Mit einem an der Fotografie geschulten, unbestechlichen Blick, voller Hingabe, Witz und Traurigkeit erzählt Bettina Flitner die Geschichte einer innigen Geschwisterbeziehung: eine Kindheit der 70er Jahre, die Jahre auf der Montessorischule, die Erinnerung an die charismatischen Großeltern, darunter ein berühmter Reform - pädagoge, der Vater ein Kulturmanager und Exponent des linksliberalen Bildungsbürgertums der alten BRD, ein Jahr in New York, die Ferien auf Capri, die ersten Liebesabenteuer in der Pubertät. Und dann die Risse: die Überforderung der Kinder durch das Leben der Eltern im Zeichen sexueller Libertinage, die Flucht der Mutter in die Depression, die unerfüllbaren Berufserwartungen der Eltern an die Töchter. Bettina Flitners Buch ist ein bewundernswert mutiger Schritt, sich den Gespenstern der gemeinsamen Vergangenheit zu stellen, sich von diesen zu befreien und so den Tod geliebter Menschen verarbeiten zu können. Ein Buch über ein Thema, das für viele Menschen immer noch von Tabus und Schweigen besetzt ist.
Ein sehr gutes Buch! Aber auch ein trauriges Buch.
Bettina Flitzer erzählt die Geschichte ihrer Schwester, die (wie ihre Mutter) Selbstmord begeht. Bettina ist eine bekannte Fotografin und dieser Roman ist ihr Erstwerk.
Sehr schöne Sprache und ehrliche Beschreibungen ihrer Familie. Und da gab es viel zu erzählen...
Es ist eigentlich mehr Familienbiographie als ein Buch über "Meine Schwester". Sehr gut gefallen haben mir die Stellen in dem Depression damit beschrieben wird, dass die schwarzen Raben wieder da sind.
Insgesamt war es gut und zügig zu lesen. Nah gekommen ist mir die Schwester nicht.
Bettina Flitner ist nicht nur eine renommierte Fotografin. Spätestens mit ihrem autobiografischem Werk "Meine Schwester" zeigt sie auch ein vergleichbares schriftstellerisches Talent. Und dabei hat sie selbst die Messlatte durch ihre Bildwerke hoch gesetzt. Ich kann die Lektüre des Romans nur wärmstens empfehlen.
Im Jahr 2017 stirbt die Schwester der Autorin durch Suizid. In ihrem Werk verarbeitet Bettina Flitner diese Tragödie, indem sie uns, die Leser, teilhaben lässt an ihren Erinnerungen an die Schwester. Am Ende bleibt ein großes Fragezeichen, aber Erklärungen wären hier auch fehl am Platz. Denn es geht um die Leere, die ein Mensch hinterlässt, und die Erinnerungen.
Der Roman beginnt mit dem Tag, an dem die Autorin von dem Suizid ihrer Schwester erfährt, und er endet auch mit diesem Tag. Dazwischen nehmen wir in Rückblenden - durchgängig im Präsens erzählt - teil an Episoden aus ihrer Kindheit und Jugend in den sechziger und siebziger Jahren, auch an einigen Begegnungen der Schwestern im Erwachsenenalter.
Dabei werden Einblicke in das bundesrepublikanische Bildungsbürgertum der damaligen Zeit gegeben, aber quasi als Bonus, denn im Zentrum der Betrachtungen stehen die Beziehung der beiden Schwestern und der langsame Zerfall der Familie, der Familie von Bettina Flitner. Dieses so meisterhaft zu sezieren und vor der Leserschaft, also der Öffentlichkeit auszubreiten, erfordert wohl einiges an Mut. Da der Stoff aber meisterhaft dargeboten wird, verselbständigt sich das so geschaffene künstlerische Werk und kann die Distanz zur Wirklichkeit aufrecht erhalten.
Letztlich bleibt der Tod der Schwester eine nicht nachvollziehbare Entscheidung, je mehr sich die Autorin mit ihrer Leserschaft ihm auch annähert. Wir sind alle in unserer inneren Welt gefangen und können uns den Mitmenschen nur unvollkommen erklären. Der Roman von Bettina Flitner schafft vielfältigen Raum für eigene Reflexionen.
Ein Buch voller Trauer und Schmerz, über Depression und Suizid. Eine Geschichte über eine Familie, weniger über die Schwester als Alleinige, was ich teilweise etwas schade fand, teilweise aber auch zum großen und ganzen dazugehört.
Bettina Flitner erzählt in "Meine Schwester" die berührende Geschichte von ihrer Schwester und sich. Ausgangspunkt der Erzählung ist der Suizid ihrer erwachsenen Schwester. Zu diesem Zeitpunkt ist das Verhältnis mit Kontaktpausen geprägt, die Schwestern leben in unterschiedlichen Welten. Selbstzweifel und Depressionen beherrschten das Leben der Schwester. Das war aber nicht immer so. Die Autorin wechselt immer wieder die Zeitebenen und berichtet von der Kindheit. Das Aufwachsen der beiden Schwestern war geprägt durch ein schwieriges Familienverhältnis. Die Mutter depressiv und manisch, der Vater ist mal liebevoll, geht aber im System verloren und beginnt diverse Affären. Aber auch die Mutter lenkt sich mit anderen Männern ab. Was den beiden Schwestern in dieser Zeit Halt gibt sind sie selbst. Als Kinder bilden sie eine Symbiose, verstehen sich blind. Die Beziehung bekommt Risse als die Mädchen zu Frauen heranwachsen und sich mit den typischen Problemen auseinandersetzen müssen, mit denen sie großteils alleine gelassen werden.
Dieses Buch ist wundervoll. Es ist berührend und schmerzhaft. Die Beschreibung der Schwesternschaft in der Kindheit hat mich an meine eigene tolle Schwester erinnert. Umso dankbarer bin ich, dass sie auch heute an meiner Seite ist und wir, im Gegensatz zu den Schwestern im Buch, immer noch eine enge Verbindung haben. Dieses Buch ist mehr als nur eine Geschichte über zwei Schwestern. Dieses Buch ist eine Befreiung, denn nach einem Suizid gibt es verschiedene Gefühle, die Angehörigen haben. Darüber zu Schreiben ist eine Art der Verarbeitung und diesen Weg hat Bettina Flitner gewählt.
Mir hat das Buch gut gefallen und ich empfehle es euch gerne weiter.
Gut geschrieben, stimmte mich traurig und nachdenklich, nicht nur eine persönliche Familiengeschichte, sondern auch ein Sittenbild des Bildungsbürgertums der vergangenen Jahrzehnte. Eine persönliche Aufarbeitung
Zuerst fand ich das betulich. Aber dann wurde ich von dieser Familiengeschichte eingefangen. Der eigene Familienroman läuft beim Lesen im Kopf mit. So ungewöhnlich wie viele andere Familien auch, so anders wie nur diese Familie. Ich fand das Buch sehr bewegend.
Es beginnt mit einem Anruf: Bettinas Schwester hat sich umgebracht, mit 57 Jahren. Und so nimmt uns Bettina mit in die gemeinsame Kindheit, die geprägt ist von Spannungen zwischen den Eltern, mehreren Umzügen, der Depression der Mutter (die sich schließlich umbringt und nur 47 Jahre alt wird) und der langsamen Entfremdung zwischen den unterschiedlichen, einst so engen Schwestern Bettina und Susanne.
"Meine Schwester" ist die traurige autobiografische Geschichte einer bildungsbürgerlichen Familie, in der keiner so wirklich glücklich ist und die über die Jahre hinweg Stück für Stück auseinanderfällt. Bettina Flitner schreibt ruhig, unaufgeregt und aufgeräumt und schafft es dabei, ohne Schuldzuweisungen auszukommen.
Schön zu lesen sind Formulierungen wie "hochmütige Bescheidenheit", mit der die Großmutter den zwei Schwestern von der Urgroßtante erzählt, welche die Geliebte Victor Hugos war. (Ja, solche Fun Facts gibt es auch!) Zugleich ist "Meine Schwester" eine interessante Repräsentation der bildungsbürgerlichen Gesellschaft in den 60er, 70er und 80er Jahren und gibt u.a. Aufschluss über das unter Männern herrschende Frauenbild.
Ein bisschen enttäuscht war ich vom Lektorat – die Handvoll "das"/"dass"-Grammatikfehler hätten wirklich nicht sein müssen.
Übrigens: Wer die Autorin ist, wusste ich vor der Lektüre nicht – und dass hinter "Alice", Bettinas Partnerin, Alice Walker steckt, habe ich erst anhand anderer Rezensionen verstanden.
Habs in der Onleihe gehabt und musste es dann relativ schnell zurückgeben, weil ich nicht direkt zum Hören gekommen bin. Dann hab ich rausgefunden, dass es von der Frau von Alice Schwarzer ist und die Lust verloren. Fands aber bis zu dem Punkt auch nicht außergewöhnlich.
„Wir waren zu zweit durch diese Wüste gegangen, meine Schwester und ich. Zu zweit gewandert durch diese erschöpfende Weite. Zu Beginn war der Winkel zwischen unseren Wegen kaum sichtbar, kaum messbar gewesen. Aber er wurde doch größer mit jedem Schritt. Mit jedem Schritt entfernten wir uns mehr voneinander. Meine Schwester wählte die Liebe, ich die Achtung“. (S. 176/177)
Abends um 20 Uhr kam der Anruf: Susanne, ihre große Schwester ist tot, sie hat sich im Badezimmer erhängt. Wie kann das sein? Sie hatten sich doch damals, nach dem Freitod der Mutter geschworen, dem anderen Bescheid zu geben, sollte sich irgendwann auch mal einer von ihnen umbringen wollen. Vielleicht hatte Susanne auch Bescheid gegeben? Tinas Telefon hatte ja zuvor geklingelt und sie hatte auch den Namen ihrer Schwester auf dem Display gesehen - nur angenommen hatte sie den Anruf nicht. Sie hatte keine Zeit für ihre Schwester - für ein Gespräch das wieder mindestens eine Stunde über ihre Ängste und Depressionen dauern würde. Und jetzt war es zu spät.
In Rückblicken erfahren wir die Familiengeschichte der Autorin. Lernen ihre Eltern kennen, die es mit der Aufsichtspflicht nicht immer so ganz genau nehmen und deren Affären wichtiger sind, als den Mädchen ein Abendessen zu kochen. Treffen die Großeltern, die aus ihren zugewiesenen Rollen der 70er-Jahre nicht ausbrechen können und bei denen man sich entscheiden muss, ob man Liebe oder Achtung bekommen möchte. Doch die Mädchen halten zusammen und sind ein Team, bis sich irgendwas ändert.
Die autobiografische Geschichte von Bettina Flitner hat mich sehr berührt. Ich habe das Buch in 1½ Tagen gelesen und konnte es kaum zur Seite legen. Wunderschöne Sätze haben mich durch diese traurige Geschichte getragen, den Vergleich mit den Raben während der Depressionsschübe der Mutter fand ich wunderschön. Diverse Male hatte ich Flashbacks - zu schön sind diese kleinen Beschreibungen von Süßigkeiten, Zeitschriften und den typischen Lebenssituationen in den 70er-Jahren.
Fazit: Ein faszinierendes Buch, das man gelesen haben muss. Traurig und wunderschön. 5/ 5
Bettina Flitner portraitiert in diesem Buch sachlich und überhaupt nicht wertend ihre Familie. Die Mutter, den Vater, die Grosseltern und die Schwester. Das Gesamtbild zeigt sehr gut, woher der Wind weht und wieso die Eltern als auch die Kinder so geworden sind, wie sie nun einmal sind. Depressionen, Ängste, der Fokus auf Leistung und Schönheitswahn wiederholen sich über die Generationen. Die Autorin beschreibt es wie folgt: „Ich sehe auf einmal deutlich, dass wir das quälende Spiel unserer Eltern weiterführen. Wir haben uns darin verfangen, ohne es zu merken.“
Die Mutter und die Schwester werden vom selben Psychologen betreut. Angelpunkt der Geschichte sind der Selbstmord der Mutter als auch der Schwester. Dabei gelingt es der Autorin sehr gut, den Charakter ihrer Schwester einzufangen. Sie beschreibt ihre Stärke, Dreistigkeit und Unabhängigkeit, aber auch ihre Unsicherheit und Verzagtheit. Beides in ihr kann nur nebeneinander existieren, die Angst und der Mut, die Trauer und die Freude. Dabei ist die Ambivalenz zwischen den Schwestern je länger je mehr immer spürbarer. Und dann ist die Schwester auf einmal nicht mehr da. Ein Fragenkarrussel beginnt. Warum bin ich noch da, und die andere Person nicht? Wann war das letzte Mal, als ich sie gesprochen habe? Wann habe ich sie zuletzt gesehen? War sie schon da anders? Hätte man etwas anders machen können?
Ich weiss gar nicht, wo ich dieses Buch her habe. Ich glaube, dass es ein Geschenk meiner Tante war. Normalerweise haette mich die Story nicht angeregt, und ich haette dieses Buch selbst wohl nie gekauft. Aber es war eine Geschichte, die mir unter die Haut ging. Sehr sogar. Anfangs hatte ich mit dem etwas nuechternen, wenig prosaischen Schreibstil gehadert, doch das wurde im Laufe des Buches immer besser und die Geschichte - Einblicke in die Kindheit und Jugend zweier Schwestern in den 1960er und 70er Jahren in einer linksliberalen, deutschen Bildungsbuergertumsfamile - wo es muetterlicherseits ueber Generationen Depressionsprobleme gab - war absolut packend. Vor allem die Einblicke, die zu den Selbstmorden der Mutter und Schwester fuehrten waren … schwer, die richtigen Worte zu finden. Gaensehautmomente? Einblicke, die mich gruebeln lassen? Die mir Tueren zu Raeumen oeffneten, von denen ich gar nicht wusste, dass sie existieren? Ich kann “Meine Schwestern” wirklich weiterempfehlen.
Autofiktion, Memoir, Trauerarbeit? Ein Buch, das berührt. Es geht um den Tod der Schwester durch Suizid, es geht um die Eltern, deren Ehe zerbricht und immer wieder um den Schatten der Depression. Eine Scheißkrankheit, wie es an einer Stelle heißt. Es hat mir geholfen, besser zu verstehen was eine Depression ist und wie es sich anfühlt. Die Familie wird distanziert beschrieben, besonders eindrucksvoll die 'großen Pädagogen' im Hintergrund, die Großeltern. Eine schrecklich repressive Atmosphäre, die sicher nicht dazu beigetragen hat die Depressionen in der Familie zu bekämpfen.
Für mich eines der besten Bücher, das ich dieses Jahr lesen durfte. Es ist ein schmaler Grad zwischen düster und hell, schön und traurig, verständnisvoll und verständnislos. Ich konnte die Geschichte richtig fühlen und die Geschichte hat mich zu keinem Punkt losgelassen. Die Inhalte wirken mit Gefühlen von Trauer und Demut nach.
Bettina Flitner, Lebensgefährtin von Alice Schwarzer, schreibt über sich und die langjährige Beziehung zu ihrer Schwester. Die Schwester hattte lebenslang mit Depressionen zu kämpfen und beging mit knapp 60 Jahren Selbstmord.
Ich habe geweint, ich habe gelacht und alles andere dazwischen. Bettina Flitner schafft es uns so mitzunehmen, dass man die Sonne von Capri spürt, die Gerüche von Jerusalem erkennt und die tiefe Gewischterliebe auf einmal versteht.
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In diesem Buch steckt so viel: liebevolle Erinnerungen, Trauer, feministische familiäre Beobachtungen, spannende Anekdoten aus dem Bildungsbürgertum. Toll geschrieben.