Jede meiner Rezensionen zu bell hooks beginne ich damit, dass ich eigentlich kein Interesse (mehr) an bell hooks' Werk habe. Aber die Landeszentrale für politische Bildung Berlin hört einfach nicht auf, ihre Bücher in ihren Katalog aufzunehmen und zu einem kostenlosen bell hooks-Buch kann ich dann auch nicht nein sagen. Ihre Bücher, die sich mit den alltäglichen Herausforderungen des Lehrens und Lernens in Schule und Universität beschäftigen, finde ich auf jeden Fall um einiges besser als die Werke, die sich mit Feminismus, Gender und Sexualität auseinandersetzen. Daher war ich bei diesem Buch eigentlich guter Dinge und wurde auch nicht wirklich enttäuscht.
In Kritisch denken lernen, welches der dritte und letzte Teil von hooks' Pädagogikbüchern bildet, antwortet sie in 32 kurzen und leicht verständlich geschriebenen Essays auf jene Fragen, die sie nach der Veröffentlichung der zwei Vorgängerbände—Die Welt verändern lernen und Gemeinschaft leben lernen—erreicht haben.
Die Themen sind vielfältig und breit gefächert: Ist vernünftiger Unterricht auch in großen Lerngruppen möglich? Was können Schüler*innen und Studierende gegen einen langweiligen Unterricht tun? Wie können Schwarze weibliche Lehrende eine positive Autorität im Hörsaal aufrechterhalten, ohne durch die Brille negativer rassistischer und sexistischer Stereotypen gesehen zu werden? Kann Humor beim Lernen dienlich sein? Und wie soll eine Lehrperson mit Tränen im Klassenzimmer umgehen?
Ich habe mir schon lange ein praxisorientiertes Buch, das sich an Lehrpersonen richtet, gewünscht. Leider finde ich hooks' Antworten auf diese Fragen oft zu wage und überhaupt nicht praxisnah, was wirklich schade ist. Ein Buch wie dieses hätte sich sehr gut dazu geeignet, mal aus dem Nähkästchen zu plaudern und auf echte Erfahrungen und Beispiele aus der eigenen Unterrichtspraxis einzugehen. Ich will hooks nicht absprechen, dass sie dies nicht hin und wieder in diesem Buch tut, aber sie verliert sich oft in theoretischen Ausflügen, die es wirklich nicht gebraucht hätte.
Für hooks ist Bildung der sicherste Weg zur Freiheit. Doch diesen Weg zu beschreiten, ist für Lernende nicht so leicht wie es klingen mag. Rassismus, Sexismus, Klassismus (...you name it) sind in Bildungseinrichtungen systemisch und versperren den Weg zur Freiheit—für alle Lernenden, auch diejenigen, die nicht von diesen -ismen betroffen sind.
Das Buch wurde 2009 geschrieben und hooks führt an, dass "rassistische Segregation" wieder der Normalfall an US-amerikanischen Schulen wird. Die Schulen des Landes seien wieder zunehmend nach Race und Klasse getrennt. Dieser Trend wird auch in fiktiven Werken afro-amerikanischer Autor*innen aufgegriffen, wie bspw. in Paul Beattys brillanten Roman The Sellout. hooks reflektiert über ihre eigenen Lernerfahrungen als Schülerin und Studentin und darüber, dass sie sich ihren Schwarzen Literaturkanon selbst erschließen musste, da Schwarzen Autor*innen in ihrem Unterricht kein Raum gegeben wurde. Die Werke von James Weldon Johnson, Langston Hughes, Georgia Douglas Johnson u.n.v.m. musste sie auf eigene Faust finden.
Im vierten und fünften Essay—"Dekolonisierung" und "Integrität"—geht hooks nochmal explizit auf die Bildungshürden in kolonisierten Ländern ein. Denn sollte Bildung ja eigentlich der Weg zur Freiheit sein, wurde sie hier am übelsten von den Kolonisatoren missbraucht: "Bildung war immer ein Werkzeug der Kolonialisierung, das dazu diente, die Lernenden zu Ergebenheit gegenüber den herrschenden Verhältnissen zu erziehen." Sie führt führende Denker des Postkolonialismus an—Albert Memmi, Frantz Fanon, Walter Rodney, Amílcar Cabral, Léopold Sédar Senghor—, was mich positiv überrascht hat, da hooks in anderen Werken oft in eine "one-woman-show" verfällt und anderen Denker*innen kaum Platz eingeräumt wird.
Als Professorin weiß hooks jedoch auch, dass der Weg zur Freiheit nicht nur aufgrund von Diskrimierung erschwert wird, manchmal sind es die Lernenden selbst, die sich gegen Bildung stellen. hooks stellt fest: "Tatsächlich sträuben sich die meisten Studierenden gegen den Prozess des kritischen Denkens: sie fühlen sich wohler, wenn sie beim Lernen passiv bleiben können." Und später: "[Lernende] haben oft kein Bedürfnis, ihr Wissen dauerhaft zu bewahren, es hat ja schließlich seinen Zweck erfüllt, nämlich den in der Prüfung gestellten Anforderungen zu genügen." Dies sind zwei Beobachtungen, die ich teile. Doch auch hier ist die Verantwortung zweigeteilt. Natürlich sollte man an die Eigenverantwortung der Lernenden appellieren, vor allem wenn wir uns im universitären Kontext befinden und die Lernenden erwachsen sind, aber der Fehler liegt natürlich auch im System: alles in unserem Bildungssystem ist auf Bestehen und gute Noten ausgelegt. Ich selbst wurde selten während meiner Bildungslaufbahn dazu animiert, kritisch und eigenständig zu denken. Es ging immer nur darum, Tests und Klassenarbeiten mit Einsen abzuschließen.
hooks schreibt: "Wenn eine Lehrperson der grenzenlosen Fantasie im Unterricht freien Lauf lässt, dann erweitert sich der Spielraum für transformative Lernen." Doch es ist genau dieses transformative Lernen, das in unserem Bildungssystem oft zu kurz kommt. Leider zeigt hooks keine konkreten Wege auf, wie man als Lehrperson transformatives Lernen fördern kann.
Eine Offenbarung, die ich sehr wertvoll fand, ist, dass hooks zugibt: "in meinen dunkelsten Stunden, als ich mich innerhalb der akademischen Institutionen systematisch angegriffen fühlte, als ich glaube, dass meine einzige Hoffnung zu überleben und gesund zu bleiben, darin bestand, der Wissenschaft den Rücken zu kehren"—auch dies ist eine Erfahrung, die ich als Schwarze Person in primär weißen Bildungsräumen und -institutionen oft hatte.
Ich möchte noch auf ein paar konkrete Beispiele eingehen, die mich wirklich gestört haben. Es handelt sich vor allem um Kapitel 25 und 26: "Spiritualität" und "Berührung". (Nobody is surprised.)
Ich möchte vorweg sagen, dass bell hooks und ich einen ganz anderen Zugang und Ansatz zu Spiritualität haben. Demnach ist meine Meinung hier vielleicht ein bisschen biased, aber einige Aussagen, die sie trifft, finde ich potentiell gefährlich und möchte daher dagegen anreden.
Zur "Freundschaft" zwischen Lehrperson und einzelnen Lernenden schreibt hooks: "…bei aller Verbundenheit, die vielleicht entsteht—es bleibt eine hierarchische Beziehung." Und ich dachte mir erstmal, wow, das ist ja wirklich progressiv für sie und total anders als das, was sie noch im ersten Band geschrieben hat. Aber nein, auf diesen richtigen und wichtigen Satz folgen Relativierungen und Falschaussagen. Here's a best of of the bullshit:
• "Wenn Lehrende verehrt, wirklich bewundert und respektiert werden, verbessert sich unsere Fähigkeit zu lehren und zu lernen." — SAYS WHO? Respekt ist unabdingbar und Bewunderung in einem gewissen Maß vielleicht auch noch in Ordnung, aber Verehrung?? WTF? Warum sollte irgendwer seine Lehrperson verehren? I think not.
• "Kritisches Denken im Unterricht ist eine Möglichkeit, ein höheres Bewusstsein zu kultivieren. Es versetzt die Lernenden in die Lage, die wechselseitige Verbundenheit allen Lebens besser zu erkennen und bringt sie auf diese Weise mit dem Heiligen in Kontakt. Sie werden zu einem bewussten Prozess der Achtsamkeit und des Gewahrseins befähigt." I don't know about you, aber ich war noch nie in meinem Leben "mit dem Heiligen in Kontakt", and I think that's a good thing. Wie gesagt, es ist einfach eine Form von Spiritualität, mit der ich ja mal so gar nichts anfangen kann. Aber wie gesagt, sowas kann ich noch tolerieren, im Gegensatz zu Bullshit wie diesem: "Die Präsenz von Eros im Unterricht eröffnet uns den Zugang zum Heiligen." *KOTZ, KOTZ, KOTZ*
• "Wenn sich die Sinnlichkeit des Eros im Unterricht in Richtung Sexualität bewegt, führt dies zu Chaos und Unfrieden." Nein, bestie, es führt zu Missbrauch. Let's not sugarcoat it.
• "Es ist wichtig, wachsam zu sein gegenüber einem Machtmissbrauch, bei dem die Erotik zu einem Terrain der Ausbeutung wird. Doch ebenso wichtig ist es, den Raum zu erkennen, in dem erotische Interaktion befähigend wirkt und positive Veränderungen herbeiführt." — Ich bin so maximal verwirrt. Wie kann das zweite EBENSO WICHTIG sein wie wachsam gegenüber Machtmissbrauch zu sein?? Make it make sense?? Mal ganz davon abgesehen, dass es im Unterricht einfach keinen Raum für erotische Interaktion geben darf.
• "Stellt euch sich vor, dass ein*e Professor*in ‘erregt’ ist, weil mehrere außergewöhnliche Studierende am Kurs teilnehmen und deren Anwesenheit einfach die Lernleidenschaft aller entfacht; das ist die Energie, die zu einer leidenschaftlichen Pädagogik führen kann, die sich positiv auf alle auswirkt." NO, NO, NO. Es ist einfach mega uncomfortable diese Zitate von hooks zu lesen.
Zwei weitere (kleinere Kritikpunkte): 1. Kapitel 27 bis 30 haben überhaupt nichts mit Lehre zu tun und kommen sehr willkürlich daher. Und 2. schreibt hooks: "Bücher am Bildschirm zu lesen kann nie dasselbe sein, wie ein Buch in der Hand zu halten" — OKAY BOOMER.
Aber da ich ja so 'ne nette Maus bin, möchte ich die Rezension mit ein paar Beobachtungen und Zitaten schließen, die ich wirklich gut fand:
• "...dass fiktionale Werke nicht unbedingt immer den herrschenden Verhältnissen oder der Realität entsprechen müssen, und das tun sie in der Regel auch nicht. Umso kritischer müssen Leser*innen sein, wenn Figuren starke Vorurteile und Hass gegenüber einer bestimmten Gruppe äußern." – sehe ich genauso! Viel zu oft ruhen sich Autor*innen darauf aus, Vorurteile zu perpetuieren unter dem Deckmantel der Fiktion and it's fucking bullshit. Do better.
• "Als Lehrende sind wir Brennpunkt eines kollektiven Blicks, bevor überhaupt Worte gesprochen werden." => literally der einzige gute Satz aus ihrem Kapitel "Berührung"
• In "Lernen als prophetische Berufung" (...kleiner hat sich's auch nicht), schreibt hooks: "Wenn mich Studierende fragen, was ich mir am meisten von ihnen wünsche, sage ich ihnen, dass es nicht meine Absicht ist, sie zu ‘kleinen bell hooks’ zu machen. Sie müssen nicht so denken wie ich. Vielmehr wünsche ich mir, dass sie lernen, kritisch zu denken, um sich selbst zu verwirklichen und selbstbestimmt zu leben." Und das finde ich wirklich toll. Man hat ja oft den Eindruck, dass sie etwas selbstverliebt ist und denkt, sie sei die Einzige, die die Weisheit mit dem Löffel gefressen hat, aber ich kaufe ihr dieses Zitat wirklich ab, und ich kann mir auch gut vorstellen, dass es viele Studierende gibt, die viel aus ihren Vorlesungen und Seminaren gezogen haben.
Im letzten Kapitel appelliert hooks nochmal an unsere Selbstverantwortung: "Wenn wir uns entschließen, kritisch denkenden Menschen zu werden, treffen wir bereits eine Entscheidung, die uns in Opposition zu jedem Bildungssystem oder Kulturverständnis stellt, das uns zu passiven Empfänger*innen von Wissen machen will." Yes. Yes. Yes.
Und wie immer schließe ich meine hooks-Rezension mit folgendem Gedanken: Last hooks for now. Unless the Landeszentrale decides to stock another of her books—which will likely happen, lmao. I'm such a mess.