Bahn brechender Roman oder hochmoralische Wixvorlage?
5 Sterne für den Erkenntnisgewinn, der vermeintliche Liebesroman ist nicht nur eines der wirkungsmächtigsten Bücher des 18. Jahrhunderts, Tugendterror und damit verbundene Manipulationsmechanismen sind immer noch ein ziemlich virulentes Phänomen. Rousseau nimmt nicht umsonst eine prominente Rolle in der Genese des Poststrukturalismus und unserem postfaktischen Zeitalter ein. Die Lektüre einer Übersicht auf Wikipedia oder in einer Geschichte der französischen Literatur vermittelt nicht den Hauch einer Ahnung, was so alles in diese Liebesgeschichte eingewickelt ist.
Die ziemlich verschwurblete Schmonzette hätte mich wirklich nicht dazu bewegen können, mir die härteste Zumutung dieses Lesejahres anzutun. Allerdings war ich durch den Umstand angespitzt, dass Napoleon auf Sankt Helena beim Zusammentreffen mit seinen Getreuen nur öfter aus der Bibel vorlas und Kant, als Reaktion auf die Lektüre, seine Philosophie von Grund auf neu aufstellte. Alle beide keine Sentimentaliker, schon gar nicht als reife Männer, die längst ganz andere Welten erobert hatten. Den Ausgangspunkt von Kants Pflichtethik, die auf ziemlich deutsche oder preussische Weise weiterentwickelt wurde, lässt sich hier finden. Weniger in der Geschichte junger Liebender, aber bei der Schilderung des Musterhaushalts der mittlerweile an einen älteren Mann verheirateten Julie, der auf Goethes Spätwerk oder Stifters Nachsommer vorausweist, in dem die Mutter der Tochter nur die Bekenntnisse einer schönen Seele zu lesen gibt, die Unmoral der Theaterkapitel von Wilhelm Meisters Lehrjahren aber wohlweislich ausspart. Eine ländliche Politeia mit christlich-protestantischem Hintergrund.
Wilhelm Meister ist zugleich eine tödliche Vergleichsgröße, denn die pietistischen Bekenntnisse sind ein Einschub, der nicht mal ein Achtels des Romans ausmacht, Julie ist selbst als junges Mädchen eine schreckliche Tugendgans, auch wenn sie sich von St. Preux' Glut zu einer echten Liebesnacht hinreißen lässt, die sie den Rest ihres Lebens bereut, aller Liebe zum Trotz.
Worauf ich eigentlich hinaus wollte: Julie ist länger als Wilhelm Meisters Lehrjahre und besteht nur aus Bekenntnissen von schönen Seelen, gegenseitigen Ermahnungen zu mehr Tugend oder allerlei Definitionsdebatten, die sich über 800 Seiten hinziehen. Auch ein paar maßlosen Selbstmordphantasien von St. Preux als Julie, nach dem Tod ihrer Mutter, dem Vater nicht noch mehr Leid zufügen will und ihrer Kindespflicht folgt und den Wunschkandidaten ihres alten Herren heiratet. Denn Herr von Wolmar hat im Krieg ihrem Vater das Leben gerettet. Der ganze Roman besteht aus Abwägungen, welche Instanz bei Konflikten die älteren oder besser begründeten Rechte geltend machen kann.
St. Preux wird die Vorfahrt durch einen älteren Mann genommen, der bei den Eltern einen besseren Stand hat und über mehr Lebenserfahrung verfügt. Eine nur zu bekannte Konstellation, auch Albert lässt als Lottes Verlobter ihren Verehrer immer mal wieder als ziemlich unreif dastehen?
Ist Rousseaus Roman ein Vorläufer oder gar die Anregung zum Werther? Jein, erstens weil bei Goethe ein tieferer persönlicher Erfahrungskern dazu kommt, ganz zu schweigen vom literarischen Talent. im Vergleich zu den naturtrunkenen Briefen des später vom Leben enttäuschten Schwärmers wirken Rousseaus Schilderungen des Alpenlandes, auch wenn sie seinerzeit einen Tourismusboom in die Alpen losgetreten haben, wie die Malereien eines Grundschülers.
Auch wenn Rousseau die mystischen Götter und Helden des Barock durch alltägliche Menschen ersetzt hat, liefert er schier endlose Opera seria-Arien in Prosa. Mehrere Briefe, in denen allenfalls ein paar schwache Echos der Zusammenkünfte nachhallen fordern mehr eine Stunde Lesezeit.
Goethe liefert mit dem Ball und Klopstock-Kurzschluss beim Gewitter ein unmittelbares Erlebnis, das die Verliebtheit rechtfertigt.
Rousseaus Poetik
Vergleiche mit Nachfolgern, die über weiter entwickelte Stilmittel verfügen, sind immer schwierig.
Um ein Beispiel aus der klassischen Musik zu nehmen: Mozart konnte viel, schrieb aber kein einziges Scherzo, da der dritte Satz der Sinfonie zu seiner Zeit noch ein Menuett war. Die Londoner Sinfonien des älteren Haydn bilden die nächste Entwicklungsstufe und klingen wie das Bindeglied zu Beethoven, aber diese entstanden war Mozart schon ein paar Jahre tot und aus dem Geschäft.
Goethe, so sehr er auch zeitlebens Rousseau verpflichtet bleibt, lässt mehr Erfahrung und weniger Ideal einfließen, auch wenn er sich als Romancier den klassischen Antagonisten oder Bösewicht ebenso erspart wie Rousseau. Julie ist bewusst frei von Schurken gehalten, weil sein Autor keinerlei kreative Säfte auf die Erfindung eines solchen verschwenden, geschweige denn das Risiko eingehen wollte, sich mit negativen Kräften abgeben wollte. Statt dessen hat er ein manipulatives Monster geschaffen, bzw. einen ganzen Haushalt um diese Person gruppiert, in dem alle Mitglieder und Dienstboten zu ihrem Besten motiviert und zu einem besseren Menschen umgeschaffen werden.
Wer nicht dem System folgt, wird gleich wieder entlassen, ein Beispiel: Niemand wird beim geselligen Sonntagsumtrunk zur Mäßigung ermahnt, aber wenn ein Diener oder eine Magd dabei das rechte Maß verliert, wird die betreffende Person am nächsten Morgen verabschiedet.
Es gibt auch ein umfangreiches Loblied von St. Preux auf Julies Kindermanipulationskünste, tausend Tricks, wie man Kinder dazu bringt, nicht zu quengeln, das Urteil der Eltern als Naturgesetz zu betrachten oder sich, gemäß den eigenen Anlagen zu entwickeln. Den eigenen Anlagen, die ihre Eltern vorher diagnostiziert haben. So schlau sich auch manches liest, kindliche Gegenlist oder Heuchelei sind in dieser heilen Welt kein Thema. Aber so ein Erziehungsratgeber
fand damals wohl auch seine Leser. Die Liebesgeschichte allein erklärt nicht den Erfolg, der sogar stündliche Ausleihen nötig oder möglich machte. Denn es gibt nicht den Hauch eines Spannungsbogens.
Statt dessen lauern hinter den Kulissen so allerlei verbotene Inhalte jenseits der Zensurgrenze. Kritik am höfischen Leben, dem verknöcherten Theaterwesen in Paris, der großstädtischen Gesellschaft und ihren Wendehälsen, allerlei Staatsphilosophie und Kritik an gewissen religiösen Phänomenen wie dem Mystizismus einer Madame Guyon. Die Urmutter des Pietismus kriegt auch ihr Fett ab, um Julies lebenspraktisches Christentum um so höher zu preisen.
Das Nachwort zu meienr Übersetzung von Anno 1860 geht ziemlich kritisch mit der fast schon pathologischen Frömmigkeit der Titelheldin und der damit einher gehenden Scheinlogik um, auch mit ihren manipulativen Strategien und einem gewissen Anteil an Selbstbelügung. Insofern hat sich Rousseau in seiner hochmoralischen Wixvorlage (Der erotische Auslöser wird in den Bekenntnissen enthüllt) wohl doch selbst einen Streich gespielt, wenn man ihm schon vor dem Durchbruch von Psychologie und anderen Schlüsseln zum Hintereingang auf die Schliche kommen konnte. Aber gerade die unfreiwillige Entlarvung frommer Selbstbelügungstechniken macht Julie zum schwer erträglichen Meisterwerk.
Finale Urteilsbegründung:
Literarische Monster provozieren extreme Bewertungen, entweder man klopft sich für Mann ohne Eigenschaften und Co mit fünf Sternen selbst auf die Schulter, wenn man besagte literarische Eiger-Nordwand hinter sich hat. Oder verfällt, früher oder etwas später, ins andere Extrem.
Ich kann jeden verstehen, der nach 50 Seiten oder weniger mit einem Stern abbricht. Für heutige Lesegewohnheiten ist der revolutionäre Bestseller durch die HIntertür eine Zumutung, die sich niemand antun sollte, der nicht gewisse Erkenntnisinteressen hat. Bei mir waren der seltsame Bestsellerstatus, sowie die rätselhafte Wertschätzung von Kant und Napoleon die Auslöser. Rein literarisch und auch sonst sind die Bekenntnisse, in denen auch die Umstände der Entstehung beschrieben werden, das weit bessere Buch. Gerade die Jugendzeit des späteren Moralpredigers ist auch erotisch nicht ganz uninteressant. Die Frau, die den jungen Rousseau ausgebeutet oder mit einer Trostnummer ruhig gestellt hat, ist in vieler Hinsicht das exakte Gegenteil von Julie, auch in Sachen ruinöse Haushaltsführung. Insofern steckt im Ideal auch viel Reaktion auf die eigene Biographie.
Die Einsichten in die Einflüsse auf Goethe und seine literarischen Nachfahren bis Stifter oder die radikalen Gegenentwürfe von Choderlos Laclos und Marquis de Sade waren ein ganz enormer Bonus. Ich kann viele Klassiker jetzt anders schätzen oder bin schon scharf auf den nächsten Durchgang. Die fünf Sterne gibt es für den Erkenntnisgewinn und die Nachwirkungen.
Sogar den einst als Gipfel der Langeweile abqualifizierten Nachsommer schätze ich jetzt irgendwie mehr, obwohl eine Wiederlesen mit Rousseaus Bekenntnissen deutlich wahrscheinlicher ist. Alles in allem bleibt Julie eine hochmoralische Wixvorlage, die überhaupt nicht meine Fetische anspricht, sondern eher eine Gegendyspotie motivieren würde. Aber erst mal Gefähliche Liebschaften lesen, so lange mich Julie noch so richtig nervt.