Nachdem ich von Ellen Sandbergs vorletzten Roman „Das Erbe“ fast schon ein wenig enttäuscht war, so hat sich die Autorin mit „Die Schweigende“ selbst übertroffen. Ich kann es kaum erwarten, was neues von ihr in den Händen zu halten – egal ob unter Inge Löhnig oder ihrem Pseudonym Ellen Sandberg veröffentlicht.
Ellen Sandberg erzählt uns in „Die Schweigende“ die Geschichte der Familie Remy, allen voran die Geschichte von Karin und ihren drei erwachsenen Töchter Anne, Imke und Geli, die sich nach dem plötzlichen Tod von ihrem Ehemann bzw. Vater Jens neu zusammenraufen müssen. Erschwerend hinzu kommt die Aufgabe, die Jens kurz vor seinem Tod seiner Tochter Imke, übertragen hat: Sie soll Peter suchen, von dem sie noch nie gehört hat. Sie stößt dabei auf ein Familiengeheimnis, dass als Leser kaum zu ertragen ist und das vieles erklärt, was im Leben von Karin, in ihrer Ehe und in ihrer Beziehung zu ihren Töchtern nicht gut gelaufen ist.
Das Buch ist auf zwei Zeitebenen erzählt, doch wer jetzt eine Wohlfühlgeschichte im Stil einer Lucinda Riley o.ä. erwartet, hat noch nie ein Buch von Ellen Sandberg gelesen. Denn dann wüsste man, dass es zumindest in dreien der vier Ellen-Sandberg-Romane um unfassbar grausame und ungerechte Zeiten in der deutschen Geschichte geht. Ich hatte während der kompletten 518 Seiten einen dicken, fetten Kloß im Hals, musste mehr als einmal mit den Tränen kämpfen und das quasi auf Seite 1 an, startet mit dem Tod von Jens Remy, den wir zwar eigentlich nicht wirklich kennenlernen dürfen, wo aber von Anfang an klar ist, wie groß, wie unüberbrückbar sie Lücke ist, die sein Tod in das Leben seiner Familie gerissen hat.
Hauptfigur in diesem Roman ist Karin, die wir in den Vergangenheitsabschnitten als Jugendliche in den 50er Jahren kennenlernen. Karin, „der es nie gelungen war, über ihren Schatten zu springen und ihre Töchter fest in den Arm zu nehmen, sie zu knuddeln und zu kitzeln, bis sie kreischten, ihnen übers Haar zu streicheln, sie zu küssen und zu liebküssen, ihnen zu sagen, wie sehr sie sie liebte, wie wunderbar sie waren.“ Karin, „die manchmal Sprüche losließ, die einen schaudern machten. Sie wie damals, dachte Geli, als ihre Schulfreundin Monika im Alter von 16 Jahren im Wäldchen hinter der Schule vergewaltigt und ermordet worden war und die ganze Schule unter Schock stand. Der ganze Ort. Und was sagte Karin? „Manchmal ist es vielleicht besser tot zu sein.““ Karin, „von der es keine lustigen oder traurigen Geschichten, keine Anekdoten gab, wie ihr Mann sie von seiner Kindheit erzählt hat.“ Und dabei gab es diese Geschichten, sie wurden nur nie erzählt, denn was sie erlebt hat, war schon allein als Leser kaum zu ertragen oder zu verdauen und hatte nicht nur Auswirkungen auf Karins eigenes Leben sondern auch auf das ihrer Töchter. Und dabei war ihr Leben zunächst ein hoffnungsvolles, gutes Leben bei ihrer alleinerziehenden Mutter nach dem Krieg. Nur sieht man das als 15-16 jähriger Teenager nicht immer ein, das hat sich bis heute nicht geändert.
Wie nicht anders zu erwarten besticht Ellen Sandberg auch hier mit ihrem grandiosen Erzähltalent, eine guten, unkomplizierten Sprache aber so vielen gewaltigen Bildern, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte und über 300 Seiten an einem gemütlichen Sonntag weggesuchtet habe. Man fühlt mit den Figuren mit, man riecht den Himbeergeruch, den ich an sich so liebe, aber gegen den ich zusammen mit Karin einen absoluten Widerwillen verspürt habe, der mir einen Brechreiz verschafft hat. Auch der Flair der 50er Jahre kommt super rüber, zumindest zu der Zeit in Karins Jugend, als sie mir ihrer Clique rumhängt und der neuen Musik aus dem Kofferadio lauscht. Die Zeit in der es nach dem schrecklichen Krieg langsam wieder Bergauf geht. Das hat die Autorin in meinen Augen alles ganz wunderbar gemacht. Nur einen kleinen Kritikpunkt habe ich und das die etwas zu überspitzte Charakterisierung der einen Tochter, die in meinen Augen echt überzeichnet war. Doch das hat Ellen Sandberg gekonnt mit eine ganz wundervollen Liebesgeschichte wett gemacht, der Liebe zwischen Karin und Jens, die zwar nur im Hintergrund lief aber dafür umso wichtiger, vor allem für Karin und ihr Leben war.
„Die Schweigende“ ist ein ganz wundervoller Roman, wenn auch mit einem schwer zu verdauenden Thema. Ein Buch voll von Ungerechtigkeiten und körperlichen und verbalen Grausamkeiten, aber auch ein Buch mit tollen Figuren, die man versteht, mit denen man mitleidet und die man nie vergessen wird.