengelernt.
Dieser Roman über das Leben im Leipzig des frühen 18. Jahrhunderts besteht aus fiktiven Aufzeichnungen von Dorothea Bach, der ältesten Tochter von Johann Sebastian Bach. Doro erzählt über das Leben der Familie Bach in der Thomaskirche, ihre - fiktive - Arbeit für Luise Gottsched und ihren Mann Professor Gottsched, über die Musik der Zeit, das Theater, die Weltweisheit, Philosophie und Kunst. Der Roman lässt alle relevanten Figuren der ersten Hälfte des 18. Jh. Revue passieren, fasst die politischen und kulturellen Zwiste und Veränderungen zusammen und macht Kulturgeschichte, Lebensart und Bedrängnisse der Zeit erlebbar werden.
Angele Steidele rückt in diesem historisch-biographisch-enzyklopädischen Roman, der sich über weite Strecken wunderbar leicht lesen lässt, vor allem jene Luise Gottsched in den Mittelpunkt, die als bedeutendste deutsche Schriftstellerin und Gelehrte der frühen Aufklärung gilt.
Steidele hat so viel Wissen, Fakten und Informationen in diesen Roman verpackt, dass er manchmal fast den Eindruck einer Enzyklopädie macht.
Ich habe den Roman sehr genossen, zum einen, weil er aus einer heutigen feministischen Sicht einen Blick auf die starken Frauen dieser Zeit wirft (der in der gängigen Geschichtsschreibung eben nicht oder kaum eingenommen wird) zum anderen, weil er es schafft musikwissenschaftliche, philosophische, germanistische und historische Aspekte ausführlich zu beleuchten und zu vermitteln - ohne dass dies beim Lesen auffallen würde.
Also ich bin hin- und hergerissen. Frau Steidele schreibt selbst als Dorothea Bach: " Das eigentliche Problem Ihres Textes (Frau Bach) ist, dass man nicht recht weiß, ist das nun Geschichtsschreibung oder Roman?" Diese Frage stellt sich mir genau so. Oder vielleicht sogar ein Sachbuch? Man muss sich beim Lesen in der Bibel auskennen und noch viel mehr in der Musik. Die Fachbegriffe wie A-Moll und Fugen usw. machen mir Probleme, da ich kein Instrument spiele. Der Sinn der Stellen kommt aber trotzdem irgendwie zum Ausdruck. Neben der Biographie von Bach schreibt sie sehr viel über oder sogar eine zweite Biographie über Luise Gottsched. Und die geschichtlichen Hintergründe waren sehr interessant. Es ist schon erstaunlich, dass gewisse Männer damals die Frauen als hübsche, dumme und einfältige Personen beschrieben haben und das auch noch in Gedichten, die ich hier nicht zitieren möchte. Zum Glück hat sich das Blatt gewendet, obwohl es über 200 Jahre gedauert hat. Ich glaube nicht, dass das Buch den 1. Preis bei der Leipziger Buchmesse bekommen wird. Warten wir es ab. Auf jeden Fall ist das Buch lesenswert.
Zu viele Dialoge und zu wenig Erzählertext, so dass man schnell durcheinanderkommt, wer gerade spricht. Viele Anspielungen versteht man nur, wenn man Literatur studiert hat. Die Zeitsprünge sind ebenfalls nicht förderlich, um dem Inhalt gut folgen zu können. Schade, denn die Thematik ist sehr interessant.