Typ Buch, das wütend macht, weil man lange nicht herausfindet, ob die dargestellte Gewalt Folge eines unreflektiert fiesen Autors oder eine genaue Schilderung der Welt ist. Mir scheint: zweites ist richtig.
Es wird mit der Nachbarin, der Schülerin, der Kollegenfrau gevögelt, alles so derbe inszeniert und in so vulgäre Sätze gegossen, dass der Text manchmal zur Posse mutiert, insgesamt aber immer noch die Brücke zum Glaubwürdig-Historischen zu schlagen im Stande ist, ohne dabei einen verschmitzt grinsenden Humor zu verlieren.
Als da ist: China in den 60er und 70er Jahren, Kulturrevolution unter Mao, das Land erschlägt das Erbe und berauscht sich an "kulturellen Säuberungen", an Denunziation und obligatorischer Selbstanklage der hungernden Bauern, die nun Kommunisten sind, ohne zu wissen, was das bedeuten soll. Auf einem solchen Dorf wächst ein Junge heran, inmitten des egoistischen Handelns der sozial Verwahrlosten.
Wie im zuletzt gelesenen chinesischen Roman "Der Traum meines Großvaters" wabert der Erzähler, ist mal im Wissen klar beschränkter Ich-Erzähler, mal mit auktorialen Möglichkeiten ausgestattet. Die Zeitstruktur ist wie trudelnder Krümeltee im Glas, die Übersetzung klingt gut mit einzelnen Querschüssen ins Generische - "es lag auf der Hand" - was dem Text aber nur exotische Patina verleiht.
Ich möchte um nichts in der Welt mit einem Chinesen um 1970 tauschen, selten ist mir ein solches Maß an Armut und fehlendem Gemeinsinn untergekommen.
Wenn man dem Buch etwas vorwerfen kann, dann sicherlich, dass es keinen Handlungsstrang bereithält. Die Schilderungen der menschlichen Gier sind beeindruckend abartig, aber auch eine bloße Kette an einzelnen Spotlights. Das nimmt den Darstellungen nicht ihre Intensität, hätte aber noch etwas geschickter gelöst werden können.
Wer neugierig auf Land und Zeit ist, aber kein Sachbuch zu der Zeit lesen möchte, erfährt hier ebenfalls, welche Auswirkungen der große Wandel in China hatte. Die Gegenwart versteht man nach der Lektüre jedenfalls besser.