Rebellische Frauen ist eine Graphic Novel, die es zur Zeit kostenlos über die Landeszentrale für politische Bildung Berlin gibt – das ist ehrlicherweise auch der einzige Grund, warum ich sie mir geholt und dann gelesen habe. Ich gebe nur noch selten Geld für Graphic Novels aus und wenn, bin ich sehr wählerisch. Rebellische Frauen wäre allein schon aufgrund ihrer Rahmenbedingungen durchs Raster gefallen: 150 Jahre Geschichte der Frauenbewegung auf knapp 120 Seiten Graphic Novel? Nein, danke. Ist ja klar, dass da jede Menge fehlen wird und es nur eine sehr, sehr oberflächliche Übersicht sein kann. Da ich die Graphic Novel so aber kostenlos bekam, habe ich sie natürlich mitgenommen & kann jetzt ein bisschen hier für euch abranten. Denn das, was diese Graphic Novel fabriziert, ist mir schon lange nicht mehr untergekommen. It completely misses its mark.
In der Beschreibung des Verlags steht folgendes über diese Graphic Novel: "Hier werden engagiert, leichtfüßig und pointiert die Geschichten all der furchtlosen Frauen erzählt, die seit über 150 Jahren und bis heute leidenschaftlich für die Rechte der Frauen auf der ganzen Welt kämpfen: Für das Recht, zu wählen. Für das Recht über den eigenen Körper zu bestimmen. Für das Recht, zu leben wie, und zu lieben, wen man will. Und für wirtschaftliche Unabhängigkeit, für Bildung und Beruf. Marta Breen, in ihrer Heimat Norwegen einer der profiliertesten Feministinnen und Jenny Jordahl, preisgekrönte Illustratorin geben mit befreiendem Humor und erfrischenden Illustrationen einen neuen Blick auf Frauen wie Rosa Luxemburg, Emmeline Pankhurst, Sojourner Truth, Margaret Sanger und Malala Yousafzai, u.v.m. Eine kraftvolle Hommage an den Mut und den Willen der Frauen, die für ihre Rechte kämpfen und gekämpft haben. Und ein Appell dafür, weiterhin zu kämpfen!"
Dem kann ich so leider nicht zustimmen. Diese Graphic Novel fokussiert sich fast ausschließlich auf weiße Frauen. Bis auf 2-3 afro-amerikanische und ein paar muslimische Aktivistinnen kommen Frauen of Color so gut wie gar nicht vor. Zudem erzählt die Graphic Novel fast ausschließlich die Geschichte der Frauenbewegung in den USA, Großbritannien und einigen Teilen Europas. Der afrikanische und südamerikanische Kontinent und Ozeanien werden komplett ausgelassen, der asiatische Kontinent wird auf wenige Verweise auf Iran, Afghanistan und Pakistan reduziert. Es ist ein absoluter Witz.
Und auch wenn die fehlende Intersektionalität an sich schon ein Ausschlusskriterium wäre, hört es da leider nicht auf. An den Stellen, an denen auf die Kämpfe von Frauen of Color eingegangen wird, zeigt sich die absolute Ignoranz und der unbewusste Rassismus der beiden weißen Autorinnen. Besonders sauer aufgestoßen ist mir das erste Kapitel, in dem der Sezessionskrieg in den USA behandelt wird. Nicht nur, dass mehr weiße als Schwarze Frauen in dem Kapitel hervorgehoben werden (die einzigen Schwarzen Frauen, auf die in diesem Kontext überhaupt eingegangen wird, sind Harriet Tubman und Sojourner Truth), nein, die Autorin stellt auch das Leid weißer Frauen mit dem von versklavten Menschen (im Text: "Sklaven") gleich und behauptet, dass es zwischen diesen beiden Gruppen eine "natürliche Verbindung" gegeben hätte. Es ist einfach so unterkomplex und revisionistisch. Zu keinem einzigen Zeitpunkt wird auf den anti-Schwarzen Rassismus eingegangen, den weiße Frauen perpetuiert und von dem weiße Frauen profitiert haben.
Das Kapitel findet seinen Höhepunkt der Schande in einem Panel, in dem Präsident Lincoln die Hände der weißen Autorin Harriet Beecher Stowe ("Onkel Toms Hütte") schüttelt und sagt: "Sie sind also das kleine Fräulein hinter dem großen Krieg?" und Stowe ihr Buch in die Höhe streckt und jubelt: "Gewonnen!" Excuse me??? Was für eine Scheiße ist das bitte? Was möchte uns Marta Breen damit sagen? Dass wir es Stowe und ihrem Scheiß-Roman zu verdanken, dass der Amerikanische Bürgerkrieg ausgebrochen ist und die Versklavung von Menschen in den USA abgeschafft wurde??? What the hell?? Und was heißt denn hier "Gewonnen"??? Das klingt ja fast so, als wäre ab 1865 das Problem von Rassismus in den USA gelöst worden. Leider ist es genau das, was die Autorin dann auch im nächsten Panel insinuiert, als sie beklagt, dass nun Schwarze Männer wählen durften, Frauen dieses Recht jedoch verwehrt blieb. Hierbei wird völlig außer Acht gelassen, dass Schwarze Wähler systematisch vom Wählen abgehalten wurden (und bis heute werden), durch Wahlsteuern, Alphabetisierungstests, Betrug, Einschüchterung und, worst of all, Inhaftierung. Die Autorin ist einfach so krass ignorant und es tut einfach nur weh.
In dem Kontext möchte ich auch nochmal hervorheben, dass ich die Wortwahl (womöglich der Übersetzung geschuldet, but I doubt it) teilweise sehr schwierig finde. Ich habe große Probleme mit dem Wort "Sklave" und bevorzuge in den meisten Kontexten "Versklavter" oder "versklavte Person", weil es den "Versklaver" mit in die Verantwortung rückt und zeigt, dass die Versklavung ein Vorgang ist, den man Menschen aufgezwungen hat, und nicht etwas, was ihnen inherent ist. Anyways, ich verstehe aber, dass der andere Begriff geläufiger ist. Trotzdem finde ich dann einen Satz wie "Eine Frau war unmündig – genauso wie ein Kind oder ein Sklave." (S. 4) einfach sehr, sehr unglücklich. Denn auch ein "Sklave" kann eine Frau sein oder ein Kind. Unterbewusst wird in diesem Satz "Frau" mit "weißer Frau" gleichgesetzt – und das ist nunmal nicht nur ignorant, sondern auch rassistisch. Don't shoot the messenger, peeps. Leider finden sich auch einige rassistische Stereotype in der Art, wie Schwarze Frauen hier illustriert wurden. Besonders unpassend fand ich die Darstellung der "Wunderheilerin" (wieder so ein Wort...) mit großem Kopfschmuck, die vor einem Feuer in einem Zelt tanzt. Ganz toll.
Insgesamt muss ich leider sagen, dass sich dieses Buch nach einem feel good-Comic anfühlt, welches der Schwere seines Inhalts nicht mal im Ansatz gerecht werden kann. Die globale Frauenbewegung wird als eine singuläre Bewegung mit geteilten klaren Zielen dargestellt, während basically nur auf die Probleme und Kämpfe von weißen Frauen im Westen akkurat eingegangen wird. Es richtet sich nicht wirklich an Kinder, dazu sind einige Illustrationen zu explizit, aber Erwachsene werden aus diesem Comic einfach kaum etwas mitnehmen. I kid you not, die einzigen zwei Sachen, die ich weiterführend recherchiert habe, sind die Geschichte der Iranerin Tahiri und die Sprengung des Landhauses von Lloyd George durch die Suffragetten (LMAO what a story). Ansonsten ist der Comic einfach nicht besonders informativ und lädt auch nicht wirklich zum Weiterbilden ein.
Letzten Endes habe ich mich trotzdem für 2 Sterne entschieden, weil ich die Idee hinter den Illustrationen (jedes Kapitel hat eine eigene Farbpalette) wirklich cool und auch recht originell fand, ich mochte v.a. das Siegertreppchen der ersten drei weiblichen Staatsoberhäupter (mit Sirimavo Bandaranaike aus Sri Lanka auf der 1) und die "Länderparade", bei denen die Frauen die Jahreszahl hochhielten, in denen sie in ihrem jeweiligen Land das uneingeschränkte Wahlrecht erhielten (in der Schweiz erst 1971 - WTF???). Und wenn man über das klägliche Scheitern in Bezug auf Intersektionalität hinwegsehen kann (spoiler: Ich kann es nicht, lmao), findet man schon ein paar interessante Fakten zu weißen Feministinnen – ich fand vor allem das Kapitel über Margaret Sanger und die Erfindung der Babypille interessant. Wie auch immer, grundsätzlich keine (!) Empfehlung von mir, aber wenn ihr die Graphic Novel ebenfalls kostenlos bekommen könnt, könnt ihr ja mal reinschnuppern.