Dieses Buch wird dem Thema und den dargestellten Personen nicht gerecht. Der Buchtitel bezeichnet eher die Arbeitsweise und die damit verbundene Gewissenhaftigkeit des Autors, als die im Buch skizzierte Forschung.
Dem Buch lag ein Zettel bei, in dem zwei fehlende Absätze abgedruckt waren, sowie eine Entschuldigung für diesen Missstand. Tatsächlich werden viel häufiger Sätze nicht zuende gebracht, so dass man zwischen den Gedanken des Autors springt. Hätten sich der Autor und/oder das Lektorat mehr Zeit gegeben, wären die Texte sicherlich besser lesbar. So färbt leider die fehlende Sorgfalt des Autors die Inhalte des Buches. Ironischerweise wird versucht, die Wissenschaftler als sehr gewissenhafte und exakt arbeitende Menschen darzustellen, die beinahe unmenschlich fehlerlos zu sein scheinen. Man muss das als ein überzogenes Bild annehmen, das der Autor gerne in die Köpfe der Leser einpflanzen will.
Die wissenschaftlichen Inhalte sind sehr oberflächlich und stark vereinfacht dargestellt. An ein paar Stellen auch falsch oder zumindest irreführend. Analogien werden falsch eingesetzt und sprachlich schlecht unterfüttert ("[...] im mikroskopischen Bereich [...] um Haaresbreite" - der Virus hat einen Durchmesser von etwa 140 nm und eine Haaresbreite entspricht in dem Kontext einer optischen Verkleinerung statt einer Vergrößerung). Natürlich kann man dem Leser keinen naturwissenschaftlichen oder lebenswissenschaftlichen Fachtext zumuten, aber man kann diese Inhalte korrekt und ansprechend vermitteln, statt ewig in schlechten Analogien zu elaborieren.
Die beiden BioNTech-Gründer werden sehr distanziert, kühl, minimalistisch und gewissenhaft dargestellt. Vor allem der familiäre Einblick wirkt inszeniert, ist aber für den Leser auch nicht überprüfbar. Solche Einblicke könnten Nähe zum Leser aufbauen, stattdessen hat man das Gefühl, Ausschnitte aus einer Autobiographie zu lesen, die allein aus PR-Gründen geschrieben wurde. Ich kann mir vorstellen dass die Gründer herzensgute, gewissenhafte Menschen sind - und sie haben Großes geleistet, aber eben auch nicht allein. Ihre Erfolge in der mRNA-Forschung wären ohne den Vorlauf unzähliger Wissenschaftler in dem Gebiet nicht möglich gewesen. Der BioNTech-Erfolg ist gewiss nicht vom Himmel gefallen. So sehr wie sie wissenschaftlich engagiert sind, so sehr haben sie auch ein wirtschaftliches Interesse, dass sie Absatz-Chancen erkennen lässt. Daran ist nichts schlechtes, aber so altruistisch die Darstellung im Buch ist, können die Gründer dem nicht gerecht werden.
Weiterhin wird die mRNA so dargestellt, als hätte man sie praktisch vor dem wissenschaftlichen Engagement der Gründer vernachlässigt oder nicht ernstgenommen. Das stimmt schlichtweg nicht. Das Feld der Genetik ist so unheimlich komplex, dass man einfach nur vorsichtig mit Prognosen und Deutungen ist. Das ist gute wissenschaftliche Arbeitsweise. Ein Potential in der mRNA nicht zu erkennen, heißt, dass man nicht alle Informationen zu dem Zeitpunkt hatte oder nicht zu kombinieren wusste. Offenbar haben die Gründer von BioNTech da ihren Heureka-Moment gehabt, der ihnen zu gönnen ist.
Last but not least: Ein solches Thema lässt man besser von einem SciComm-Autor aus der Naturwissenschaft, idealerweise den Lebenswissenschaften, in Buchform aufarbeiten. Ein Financial-Times-Journalist taugt hierfür leider nicht. Aber: Die wirtschaftlichen Zusammenhänge scheint Joe Miller bestens recherchiert und gut aufgearbeitet zu haben, sofern ich das beurteilen kann.
Im Thema lag Potential, das einfach nur für die Relevanz in diesen Tagen schnell verheizt wurde um Kasse im Buchhandel zu machen. Eine Retrospektive in drei oder vier Jahren liest sich sicherlich besser.