Triggerwarnung für: Panikattacken, Depressionen
Lenis letztes Schuljahr bricht an und sie kann es kaum erwarten, mit ihrer besten Freundin Emma Abitur zu machen. Zumindest noch in den Sommerferien freut sie sich darauf und ist voller Energie. Doch kaum bricht die erste Schulwoche an, merkt sie, dass sich etwas tiefgreifend in ihr verändert. Sie bekommt Schweißausbrüche in der U-Bahn, während Prüfungen muss sie brechen, und die Fahrt auf Emmas Moped bereitet ihr Angst. Ihre Eltern begleiten sie von Arzt zu Arzt, bis sie schließlich die Diagnose bekommen: Panikattacken, Depressionen. Psychische Krankheiten, mit denen Leni und ihren Eltern nie was zu tun hatten, und die sie vor lauter neue Herausforderungen stellt.
Es ist nicht das erste Mal in einer Rezension, dass ich betone, wie wichtig es ist, dass psychische Erkrankungen in der Literatur öfter thematisiert werden und irgendwann vielleicht genauso wenig stigmatisiert werden wie körperliche Krankheiten. Dass wir die Angst der Gesellschaft davor minimieren, mit solchen Störungen umzugehen, und klar machen, dass es nicht das Ende der Welt oder des eigenen Lebens bedeutet, wenn man diese diagnostiziert bekommt. Dass wir dabei helfen, Betroffene zu verstehen, Empathie füreinander zu wecken und uns gegenseitig aufzuklären. Klarmachen, dass man damit nicht alleine ist.
All das habe ich schon öfter erwähnt und werde auch nicht müde rum, diese Worte immer wieder zu schreiben. Das ist jedoch das erste bekannte, wenn nicht sogar gehypte deutsche Buch, das so eine Thematik beherbergt, an Jugendliche heranträgt und sogar laut des Nachworts der Autorin teils auf eigenen Erfahrungen basiert. Und Himmel nochmal, wir brauchen mehr von dieser Art Literatur!
Als Hörbuch konsumiert, sind leider keine Stellen markiert worden, die man zitieren könnte, allerdings lohnt es sich allein aufgrund dieser wunderschönen, berührenden, wahren und schön formulierten Zitate die Print-Ausgabe kaufen. Ava Reed hat nicht nur starke Worte gefunden, die einem Mut machen und zeigen, dass man mehr ist als nur seine psychische Krankheit und es immer ein Leben daneben gibt, für das es sich zu kämpfen lohnt, auch die Art und Weise, wie sie Lenis Gedankenspiralen beschreibt und die Symptome und den Verlauf einer Panikstörung so in ihre Geschichte einbaut, sind sehr gelungen und erlaubt einem, diesen komplexesten Teil von solchen Erkrankungen besser zu verstehen. Sie verdeutlicht, dass es jeden von uns treffen kann, dass es von einem Tag auf den anderen geschehen kann, und dass der Weg zur Heilung und Akzeptanz leichter fällt, wenn man ihn mit anderen Personen gemeinsam geht.
Denn obwohl wir uns tief in Lenis Gedankenwelt befinden, wird auch thematisiert, wie es Familienangehörige und Freunde mitnehmen kann, wenn von einem Tag auf den anderen alles anders wird. Dass man als Belastung und Bürde wahrgenommen werden kann, als ein Schatten seiner selbst, dass zugleich diese Personen jedoch dazu bereit sind, sich den Weg mit einem zurückzuerkämpfen. Auch die Freundschaften, die Leni im Laufe ihrer Behandlung mit anderen Jugendlichen schließt, die ähnliche oder auch vollkommen andere psychische Probleme haben, sind schön zu beobachten. Etwas zu kurz angerissen, sind sie dennoch in ihrer Essenz eingefangen und zeigen auf, wie viel leichter der Kampf werden kann, wenn Menschen einem auf seinem Weg beistehen und einen anfeuern.
Zugleich wird jedoch jederzeit klargemacht, dass es in Lenis Macht liegt, sich selbst zu finden und ein Leben mit ihrer Krankheit zu führen, was Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen vielen Werken im Contemporary-Genre voraus hat. Ja, Liebe ist heilsam und erleichtert einem Vieles, sie gibt einem Anstöße und kann einem Kraft geben, aber die Hauptarbeit muss man immer noch selbst verrichten, und der schwerste Teil davon ist zu akzeptieren, wie und wer man ist. Denn es gibt zwar, ganz jugendbuch-obligatorisch, eine kleine Liebesgeschichte hier drin, die im Laufe des Buches auch eine größere Rolle einnimmt, allerdings wird gezeigt, dass es das nicht einfacher für Leni macht. Nicht die Anwesenheit einer geliebten Person selbst macht es leichter, sondern sich verstanden, gut aufgehoben und begleitet zu fühlen, egal ob man romantisch aneinander interessiert ist oder platonisch oder es ein Familienmitglied ist. Und diese Verbundenheit, die Leni und Matti, der an einer unheilbaren körperlichen Erkrankungen leidet, lässt die Gefühle füreinander wesentlich glaubwürdiger und realer erscheinen als die oh so sexuelle Anziehungskraft, die doch Liebe sein muss, die es zwischen so vielen anderen Protagonisten in Jugendbüchern gibt.
Und genau dieser korrekte Umgang mit dem Thema mentale Gesundheit für Außenstehende und Betroffene ist das stärkste Element dieses Buches. Aus dem amerikanischen Raum gibt es viele Beispiele, die in Sachen Plot und Charakterausbau etwas ausgearbeiteter sind. Denn abseits von Lenis Abdriften in die tiefsten Tiefen ihrer Depression passiert die erste Hälfte des Buches wenig, und auch die zweite Hälfte des Buches, in der Heilung und Herausforderung sich in einer gemeinsamen Reise vermengen, sind nichts Neues. Aber in genau solchen Geschichten geht es nicht um Innovation, sondern vielmehr um das Gefühl dahinter, das vermittelt wird. Und Ava Reed vermittelt Betroffenen ein Gefühl von Verstandenwerden, von Geborgenheit, von Hoffnung, von Möglichkeiten, die einem an manchen schlechten Tagen vielleicht gar nicht bewusst sind, man aber dennoch ergreifen kann. Und das macht dieses Buch wesentlich lesenswerter und realistischer als viele andere ,,Sick-Lit''-Romane, die meistens einfach nur tragische, verdammte Liebesgeschichten erzählen wollen: Es ist sehr nach innen gerichtet, es ist handlungsarm, und es legt seine Konzentration nahezu vollkommen auf Leni und ihre Selbstreflektion, die es braucht, um seine Recovery-Reise zu starten. Vollkommen ohne einen typischen Spannungsaufbau lebt das Buch nicht, schließlich ist es noch immer eine Geschichte und kann die Verarbeitung von solchen Problemen nie in seiner Gänze akkurat darstellen, allerdings ist es, ähnlich wie Mädchen in Scherben letztes Jahr, das, was am nächsten an Realismus und die ewigen Aufs und Abs von Recovery rankommt.
Alles in allem ist Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen ein berührender, einfühlsam geschriebener und wichtiger Jugendroman, der es in jedes Bücherregal der Welt schaffen sollte. Es klärt in einfachen Worten und treffenden Beschreibungen über genannte psychische Krankheiten auf, hat eine Handvoll schöner Botschaften für den (betroffenen) Leser zu bieten und zeigt, dass durch eine psychische Krankheit das Leben nicht beendet ist. Wer also auf innere Handlung, Charakterentwicklung und eine große Portion schön erzählten Realismus steht, der wird in diesem Buch seine Freude finden und mit Sicherheit auch ein paar Tränen weinen. Nicht nur, weil man Leni dabei beobachten kann, wie sie sich selbst akzeptiert und lernt damit zu leben, sondern auch, weil man sich verstanden fühlt und Anstöße bekommt, seine Krankheit als Eigenschaft von sich selbst statt als Makel zu betrachten. Ein Buch, das ich definitiv gebraucht hätte, als ich eine Jugendliche war, und eins, das ich heute aufgrund seiner Existenz und guten Geschichte umso mehr wertschätze.