Lückenlose Chronik eines vorhersehbaren Scheiterns
eingebettete eigene Überlegungen kursiv
Lückenlose Chronik eines von vorn herein zum Scheitern verurteilten Feldzugs. Zamoyski zeigt ebenso gründlich die Mängel der Vorbereitung bzw. die logistische Unmöglichkeit auf, eine derartige Riesenarmee auf den Weg zu bringen und im Feindesland zu versorgen, bzw. die generellen Defizite bei der Infrastruktur. Im Gegensatz zu seinem gut 100 Jahre früher an anderen Faktoren gescheitertem Vorgänger Karl XII., der mit englischem Wohlwollen operierte, waren Napoleon die Seewege versperrt. Der schwedische König bezahlte zudem die Landbevölkerung für die Versorgung, besser sogar als die Einheimischen und ließ die besiegten Städte statt dessen bluten, bzw. die reiche Bürgerschaft zur Ader, während Napoleons Truppen Freund und Feind ausplünderten, so war es ja der Brauch auf allen seinen Feldzügen gewesen, bei denen sich seine Armee aus dem Land versorgen musste. In den republikanischen Anfangszeiten ging das gar nicht anders, aber immerhin gab es damals den Anspruch der Befreiung der Völker vom feudalen Joch.
Die Abkehr vom Befreiungsethos früherer Tage, in Sachen Polen wie der Leibeigenen, ist sicherlich die zweite Todsünde und verbindet sich mit der generellen Unentschlossenheit vor diesem Feldzug, der eher als Strafexpedition gedacht war, um den vermeintlichen Freund Alexander wieder auf die eigene Seite zu bringen. Eine schier unglaubliche Kumpel-Sentimentalität, jeder echte Macchiavelist hätte auf die Befreiungskarte gesetzt und zumindest einen Teil der Bevölkerung auf die eigene Seite gebracht, statt ein feindseliges Hinterland von bislang unbekannten Ausmaßen in Kauf zu nehmen.
Zamoyski stellt auch überzeugend dar, warum sich Alexander zu keinerlei Verhandlungen mehr bereit erklärte: 1) Beim Memel-Treffen, das Napoleon immer in verklärter Erinnerung behielt, fühlte sich der junge Zar vom charismatischen Franzosenkaiser über den Tisch gezogen. Schwache Naturen, reagieren auf die Einsicht, dass sie düpiert wurden, gern mit Komplett-Blockade, ganz egal, was und wie viel die andere Seite beim nächsten Anlauf nachlegt.
2.) Alexander stand selbst unter innenpolitischem Druck, denn die Mörder seines Vorgängers befanden sich auch in seinem Gefolge/Kabinett und hätten bei zu viel Nachgiebigkeit gegenüber den Franzosen schnell Platz für einen genehmeren Nachfolger gemacht. 3.) Die Kontinentalsperre erwies sich als Exportbeschränkung für das Agrarland Russland, dessen Artikel sich als Schmuggelware eigneten.
4.) Der von allerlei Napoleon-Gegnern (Clausewitz, Gneisenau) aus unterworfenen Ländern beratene Zar kannte das Verfahren seines Gegners (Sieg im Feld, Einzug in die Hauptstadt, Fliettierung des Landes). Allerdings führte der Experten-Overkill eher unfreiwillig dazu, dass die immer wieder hinausgezögerte Schlacht auf einem denkbar ungeeigneten Gelände und auf engstem Raum stattfand. Von daher geriet Borodino zum schlimmsten Gemetzel bis zur Somme-Schlacht, aber die Routine-Fehler der Weltkriegsgeneräle übertreffen so gut wie alles, was sich Napoleon auf dem Weg nach Moskau geleistet hat. Allerdings ließ sich der ungewöhnlich zaghafte Kaiser die Gelegenheit entgehen, einen Sieg nach seinen Standards zu erringen, indem er die Reste der gegnerischen Armee entkommen ließ, statt sie von ihrer Ausgangsbasis abzuschneiden.
Der Weg nach Moskau bzw. die Gründe, warum die Eroberung einer so großen Stadt nicht nur militärisch bedeutungslos, sondern in jeder Hinsicht zur fatelen Falle geriet, stellen auch die üblichen Napoleon-Bios ziemlich überzeugend dar, die den Weg zurück, aber eher als Telegramm VERSPÄTETER AUFBRUCH EINER MIT BEUTE UND BRÄUTEN ÜBERLADENEN ARMEE- PUTSCH IN PARIS - WUNDER DER BERESINA - ALLMACHTSPHANTASIEN IN DER KUTSCHE UND GRUSS AN GOETHE bringen.
Der Umstand, dass die Versorgung der Pferde den Ausschlag für den Aufbruch gab, war mir neu, ergibt aber Sinn, die Fütterung von praktisch nie gebrauchten Pferden für das britische Expeditions-Corps, war ein ganz großes logistische Herausforderung im Weltkrieg.
Dass die Franzosen in Sachen Hufeisen ziemlich sorglos unterwegs waren und bei Kälte einen ziemlich hohen Tribut zahlten, war mir schon bekannt, dass der damit einher gehende Verlust der Kavallerie sogar noch beim Ausschlag der Schlacht von Waterloo den Ausschlag gab, dagegen neu.
Aufgrund der Masse an bislang unterschlagenen Leidensgeschichten vor der Beresina, schrumpfte mein Lesetempo beträchtlich in Vier-Seiten-Etappen humpelte ich den Rückweg wie ein angeschlagener Kavallerist, der für immer abgesessen war. Dabei erfüllte mir Zamoyski sämtliche Wünsche seit dem ersten Kontakt mit dem Kaiser und seinem Russlandfeldzug. Ich konnte das Ende das Kapitels The Mirage of Smolensk nur in drei Etappen bewältigen, große und kleine Tragödien und ein Kaiser, der auf dem Allerwertesten einen Hang herunter rutschen muss, weil es nicht anders geht. Allein aus den letzten 10 Seiten könnte man mehrere großartige Erzählungen oder gar einen dicken Roman gestalten. Auch seine Generäle haben ihre bezeichnenden Erlebnisse, die spätere Reaktionen (Neys unhaltbares Käfigversprechen) oder persönliche Absetzbewegungen (Murat) erklären. Die Weigerung den Schwager und tollkühnen Kavallerie-General schlechthin für Waterloo wieder in Gnaden aufzunehmen und statt dessen den übervorsichtigen Ney an die Spitze der Reiterei zu setzen, der mit dem Stürmen einer anfangs unterbesetzten Stellung zu zögerlich vorgeht, ist ein weiteres Echo des Rückzugs von 1812. Dabei stellt Zamoyski die Schwächen von Napoleons Nepotismus gnadenlos bloß, wie beim Übergang eines Flüsschens, den Stiefsohn Eugene gnadenlos verpatzt, die schweren Kanonen ruinieren schnell die Furt, bei der Rettung des Gepäcks bis in die Abendstunden kommt es zu fatalen Unterkühlungen. Dabei waren zahlreiche Soldaten schon vorher ohne späten Kontakt mit eiskaltem Wasser erfroren.
Auf Schritt und Tritt des Rückzugs rächen sich die erschütternde Fahrlässigkeit/Ignoranz bei der Vorbereitung dieses Feldzugs tausendfach in Form von ohne Fremdeinwirkung getöteten Soldaten und verlorenen Pferden. Beim russischen Klima reicht auch kein Riesendusel, der Napoleon bei früheren Gelegenheiten gerettet hat, auch kein vereinzeltes Täuschungsmanöver, auch wenn der Übergang über die Beresina, frühere Erfolge wie Lodi, Arcole und co sicherlich in den Schatten stellt.
Denn immerhin gelingt es einen Teil der von der Ausgangsbasis abgeschnittenen Armee und der Kaiser wird nicht mit seinen eigenen Mitteln geschlagen und gefangen genommen, sondern kann die übelste Etappe so schnell wie möglich hinter sich bringen.
In Sache Leute verheizen, war er immer schon ziemlich skrupellos, bei der Pflege der Pestkranken vor Akkon ging er immerhin vorbildlich voran, aber Leid ohne militärischen Nutzen in diesem Ausmaß ist auch eine neue, vorher unvorstellbare Erfahrung. Dem anfangs unterschätzten russischen Winter war mit napoleonischem Witz nicht beizukommen, mit diesem Gegner ließ sich nicht verhandeln. Tatsächlich folgt das härteste Winter-Fiasko auf den Übergang über die Beresina.
Insofern wäre seine Einschätzung richtig, dass ihn nur der äußerst strenge Winter besiegt hätte.
Aber gerade das Wilna-Kapitel, mit frischen Truppen, die ohne Gelegenheit zur Anpassung an die klimatischen Verhältnisse in eine tödliche Winternacht gehetzt wurden, zeigt, wie viel mörderische Routine in der französischen Armee herrschte. Dass der Kaiser auf der Durchreise an den örtlichen Kommandanten keine entsprechenden Hinweise gab, war natürlich grob fahrlässig. Erst recht, wenn man dagegen hält, in welchen Allmachtsphantasien für die nächste schnell verheizte Armee, bzw. Liebesträumen der Kaiser auf der weiteren Rückfahrt schwelgte.
Die Kälte war die neue Erfahrung, die Armee unvorstellbar größer als das seinerzeit im Stich gelassene Ägypten-Heer. Da der Landweg wie der Seeweg durch die Briten gesperrt war, entging Napoleon nur durch einen tiefen Sonnenstand den Blicken der Flotte, die ihn fangen sollte und im Erfolgsfall schon 1798 für immer aus dem Verkehr gezogen hätte. Aus dergleichen Erfahrungen ziehen derartige Naturen natürlich ihren Sendungsglauben und tragen ihn in unzählige Biographien hinüber. Zamoyski hat der halben Million, die auf der Strecke eines komplett verfehlten und durch nichts gerechtfertigten Krieges blieb, eine Stimme gegeben und sämtliche Gründe für ein unvorstellbares Fiasko aufgeführt. Das allein rechtfertigt fünf Sterne, dass die manische Wirkung dieses Mannes auf seine Zeitgenossen bei dieser Entzauberung auf der Strecke blieb, - geschenkt. Es gibt unzählige Bücher, die dem Phänomen überreichlich gerecht werden.