Der Untertitel dieses ersten Bandes der sehr umfangreichen „Geschichte des Westens“ des Historikers Heinrich August Winkler ist in gewisser Hinsicht eine Mogelpackung, handelt es sich doch weniger um eine Geschichte „Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert“ als um eine 900 Seiten lange Analyse der Zeit zwischen 1789 und 1914 mit einem rund 300 Seiten langen Was-zuvor-Geschah-Prolog.
Ich gebe es zu, vor der Lektüre, als ich bei einem Blick ins Inhaltsverzeichnis entdeckt habe dass beispielsweise ein für die Westliche Geschichte doch so zentrales Ereignis wie der Dreißigjährige Krieg auf lediglich sieben Seiten abgehandelt wird, während die Darstellung der Zeit von der Französischen Revolution bis zum Ende von Napoleon – ein wesentlich kürzerer Zeitabschnitt – deutlich mehr als hundert Seiten in Anspruch nimmt, war ich etwas skeptisch. Von dieser Skepsis ist nach Beendigung des Buches aber nichts mehr übrig geblieben und ich bin jetzt vom gewählten Konzept vollkommen überzeugt.
Das hat mehrere Gründe. Zunächst einmal einen rein praktischen, hätte Winkler für die mehr als zweitausend Jahre vor 1789 den gleichen Detailgrad bei der Darstellung gewählt wie für die Zeit danach wäre das Buch geschätzte 5000 Seiten lang geworden, und das hätte nun wirklich jeden Rahmen gesprengt. Außerdem sind die ersten 300 Seiten nicht ansatzweise so oberflächlich wie man vermuten könnte. Ganz im Gegenteil. So präzise und erhellend habe ich noch nie über die Entstehung dessen was man heute gemeinhin den „Westen“ nennt gelesen. Der Autor hält sich hier mit dem Klein-Klein der Geschichte und den unzähligen politischen Verwicklungen in den diversen Ländern und Regionen nur insoweit auf als dass es für das Verständnis des Gesamtzusammenhangs des Verlaufs der weiteren Geschichte erforderlich ist. Stattdessen konzentriert er sich darauf die Ursprünge und die Entwicklung der westlichen Idee in Religion, Philosophie, Soziologie und diversen anderen Feldern herauszuarbeiten.
Und sobald man sich diese Grundlagen „erarbeitet“ hat, folgt ein überaus faszinierender Gang durch das vielbeschworene lange Neunzehnte Jahrhundert, der an Tiefgründigkeit und analytischer Komplexität nur schwer zu übertreffen sein dürfte. Das alles ist flüssig geschrieben und über weite Strecken sogar regelrecht spannend. Vollkommen leicht liest sich das natürlich trotzdem nicht immer, das wäre auch nur durch eine nicht wünschenswerte starke Vereinfachung der ausgesprochen vielgestaltigen Vorgänge zu erreichen gewesen, aber die Konzentration die man in manchen Phasen durchaus aufbringen muss lohnt sich unbedingt.
Für mich ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung das ich jedem der sich auch nur ansatzweise für die Thematik interessiert nur dringend ans Herz legen kann. Ich jedenfalls werde mir schon sehr bald den zweiten Band vornehmen.