Depressionen und Angststörungen sind ein zentrales Thema in Büchern von Matt Haig, der selbst seine eigenen Erfahrungen beim Schreiben verarbeitet. In diesem Exemplar, jedoch, hat sich Matt Haig weit übertroffen, sich mit diesen prekären Themen auseinander zu setzen. Denn versucht man ansatzweise, sich in die Lage des Mr. Cave zu versetzen, scheint die Welt weder heil noch friedlich.
In Mr. Cave´s Leben gab es vier Menschen, die er aufrichtig geliebt hat, und von diesen vier ist ihm lediglich seine Tochter Bryony geblieben. Seine Mutter und seine Frau nahmen sich das Leben, sein Sohn Reuben ist tödlich verunglückt. Mr. Cave versinkt aber nicht in Trauermodus, ganz im Gegenteil, er ist gewappnet mit Beherrschung und Regeln, die er seiner Tochter vorschreibt, um sie zu schützen. Aber wovor? Mr. Cave ist geplagt von Fantasien, die wilde Blüten treiben von Autounfällen, Vergewaltigungen und Entführungen, die seine Tochter betreffen könnten. So lässt er ihr kaum Freiraum zu leben.
Das Buch liest sich in Form eines Briefes, die Mr. Cave an seine Tochter geschrieben hat, in dem er über ihre gemeinsame Vergangenheit, Erlebnisse, Enttäuschungen reflektiert.
Die Geschichte des fürsorglichen Mr. Cave nimmt einen Wendepunkt gegen Ende des Briefes als er sich von Bryony verabschiedet und ihr wünscht, dass ihr Leben ohne jene Fehlentscheidungen verläuft, die seinen eigenen Lebensweg zerstört haben.
Mr. Cave ist ein vom Schicksal vernarbter und gebrochener Mann. Seine Liebe zu seinen Kindern empfand ich als störend, weil er Reuben und Bryony nicht im gleichen Maße lieben konnte. Er vermutet deshalb, dass Reuben dieses unerlässliche innere Zugehörigkeitsgefühl gefehlt hat, was er nicht in seiner Familie bekam und in einer Clique suchte. Um sich der Clique zu beweisen, erkletterte Reuben ein Lichtpfahl und verunglückte dabei tödlich. Mr. Cave ist der Ansicht, dass er seinen Sohn nicht schützen konnte. Er konnte ihn aber auch nicht lieben wie Bryony. Während Bryony ihre Persönlichkeit als Teenager zu entfalten versucht in der Tragödie, in der sie leben, stellen ihre Bemühungen, einen Platz auf dieser Welt zu finden, eine Enttäuschung für Mr. Cave dar. Er ist nicht zufrieden mit ihrer Weiterentwicklung.
"Alles, was wir an den Kindern ändern wollen, sollten wir zunächst wohl aufmerksam prüfen, ob es nicht etwas sei, was besser an uns zu ändern wäre (...). "
Carl Gustav Jung - Über die Entwicklung der Persönlichkeit.
Letztendlich geht Mr. Cave von dieser Welt. Wie viele andere Menschen leidete er unter der schwerwiegenden Krankheit, nämlich der Depression. Der Mensch soll funktionieren. Die Menschenseele ist aber zum Funktionieren nicht erschaffen.
Matt Haig versteht es, sich mit dem Schmerz und den Emotionen der Menschenseele auseinander zu setzen, wobei er in seiner Ausdruckweise und Sprache wieder einmal makellos glänzt.
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